Pipers Welt:Verschwörung

Pipers Welt: Illustration: Bernd Schifferdecker

Illustration: Bernd Schifferdecker

Der Film "Oeconomia" wird hoch gelobt, weil er angeblich die Geheimnisse des Kapitalismus entschleiert. Es lohnt sich, genauer hinzusehen.

Von Nikolaus Piper

Gute Verschwörungserzählungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie immun sind gegen Fakten. Corona ist eine Erfindung böswilliger Mächte, der Klimawandel ebenso, und der Terrorangriff vom 11. September 2001 war ein inside Job, sprich: Er wurde vom amerikanischen Geheimdienst verübt. Gegen solche Theorien hat die Realität keine Chance, jedenfalls bei denen, die daran glauben und sie im Internet verbreiten.

Und dann gibt es Verschwörungserzählungen, die von unbestrittenen Fakten ausgehen, gleichzeitig aber behaupten, diese seien bisher geheim gewesen und würden nun enthüllt. Die Rede ist von "Oeconomia", dem neuen Dokumentarfilm der Regisseurin Carmen Losmann. "Oeconomia" hatte auf der Berlinale Premiere und wird seither von der Filmkritik gefeiert. Das Geheimnis, das Losmann zu enthüllen verspricht, sind die "Spielregeln des Kapitalismus" und besonders die, nach der private Banken Geld schaffen können. Banken müssen "Profite" machen, und die sind nur möglich, "wenn wir uns verschulden". Deshalb müsse der Kapitalismus immer weiter wachsen und mehr Ressourcen verbrauchen "bis zur totalen Erschöpfung". Solche "Ungeheuerlichkeiten" will die Regisseurin anprangern. "Unser Wirtschaftssystem hat sich unsichtbar gemacht und entzieht sich dem Verstehen", heißt es in der Ankündigung zum Film. Eine Protagonistin, die Volkswirtin Elsa Egerer von der Uni Siegen, behauptet sogar, man lerne an der Uni gar nicht, wie das Geldsystem funktioniert.

Geld erzeugt keinen Wachstumszwang, sondern passt sich idealerweise an die Realwirtschaft an

Das ist, mit Verlaub, hanebüchener Unsinn. Wer in Deutschland einen Abschluss in Volkswirtschaftslehre anstrebt, der muss mindestens eine Vorlesung oder ein Seminar Geldtheorie belegen. Dort lernen der Student oder die Studentin selbstverständlich, wie das Geldsystem funktioniert: Eine Familie nimmt bei ihrer Bank einen Kredit auf, dadurch entsteht Geld. Zahlt sie den Kredit zurück, wird Geld vernichtet. Das Geld erzeugt keinen Wachstumszwang, sondern passt sich idealerweise an die Realwirtschaft an. Im Detail ist das zwar kompliziert, aber es ist so wenig ein Geheimnis wie die Funktionsweise eines Toasters.

Es lohnt sich, gelegentlich beim Altmeister John Maynard Keynes nachzulesen, der die Dinge oft auf den Punkt brachte. Vor fast 90 Jahren schrieb er in seinem "Treatise on Money" (deutsch: "Vom Gelde"): "Bankgeld ist einfach das Anerkenntnis einer privaten (...) Schuld, welches, im Verein mit barem Gelde von Hand zu Hand wandernd, zur Begleichung einer Transaktion dient." Im Film erklärt Peter Praet, ehemaliger Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, die Zusammenhänge ganz ähnlich. Einmal gerät er ins Stolpern, als er versucht, das für ihn Selbstverständliche möglichst populär auszudrücken. Die Kamera hält quälend lang auf die Szene, so lange bis, erwartbar, im Kinosaal Heiterkeit ausbricht: Aha, ertappt!

Man kann eben auch ohne Worte denunzieren. Nebenbei: Kreditgeld ist auch nicht konstituierend für den Kapitalismus. Vor dem Ersten Weltkrieg war Geld gleichbedeutend mit Gold, ohne dass die Wirtschaft dadurch weniger kapitalistisch gewesen wäre.

Nun gab es allerdings die Finanzkrise von 2008, und die hat einige Ökonomen zu einer radikalen Kritik des Kreditgeldsystems veranlasst. Einen hat Losmann interviewt: Thomas Mayer, früher Chefvolkswirt der Deutschen Bank und heute Direktor des Forschungsinstituts Flossbach von Storch. Mayer glaubt, dass Kreditgeld die Marktwirtschaft korrumpiert, weil der Staat im Ernstfall die Risiken der privaten Banken übernimmt. Mayers Rezept ist die komplette Privatisierung des Geldwesens. Jeder kann sein eigenes Geld emittieren, der Wettbewerb entscheidet, welches sich durchsetzt. Die Idee stammt von dem Altliberalen Friedrich A. von Hayek, der 1975 die Abschaffung des staatlichen Geldmonopols forderte. Dank Kryptowährungen könne man die Idee heute realisieren, glaubt Mayer.

Ein Beispiel dafür, wie man durch Weglassen die Unwahrheit sagen kann

Über diese Ideen kann man sehr ernsthaft diskutieren. Nur kommen sie im Film gar nicht vor. Das Interview ist so geschnitten, dass man meinen könnte, der überzeugte Liberale Mayer sei zum Kronzeugen des Antikapitalismus geworden. Ein schönes Beispiel dafür, wie man durch Weglassen die Unwahrheit sagen kann. In Wirklichkeit will Mayer den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern stärken.

Dabei ist der Film nicht so naiv, wie er daherkommt. Das zeigen seine "Protagonisten", zwei Frauen und vier Männer, die in einer Einkaufspassage sitzen, eine Art Monopoly spielen und immer wieder das Geschehen kommentieren. Die Wirtschaftspublizistin Samirah Kenawi ist dabei, eine ökonomische Autodidaktin, die einmal ein Buch mit dem Titel "Falschgeld" geschrieben hat. Außerdem der Ökonom Lino Zeddies vom Verein Monetative und der Physiker Dag Schulze vom Netzwerk Monneta. Beide setzen sich für die Abschaffung des Kreditgeldes und die Einführung von "Vollgeld" ein, das ausschließlich von Zentralbanken emittiert wird. Über dies Vollgeld wurde und wird in Nischen der Ökonomenzunft viel diskutiert. Das wichtigste Argument dagegen ist die Sorge, dass mit dem Vollgeld die Zentralbank unbegrenzte Macht bekommen würde. Vor drei Jahren haben die Schweizer die Einführung von Vollgeld in einer Volksabstimmung mit 75 Prozent abgelehnt.

Auch diese Hintergründe verschweigt der Film. Dafür übernimmt er die Ansichten der Vollgeld-Anhänger ungeprüft, unkommentiert und vor allem, ohne die Herkunft offenzulegen. Er lädt sie ideologisch auf zu einem diffusen, endzeitlichen Antikapitalismus. Das ist Propaganda und eben Verschwörungsglaube.

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