Verkehr:Schwarze Taxen ganz grün

Verkehr: Britisch wie der Union Jack sind die Black Cabs - und seit zwei Jahren auch ein bisschen chinesisch.

Britisch wie der Union Jack sind die Black Cabs - und seit zwei Jahren auch ein bisschen chinesisch.

(Foto: Björn Finke)

Die Londoner Black Cabs sollen umweltfreundlich werden und ein weltweiter Hit - auch in Deutschland.

Von Björn Finke, Coventry

Über der letzten Station der Fertigungsstraße hängen zwei Fahnen von der hohen Decke der Fabrikhalle. Links die britische, rechts die chinesische. In der Mitte baumelt ein Banner mit dem Logo des Unternehmens und der Parole: "Building a British Icon". Also ungefähr: "Wir bauen eine britische Ikone". Acht Stück dieser Ikonen rollen jeden Tag aus dem Werk, das in einem durchschnittlich hässlichen Gewerbegebiet in Coventry liegt, einst Zentrum der britischen Autoindustrie. Diese Ikonen sind ganz überwiegend schwarz lackiert, ihre nostalgisch-klobige Silhouette ist unverwechselbar. Hier baut die London Taxi Company ihre Black Cabs, die weltberühmten Taxen der Hauptstadt.

Schon seit 1948 werden die geräumigen Droschken in Coventry gefertigt. Doch seit zwei Jahren hat die Traditionsmarke einen neuen Eigner. Weil das der chinesische Autokonzern Zhejiang Geely ist, hängt nun eben die rote Nationalflagge mit gelben Sternen in der Fabrik. Geely übernahm den Taxi-Spezialisten für elf Millionen Pfund aus der Insolvenz. Jetzt investiert der Käufer noch einmal 300 Millionen Pfund, etwa 420 Millionen Euro, in ein viel größeres Werk samt Entwicklungszentrum am Stadtrand. Denn die Chinesen haben ehrgeizige Pläne. Sie wollen mit umweltfreundlichen Modellen den weltweiten Taximarkt aufrollen. Auch in Deutschland sollen die Black Cabs bald zum Straßenbild gehören.

Der Chef der London Taxi Company erlebte bereits die Pleite der Firma mit - Peter Johansen fing gerade einmal zehn Monate vor der Insolvenz als Finanzvorstand an. Geely beförderte ihn zum Herr der schwarzen Taxen. Der Manager setzt sich ein ausgesprochen kühnes und wohl nicht völlig ernst gemeintes Ziel: "Ich hoffe, dass eines Tages in Stuttgart mehr unserer Taxen als Mercedes-Taxen auf den Straßen sind." Ausgerechnet Stuttgart, die Heimat von Daimler. Respektlos. Johansen gibt sich jedoch keinen Illusionen hin: "Deutsche Taxifahrer werden sich nicht so schnell von ihren geliebten Mercedes-Modellen trennen." Aber einige Fahrer würden schon auf die neuen Black Cabs umsteigen, schätzt er. Diese Autos werden von 2017 an in der Fabrik am Stadtrand gefertigt, die gerade hochgezogen wird. Das Modell wurde wenig einfallsreich TX5 getauft; es löst den aktuellen TX4 ab, der im alten Werk vom Band läuft.

Die neuen Black Cabs könnten auch Green Cabs heißen: Sie haben einen Hybridantrieb, also einen Elektro- und einen Benzinmotor. Bei Touren im Stadtzentrum können sie Passagiere elektrisch und ohne Abgase herumkutschieren.

Für die London Taxi Company ist das überlebenswichtig, denn im wichtigsten Markt, der britischen Hauptstadt, gelten von 2018 an strenge Regeln. Dann werden Taxen nur noch neu zugelassen, wenn sie mindestens 48 Kilometer am Stück fahren können, ohne die Luft zu verpesten - also elektrisch. Luftverschmutzung ist ein drängendes Problem in der Hauptstadt, die Belastung mit Stickoxiden überschreitet regelmäßig die Grenzwerte der EU.

Taxi-Baumeister Johansen sagt, das neue Hybridmodell sei nicht nur grüner, sondern auf lange Sicht auch billiger für die Fahrer: Die Ersparnisse bei den Spritkosten würden den höheren Kaufpreis im Vergleich zu Dieselautos mehr als ausgleichen, verspricht der Manager. Er rechnet daher damit, dass es in anderen Ländern ebenfalls Interesse an den geräumigen und umweltfreundlichen Taxen gibt.

Ansonsten würde es auch schwer, die neue teure Fabrik auszulasten. Das bestehende Werk fertigt mit 77 Beschäftigten gerade mal 1500 Black Cabs im Jahr. Die werden ganz überwiegend nach London geliefert. In der Hauptstadt sind 22 500 Taxen registriert, mehr als 90 Prozent stammen von Johansens Firma. Daneben kreuzen unter anderem umgebaute Mercedes Vitos, also Kleintransporter, als Taxen durch die Metropole. Nur ein Fünftel der Black Cabs aus Coventry wird außerhalb Londons verkauft - in anderen britischen Städten oder im Ausland.

Das neue Werk kann 36 000 Autos im Jahr bauen. Daher muss das Modell ein Exportschlager werden

Das muss sich ändern: Die neue Fabrik der London Taxi Company soll bis 2023 auf eine Kapazität von 36 000 Fahrzeugen im Jahr kommen. Nicht alles sind Taxen. Das Unternehmen will die Plattform seines Hybridautos nutzen, um auch kleine umweltfreundliche Lieferwägen zu produzieren. Trotzdem wird die Firma ein Vielfaches der heute 1500 Taxen pro Jahr bauen müssen, damit im Werk keine Langeweile herrscht. Das gelingt nur, wenn die knubbeligen Taxen zum Exportschlager werden. Die Black Cabs, die ein Symbol für London sind wie Tower Bridge und Big Ben, sollen in vielen anderen Städten der Welt ebenfalls durch die Straßen summen - schön grün elektrisch angetrieben.

"Wir werden das Modell in London zuerst einführen", sagt Johansen. "Die Stadt ist unser Schaufenster, um zu zeigen, dass das Auto zuverlässig und attraktiv ist." Andere britische Städte sollen folgen. Danach Europa, dann der Rest der Welt. Die Hybridtechnik stammt vom Mutterkonzern Geely. Eine andere Geely-Tochter hat bereits reichlich Erfahrung mit Hybridantrieben gemacht: Volvo. Geely kaufte den schwedischen Hersteller im Jahr 2010 dem US-Konzern Ford ab.

Wer in London Taxen verkaufen will, muss besondere Anforderungen erfüllen, die in einem 14-seitigen Kriterienkatalog niedergelegt sind, den "Conditions of Fitness". Da ist etwa der enge Wendekreis von 7,62 Metern vorgeschrieben, um in den vielen schmalen Straßen der Kapitale gut drehen zu können. Schwierig genug für die Hersteller. Doch die strengen Abgasregeln von 2018 an könnten bedeuten, dass kein Produzent außer Johansens Unternehmen alle Vorgaben einhalten kann - er wäre Monopolist in London. "Ich mag es nicht, von einem Monopol zu sprechen", sagt der Chef. "Anderen Herstellern steht es ja frei, ebenfalls 300 Millionen Pfund in ein passendes Modell zu investieren." Aber die harten Regeln gäben der Firma "schon eine gute Startposition", räumt er ein.

Die hat die London Taxi Company für ihre ehrgeizigen Pläne auch dringend nötig.

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