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USA:Ende der Verleugnung

Demonstration vor der Konzernzentrale von Purdue Pharma in Stamford im US-Bundesstaat Connecticut.

(Foto: Jessica Hill/AP)

Nächster Schritt im Schmerzmittel- und Drogendrama: Der Pharmakonzern Purdue, Hauptakteur der Opioid-Krise in den USA, geht in Insolvenz.

Der Medikamentenhersteller Purdue Pharma, einer der Hauptverantwortlichen für die verheerende Schmerzmittel- und Drogenepidemie in den USA, hat Insolvenz angemeldet. Der Schritt ist Teils eines geplanten Vergleichs mit mehr als 2000 Kommunen, Bundesstaaten und Krankenhäusern im ganzen Land, die Schadenersatz von dem Konzern verlangen. Allerdings gibt es darüber hinaus viele weitere Regionalregierungen, die dem Deal im Volumen von mehr als zehn Milliarden Dollar nicht zustimmen. Die gerichtliche Auseinandersetzung wird daher weitergehen.

Die jetzige Vereinbarung sieht vor, dass die Milliardärsfamilie Sackler im Zuge des Insolvenzverfahrens die Kontrolle über Purdue abgibt. Anschließend soll die Firma unter dem Dach einer Treuhandgesellschaft wiederauferstehen. Das Unternehmen wird auch in Zukunft das stark süchtig machende, opioidhaltige Medikament Oxycontin verkaufen, das die Epidemie mitausgelöst hatte, für Menschen mit starken Schmerzen aber bis heute oft die letzte Rettung ist. Die Gewinne fließen aber nicht länger an die Sacklers, sondern in die Entschädigung Betroffener. Der Konzern will zudem kostenlos Medikamente zur Behandlung Drogensüchtiger bereitstellen.

Die Opioid-Krise hat den Behörden zufolge bisher 400 000 Amerikanern das Leben gekostet, auch heute sterben noch 130 Menschen - pro Tag. Purdue hatte Oxycontin 1995 auf den Markt gebracht und daraus mit Hilfe von Halbwahrheiten und Präsenten an Ärzte einen Kassenschlager geformt. Das Medikament galt zunächst als Wunderwaffe gegen Schmerzen, bald aber zeigte sich, dass es sehr rasch abhängig macht. An der Sucht vieler Patienten, darunter Tausende Jugendliche, sollen korrupte Ärzte mitverdient haben, die das Mittel aus Profitgier in großem Stil verordneten. Als die Gefahren offenkundig und die Verschreibungsregeln verschärft wurden, rutschten viele Nutzer in die Heroin-, dann in die Fentanylsucht ab, weil beide Drogen als chemisch verwandte Stoffe auf dem Schwarzmarkt billiger zu bekommen sind als Oxycontin. Laut US-Regierung hat die Krise, an deren Entstehen weitere Pharmakonzerne beteiligt waren, einen volkswirtschaftlichen Schaden von mehr als 500 Milliarden Dollar angerichtet.

Familie Sackler wird drei Milliarden Dollar aus der Privatschatulle beisteuern

Die Familie Sackler, die laut Wirtschaftsmagazin Forbes ein Gesamtvermögen von 13 Milliarden Dollar besitzen soll, wird zu dem Vergleich drei Milliarden Dollar aus der Privatschatulle beisteuern. Sie sollen durch den Verkauf der britischen Purdue-Tochter Mundipharma hereinkommen. Rund zwei Dutzend US-Bundesstaaten halten den Beitrag jedoch für zu gering und lehnen den Vergleichsvorschlag deshalb ab. Sie verlangen eine Beteiligung der Familie in Höhe von mindestens 4,5 Milliarden Dollar. Viele andere Regionalregierungen vertreten dagegen die Auffassung, es sei besser, die jetzige Vereinbarung zu akzeptieren als zehn weitere Jahre zu prozessieren. Als nächstes muss nun ein Konkursrichter entscheiden, ob er den Vergleich billigt. Ein Bekenntnis der Sacklers, die Krise ausgelöst und den Tod unzähliger Menschen mitverschuldet zu haben, gibt es bis heute nicht.

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