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US-Prozess gegen Ex-Goldman-Händler:Das Gesicht der Gier

Goldman Sachs Executives Testify At Senate Hearing On Financial Crisis

Fabrice Tourre steht in New York vor Gericht.

(Foto: AFP)

Der spektakuläre Prozess könnte zu einem schweren Imageschaden seines früheren Arbeitgebers führen. In New York steht der ehemalige Goldman-Sachs-Händler Fabrice Tourre vor Gericht. Der "fabelhafte Fab" soll während der Finanzkrise Klienten um eine Milliarde Dollar betrogen haben.

Es ist ein schüchtern wirkender junger Mann, der an diesem Montag um acht Uhr morgens vor dem US-Bezirksgericht in Manhattan erscheint: Fabrice Tourre, 34, gebürtiger Franzose, ehemaliger Wertpapierhändler und für viele ein Symbol für die Finanzkrise, genauer: für all die Absurditäten in den Handelsräumen der Banken, die schließlich in die Katastrophe führten. Die Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission, SEC, wirft Tourre vor, Investoren über die miserable Qualität seiner Wertpapiere getäuscht zu haben.

Auch wenn es nur ein Zivilprozess ist - bei dem Verfahren geht es um Grundsätzliches. Sollte die SEC recht bekommen, dann müsste nicht nur Tourre viel Schadensersatz zahlen, es bedeutete auch einen kaum abschätzbaren Image-Schaden für Tourres früheren Arbeitgeber, die Investmentbank Goldman Sachs. Setzt sich Tourre dagegen durch, wäre dies ein schwerer Rückschlag für die SEC bei ihrem Versuch, die Finanzkrise juristisch aufzuarbeiten.

Tourre offenbarte sich in einer E-Mail an seine Freundin

Gegenstand des Prozesses ist der mittlerweile berüchtigte Abacus-Deal. Tourre, zuständig für strukturierte Finanzprodukte bei Goldman Sachs, entwarf 2007 eine komplexe Hypothekenanleihe, eine Collateralized Debt Obligation (CDO) mit Namen "Abacus", die durch Hauskredite aus den ganzen USA gedeckt war. Genau genommen war "Abacus" eine "synthetische" CDO: Goldman-Kunden sollten sie nicht besitzen, sondern auf Kursanstieg oder -verfall wetten.

Was Tourre und Goldman den Kunden verschwiegen, war die Tatsache, dass nicht Goldman die Hauskredite hinter der CDO ausgesucht hatte, sondern der Hedgefonds-Manager John Paulson. Der jedoch wettete damals auf den Zusammenbruch des Immobilienmarktes und brauchte ein Vehikel für diese Wette. Dieses Vehikel war Abacus: Paulson packte die schlechtesten Hauskredite hinein, die er finden konnte, der Absturz der CDO war so gut wie garantiert. Und François Tourre muss dies gewusst haben: "Das ganze Gebäude wird bald zusammenstürzen. Nur einen Überlebenden wird es geben - den fabelhaften Fab", schrieb er damals per E-Mail an seine Freundin. Der "fabelhafte Fab" war natürlich er selbst. Die Investoren, darunter die deutsche IKB, verloren eine Milliarde Dollar bei dem Deal.

Die SEC argumentiert nun, Tourre habe die Investoren hinters Licht geführt, weil er die Rolle von Paulson nicht offengelegt hatte. Tourres Anwälte halten dagegen: Bei den Investoren habe es sich nicht um unbedarfte Kleinanleger gehandelt, sondern um Profis. Sie hätten gewusst, dass es bei derartigen Wetten immer jemanden geben muss, der auf den Verfall der Kurse setzt. "Fabrice Tourre hat nichts falsch gemacht", erklärten seine Anwälte Pamela Chepiga und Sean Coffey. "Er ist zuversichtlich, dass die Jury die Vorwürfe der SEC zurückweisen wird, wenn alle Beweise berücksichtigt sind."

Beweisstücke dürften überwiegend E-Mails und aufgezeichnete Telefongespräche sein. Goldman Sachs hatte sich bereits 2010 mit der SEC auf einen Vergleich geeinigt: Die Investmentbank räumte "Fehler" ein und zahlte eine Buße von 550 Millionen Dollar. Tourre muss den Prozess daher alleine führen, allerdings trägt Goldman seine Prozesskosten. Die Dauer des Verfahrens ist auf drei Wochen angesetzt.

Fabrice Tourre arbeitet seit 2011 nicht mehr für Goldman. Nach seinem Abschied ging er als Freiwilliger für eine Entwicklungshilfegruppe nach Ruanda. Gleichzeitig schrieb er sich an der Universität von Chicago als Student der Ökonomie ein. "Er war einer meiner besten Studenten", sagte Professorin Nancy Stokey der New York Times. Von der Vorgeschichte habe sie nichts gewusst.