Urteil  Albtraum Monsanto

Ein US-Gericht spricht einem krebskranken Ehepaar mehr als zwei Milliarden Dollar zu. Konzernchef Baumann gerät in Bedrängnis.

Von Elisabeth Dostert und Claus Hulverscheidt, New York/München

Der Ärger über Bayer ebbt nicht ab. Neue Gerichtsurteile und eine Monsanto-Liste mit Unternehmenskritikern sorgten zuletzt für heftigen Gegenwind.

(Foto: Philippe Lopez/AFP)

Es geht noch tiefer. Um fünf Prozent bis auf 53,65 Euro fiel der Aktienkurs des Pharma- und Agrarchemie-Konzerns Bayer am Dienstag auf den niedrigsten Stand seit sieben Jahren. Bis zum Handelsende erholte sich die Notierung auf 55,33 Euro. Am Montagabend hatten Geschworene eines Gerichts im kalifornischen Oakland dem Ehepaar Alva und Alberta Pilliod mehr als zwei Milliarden Dollar Schadenersatz zugesprochen. Es macht den glyphosat-basierten Unkrautvernichter Roundup für eine Krebserkrankung verantwortlich. Jahrzehntelang hatte das Paar, beide über 70 Jahre alt, das Unkraut in der Garagenauffahrt ihres Hauses mit Roundup bekämpft. Es ist die dritte Niederlage für Bayer und Monsanto. Jede erhöht den Druck auf den Dax-Konzern und Vorstandschef Werner Baumann.

Wie in allen bisherigen erstinstanzlichen Urteilen besteht die Strafe aus zwei Komponenten, einem Strafschadenersatz von jeweils einer Milliarde Dollar für jeden Ehepartner und 55 Millionen Dollar Schmerzensgeld für das Paar. Zwar gehen die meisten Experten davon aus, dass der Strafschadenersatz gekürzt werden wird. Nach der vorherrschenden Rechtssprechung in den USA sollte er höchstens zehnmal so hoch ausfallen wie das Schmerzensgeld. Die Lage für Bayer und seinen angezählten Vorstandschef Werner Baumann wird trotzdem immer prekärer, denn vor allem er hat die 63 Milliarden Dollar teure Übernahme von Monsanto gegen alle Widerstände durchgezogen.

Ein Vergleich könnte den Konzern aus Leverkusen bis zu 20 Milliarden Dollar kosten

"Das Schicksal von Bayer liegt jetzt in der Hand des US-Richters, der als nächster die Höhe der Strafe prüft", sagte Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Das Urteil verdeutlicht die enormen Risiken des Monsanto-Deals", so Markus Manns, Portfoliomanager bei der Fondsgesellschaft Union Investment: "Es zeigt wieder, dass sich Bayer mit der Akquisition erhebliche rechtliche und finanzielle Risiken eingekauft hat, die sich zum heutigen Zeitpunkt nur schwer quantifizieren lassen." Mit jedem negativen Urteil sinke die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein möglicher Vergleich, wie von vielen Analysten bislang geschätzt, auf fünf Milliarden Dollar belaufen könnte. Die Analysten des Informationsdienstleisters Bloomberg Intelligence haben ihre Schätzung für eine Vergleichssumme bereits angehoben - von sechs auf zehn Milliarden Dollar.

Bayer muss um seine Bonität bangen, womit die Aufnahme von Krediten teurer würde und der Konzern an Attraktivität für Investoren verlöre. Die US-Ratingagentur Moody's, die Bayer gegenwärtig mit Baa1 (mit negativem Ausblick) bewertet, hat verschiedene Szenarien ausgerechnet. Nach einer Studie von Ende April könnte Bayer einen Vergleich über fünf Milliarden Euro im Jahr 2020 verkraften, ohne das Rating zu gefährden. Dabei werden Erlöse aus dem geplanten Verkauf der Tiergesundheit, der Marken Coppertone und Dr. Scholl's sowie anderer Marken und Beteiligungen von insgesamt 8,5 Milliarden Euro unterstellt sowie frei verfügbare Finanzmittel nach Ausschüttung der Dividende von 3,1 Milliarden Euro, schreibt die Ratingagentur.

Die Einschätzung gilt nach wie vor, sagt Analyst Martin Kohlhase. Falls Bayer der Vergleich in den Jahren 2020/2021 rund 20 Milliarden Euro koste und nur 5,75 Milliarden Euro aus den Verkäufen einnimmt, wäre das von Bayer "schwerer zu verdauen" und könnte das aktuelle Rating gefährden. Durch die Glyphosat-Verfahren sei auch die Reputation von Bayer gefährdet. Die negative öffentliche Wahrnehmung könnte, so Kohlhase, auch das übrige Geschäft belasten. Die Ratingagentur schließt auch nicht aus, dass die Behörden in der Europäischen Union Glyphosat die Zulassung entziehen.

Vermögensverwalter und Corporate-Governance-Experte Christian Strenger wertet das Urteil als erneuten Beleg dafür, "dass Bayer die juristisch und reputationsmäßig für den Kauf von Monsanto relevanten Fragen erheblich unterschätzt" habe. Strenger glaubt zwar, dass Bayer die derzeit von Analysten geschätzte Vergleichssumme von zehn bis 20 Milliarden Euro noch verkraften könne, aber in seiner Zukunftsfähigkeit insbesondere für die Pharma- und Consumer-Health-Aktivitäten deutlich beeinträchtigt wäre. "Die weitere Kursentwicklung von Bayer wird auf unabsehbare Zeit von den Nachrichten aus den Gerichtssälen abhängen", sagte Nicolas Huber, Corporate-Governance-Experte der Fondesgesellschaft DWS: "Es stellen sich viele Fragen nach der Due Diligence, ob diese wirklich vollumfänglich war, welche Risiken schon vorher erkannt und bewertet wurden und wie das Unternehmen vor allem zukünftig mit diesen Risiken umgehen wird."

Die Entscheidung erhöhe das Risiko, dass Bayer übernommen werde oder aktivistische Investoren wie angeblich bereits der US-Milliardär Paul Singer bei Bayer einsteigen und den Konzern zerschlagen, zitiert Bloomberg den Analysten Markus Mayer von der Baader Bank. Anna Pavlik, Krisenberaterin der New Yorker Firma United First Partners, hat die Gerichtsverfahren beobachtet und den Eindruck, dass es mittlerweile mehr Beweise zulasten von Monsanto gebe. Das stärke die Kläger in kommenden Verfahren. In den USA sind rund 13 400 Klagen eingereicht worden.

Im Falle des Rentnerehepaares aus Kalifornien befand die Jury Monsanto schuldig, bei der Entwicklung von Roundup Fehler begangen, die Nutzer nicht vor möglichen Krebsgefahren gewarnt und fahrlässig gehandelt zu haben. Bei Alva Pilliod wurde 2011 ein Non-Hodgkin-Lymphom diagnostiziert, eine bösartige Erkrankung des lymphatischen Systems. Seine Frau bekam dieselbe Diagnose vier Jahre später. Aufgrund der Werbung des Unternehmens hätten sie den Eindruck bekommen, dass das Mittel sicher sei, beklagte sich Alberta Pilliod auf einer Pressekonferenz. Sie wünschten sich, dass Monsanto über die Gefahren des Mittels aufgeklärt hätte. "Es hat unser Leben für immer verändert. Wir können nicht mehr die Dinge machen, die wir früher konnten und das nehmen wir Monsanto wirklich übel", so die 74-Jährige.

Bayer hatte vor Gericht vergeblich darauf verwiesen, dass beide Kläger eine lange Historie von Vorerkrankungen hätten, die bekanntermaßen erhebliche Risikofaktoren für eine Erkrankung am Non-Hodgkin-Lymphom seien. Es gebe keine wissenschaftlichen Beweise, dass es ohne den Einsatz von Glyphosat nicht zu der Krebserkrankung gekommen wäre. Doch die Jury überzeugte das nicht. Sie machte das Monsanto-Präparat für die Krebserkrankung verantwortlich. Brent Wisner, einer der Rechtsanwälte der Pilliods, sagte nach dem Urteil, die Beweise belegten, dass Monsanto vom ersten Tag an kein Interesse daran gezeigt habe herauszufinden, ob Glyphosat sicher sei.

Bayer reagierte wie stets in den vergangenen Monaten: Der Konzern sei enttäuscht über die Entscheidung und wolle sie anfechten. Aus Sicht des Konzerns gibt es weltweit "mehr als 800 wissenschaftliche Studien", die belegen, dass Glyphosat sicher sei. Auch hätten Behörden in 160 Staaten den Wirkstoff in den Produkten von Monsanto eingehend geprüft und genehmigt, auch das US-Umweltamt EPA. Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte Glyphosat dagegen 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" für Menschen ein.

Mit ihrem jetzigen Beschluss stoßen die Geschworenen in Oakland in eine neue Dimension vor. In den beiden ersten erstinstanzlichen Verfahren fielen die Summen deutlich niedriger aus. Mitte August 2018 sprachen Geschworene eines Gerichts in Kalifornien dem ebenfalls an Lymphdrüsenkrebs erkrankten Dewayne Johnson zunächst gut 289 Millionen Dollar zu. Der Hausmeister hatte von 2012 bis 2015 auf den Grünflächen eines Schulbezirks in Kalifornien Unkraut mehrmals im Jahr mit dem Glyphosat-basierten Mittel Roundup bekämpft. Weil bei Johnson die Krankheit weit fortgeschritten war, wurde sein Verfahren vorgezogen. Im Oktober kürzte dann Richterin Suzanne Ramos Bolanos die Strafe aus formellen Gründen auf knapp 79 Millionen Dollar. Das Gericht bestätigte den Schadenersatz für gesundheitliche und finanzielle Schäden in Höhe von 39 Millionen Dollar und kürzte den Strafschadenersatz, mit dem das Gericht das Fehlverhalten von Monsanto ahndet und mögliche Nachahmer abschrecken will, von 250 Millionen auf 39 Millionen Dollar. Ende März 2019 sprach eine Jury am Bundesgericht Northern District of California Ed Hardeman 80 Millionen Dollar zu, davon sind fünf Millionen Dollar Schadenersatz und 75 Millionen Dollar Strafzahlungen. Er hatte jahrelang Glyphosat auf seinen Feldern ausgebracht. Die Entscheidung wiegt schwerer als das Urteil im Fall Dewayne Johnson, denn es handelt sich um einen Bellwether-Case in einem Massenverfahren, er weist die Richtung für weitere Verfahren. Im April weist der zuständige US-Bundesrichter Vince Chhabria, bei dem mehrere Hundert Klagen gebündelt sind, Bayer und die Kläger an, sich einen Vermittler zu suchen und sich zu vergleichen.

Das Vertrauen in Bayer-Chef Baumann schwindet zusehends. Bei der Hauptversammlung Ende April in Bonn hatten die Aktionäre dem gesamten Vorstand unter seiner Führung die Entlastung verweigert.

Baumann hatte die Übernahme von Monsanto unmittelbar nach seiner Berufung zum Vorstandsvorsitzenden vor drei Jahren gegen alle Widerstände durchgezogen und auch dann noch an dem Plan festgehalten, als die Klagewelle bereits losging. Heute sehen sich viele Kritiker der Entscheidung in ihrer Skepsis bestätigt: Für sie ist das Unternehmen Monsanto mit seinem gentechnisch veränderten Saatgut und den umstrittenen Pflanzenschutzmitteln der Inbegriff all dessen, was in der modernen Landwirtschaft schiefläuft.

Die Aktie hat seit der Übernahme in den USA 40 Prozent verloren

Die umstrittene Firma soll darüber hinaus ruppig mit Kunden und Kritikern umgesprungen sein: Erst am vergangenen Wochenende war bekannt geworden, dass Monsanto 2016 in Frankreich - und womöglich auch anderswo - geheime Listen mit Unterstützern und Gegnern hatte anlegen lassen. Nach übereinstimmenden Berichten französischer Zeitungen sammelten PR-Agenturen im Auftrag des Unternehmens Informationen über zuletzt rund 200 Wissenschaftler, Politiker und Journalisten sowie deren Haltung zu Glyphosat und zur Gentechnik. Bayer entschuldigte sich dafür und räumte am Montag ein, bei Monsanto sei öfters mal nicht der Ball, sondern der Mann oder die Frau gespielt worden. Mehrmals sei "der Rubikon" überschritten worden, gestand Cheflobbyist Matthias Berninger. Eine Anwaltskanzlei soll jetzt die Vorwürfe prüfen.

Im Fall der möglichen Glyphosat-Folgeerkrankungen hat eine ganze Reihe von Anteilseignern den Bayer-Vorstand mittlerweile aufgefordert, einen Vergleich mit den US-Klägern zu schließen. Davor scheut das Unternehmen zurück, weil ein solcher Schritt nicht nur Milliarden kosten würde, sondern auch mit dem Eingeständnis verbunden wäre, dass Roundup gesundheitsgefährdend ist. Das Unkrautvernichtungsmittel wird weiter ohne konkrete Krebswarnung verkauft, es ist einer der größten Umsatzbringer für Monsanto. Seit Bekanntwerden des ersten Glyphosat-Urteils in den USA im Sommer vergangenen Jahres hat die Bayer-Aktie rund 40 Prozent ihres Werts verloren. Sollten die bisherigen Urteile auch nur im Ansatz bestätigt werden und Tausende weitere folgen, könnte gar die Existenz des Traditionskonzerns aus Leverkusen in ihrer bisherigen Form auf dem Spiel stehen.