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Umweltschutz:Friedensbruch am Peace River

In Kanada wird für viele Milliarden ein Staudamm gebaut, dessen Nutzen höchst umstritten ist. Dabei verlieren viele Ureinwohner ihre Heimat. Einige Indianerstämme wollen bis zuletzt Widerstand leisten.

Es gibt keinen Frieden am Peace River. Schwere Maschinen graben Hektar um Hektar um, entwurzeln Bäume, Gebüsch und Gras. Im Nordosten der kanadischen Provinz British Columbia wird der Bau eines gigantischen Staudammes vorbereitet. Auftraggeber ist BC Hydro, ein Elektrizitätsunternehmen, das der Provinz gehört. Der Damm soll 6,4 Milliarden Euro kosten, es ist eines der teuersten Projekte seiner Art in Kanada. 53 Quadratkilometer Fläche - das ist rund ein Sechstel der Stadtfläche von München - und 107 Kilometer des Flusslaufes sollen überflutet werden. So soll dann ab dem Jahr 2024 genügend Strom für 450 000 Häuser erzeugt werden. Doch das Projekt ist umstritten. Immer mehr Menschen und Organisationen leisten Widerstand.

Die Indianerstämme Prophet River und West Moberly und weitere indigene Gruppen jagen, fischen und versammeln sich auf diesem Land. Dem Land, das nun im Wasser verschwinden soll. Sie pflücken Heilpflanzen, besuchen die geheiligten Gräber ihrer Ahnen. Die Überflutung des Gebiets würde ihnen alles nehmen.

Deswegen sprechen sich 360 namhafte kanadische Wissenschaftler gegen den geplanten Megastaudamm aus: Er sei unnötig, wirtschaftlich nachteilig und unzumutbar für die dort lebenden Indigenen. Auch Amnesty International hat die kanadische Regierung aufgefordert, das Projekt zu stoppen, weil die Rechte der Ureinwohner im Tal des Peace River verletzt würden. "Die Regierung missachtet die Kultur, Lebensgrundlagen und das Wohlbefinden von bereits verarmten, an den Rand gedrängten Menschen", erklärt Craig Benjamin von Amnesty International Canada.

Sign protesting Site C dam proposed for the Peace River along Highway 29 in the Peace Valley Briti

Geht es nach dem staatlichen Energiekonzern BC Hydro, dann wird diese Landschaft schon bald in den Fluten des Staudamms versinken.

(Foto: All Canada Photos/imago)

Wissenschaftler befürchten riesige Umweltschäden. Die Regierung lässt das kalt

Das sind harte Worte gegen den liberalen Regierungschef Justin Trudeau, der gelobt hatte, die Beziehung zu den Indianern zu verbessern. Häuptling Roland Willson vom West-Moberly-Stamm sagt, für eine Umkehr sei es noch nicht zu spät: "Nichts, was bisher gemacht wurde, kann nicht wieder instand gesetzt werden." Zwar fahren jetzt Lastwagen und Autos auf neuen Zufahrtsstraßen, für die zahlreichen Arbeiter stehen Dutzende Wohncontainer bereit, mit Fitnessgeräten, Billardtischen und einem Kino. Aber noch wurde kein Beton in den Fluss gegossen. Noch ist die Schönheit der Landschaft nicht zerstört. Noch treffen sich hier die Flüsse Peace und Athabasca und vereinigen sich zu einem der größten Süßwasserdeltas der Welt, es ist ein Weltnaturerbe der Unesco.

Die Stämme West Moberly und Prophet River First Nations klagen gegen die kanadische Regierung. Aber zwei Gerichte in British Columbia haben ihre Klage bereits abgewiesen. Die Indigenen tragen nun den Fall vor das höchste Provinzgericht. "Wir hoffen, dieses Projekt zu stoppen", sagt Häuptling Willson. "Wir sind nicht gegen die Energieerzeugung, aber wir sind gegen die Zerstörung des Tals."

Der Stammesvorsitzende will nicht zusehen, wie die Jagdgründe seines Volkes zerstört werden. Hunderte Ahnengräber und geweihte Stätten befinden sich in diesem Flusstal. In den Augen der Ureinwohner verstößt der Bau des Staudammes gegen den Vertrag, den sie 1899 mit der kanadischen Regierung geschlossen haben. Dieser Vertrag garantiert ihnen, dass sie ihre traditionelle Lebensweise mit Fischen, Fallenstellen und Jagen aufrechterhalten können.

Aktivisten protestieren gegen das fragwürdige Projekt. Der Strom, der mit dem Damm erzeugt werden soll, wird eigentlich nicht benötigt.

(Foto: Andrew Testa/Visum)

Der Staudamm könnte für Ottawa zu einem brisanten Testfall werden, sagt Rechtsprofessor Gordon Christie von der Universität UBC in Vancouver: "Es wurde nie wirklich von Gerichten geprüft, ob ein solches Abkommen rechtlich verbindlich ist." Am Fluss Peace hat die Provinz schon 1968 und 1980 zwei Staudämme für Wasserkraftwerke gebaut. Sie überfluten drei Viertel des Flusssystems. Der neue Staudamm - auch Site C genannt - würde die Hälfte der restlichen Flusslandschaft zerstören. Es wäre kaum noch etwas übrig. Ein dritter Staudamm könnte es für die örtlichen Indianer unmöglich machen, in diesem Tal noch zu fischen, zu jagen oder Fallen zu stellen, wie es ihnen im historischen Abkommen versprochen wird.

Ob der Staudamm wirklich gebraucht wird, ist sehr umstritten. Für seinen Bau wurden viele Farmer enteignet. 4000 Hektar hochwertiges Agrarland wird laut der kanadischen Website ECOreport überflutet werden. Das Projekt ist so kontrovers, dass Kanadas führende Wissenschafter und Akademiker, die der Royal Society of Canada angehören, einen nie da gewesenen Schritt unternahmen: Sie forderten die Trudeau-Regierung in einem Schreiben auf, zu erklären, warum solche riesigen Umweltschäden in Kauf genommen würden für ein Wasserkraftwerk, dessen Stromausstoß heute entbehrlich sei und für das es weniger teure und umweltfreundlichere Alternativen gäbe. Sie wurden ignoriert.

WIR

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Sprecher Steve Conway vom Unternehmen BC Hydro räumte ein, dass man den Strom erst in 30 bis 40 Jahren brauche, wenn es eine Million Menschen mehr in British Columbia und mehr Industrie geben dürfte. Doch auch diese Zahlen sind nur eine Annahme des Unternehmens. Entgegen den Prognosen der Firma hat der Stromkonsum in der Provinz seit dem Jahr 2005 gar nicht zugenommen - im Gegenteil. Vielleicht geht es aber in Wirklichkeit gar nicht um einen möglichen Bevölkerungszuwachs. Die Regierungschefin von British Columbia, Christy Clark, sagte der Zeitung Alaska Highway News, man könnte überschüssigen Strom für die Ölsandproduktion in der Nachbarprovinz Alberta verkaufen. Der aufwendige Förderprozess in den Teersanden, etwa mithilfe von heißem Dampf, erfordert viel Strom. Diesen an die Nachbarprovinz zu liefern, wäre eine lukrative Einnahmequelle für British Columbia.

Das Fischereiministerium in Ottawa, das zuständig für die Baugenehmigungen ist, widerspricht den Vorwürfen: Die Urein-wohner seien stark einbezogen worden. Der Bauherr BC Hydro habe viele Auflagen erfüllen müssen, um die Genehmigungen zu erhalten. Eine davon sei, mit den eingeborenen Gruppen zusammenzuarbeiten, ihnen Arbeitsstellen zu geben und sie wirtschaftlich zu fördern. Das Ministerium gab jedoch zu, dass der Staudamm Auswirkungen auf den Fischbestand haben werde, deshalb verlange man von BC Hydro, die negativen Folgen zu reduzieren.

Einige Indianerstämme haben bereits resigniert, aber die Stämme West Moberly und Prophet River wollen weiter kämpfen. Um ihre Heimat. Um ihren Fluss.

© SZ vom 07.03.2017
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