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Übernahme:Unter Spielern

File photo of a mascot dressed as a character from the mobile game 'Candy Crush Saga' walking the floor of the New York Stock Exchange during the IPO of Mobile game maker King Digital Entertainment Plc

Ein Bonbon auf dem Parkett. Die Spielefirma King schickte ein Maskottchen beim Börsengang an die New York Stock Exchange.

(Foto: Brendan McDermid/Reuters)

Activision kauft die Firma hinter dem Handy-Klassiker Candy Crush Saga. Der Milliarden-Deal ist Ausdruck des Wandels in der Branche, in der mobile Geräte immer wichtiger werden.

Von Björn Finke und Helmut Martin-Jung, London/München

Von wegen Besinnlichkeit: Bald ist Weihnachten, und Riccardo Zacconis Start-up steht vor der Pleite. Wenn nicht noch an diesem Dezember-Tag ein Investor per Fax eine Zusage für mehr Kapital schickt, muss Zacconi den Spiele-Entwickler King Digital Entertainment wieder abwickeln, ein Jahr nach der Gründung. Doch in letzter Minute kommt der erlösende Brief.

Das war 2003, der Italiener beschreibt mit dieser Anekdote gerne die schwierigen Anfänge von King. Jetzt endet die Geschichte des Londoner Entwicklers von Handy-Spielen - zumindest die als unabhängige Firma. Der viel größere amerikanische Rivale Activision Blizzard kauft King für 5,9 Milliarden Dollar, mit einen Aufschlag von einem Sechstel zum Aktienkurs vom Montag. Kings bekanntestes Spiel fürs Mobiltelefon oder Tablet ist Candy Crush Saga, ein harmlos-buntes Puzzle.

Vor anderthalb Jahren ging die Firma an die Börse. Der Kurs stürzte bereits am ersten Handelstag ab. Trotzdem sind King und Vorstandschef Zacconi so etwas wie Stars der boomenden Londoner Start-up-Szene. Es gibt an der Themse zwar viele junge Technologiefirmen, aber ein Börsengang gelang bislang nur den Spiele-Tüftlern sowie kurz darauf Just Eat, einer Lieferfirma für Fast Food. Kings mieser Einstand an der Börse spiegelt Bedenken von Investoren und Analysten wider: Candy Crush Saga ist ein Hit - aber das Unternehmen, das offiziell im steuersparenden Dublin residiert, braucht dringend Nachfolger für diesen Bestseller, dessen Umsätze langsam schwächeln.

"Dass King öffentlich so wahrgenommen wird, hat uns eigentlich erst ermöglicht, die Firma zu kaufen", sagt Activision-Chef Bobby Kotick, "wir konnten uns während der Übernahmeverhandlungen ein genaues Bild davon machen, wie ihre Pipeline für die nächsten drei Jahre aussieht - und da sahen wir lauter Chancen." Die Firma mit ihren vielen kreativen Köpfen habe eine Vielzahl von guten Ideen abseits des Mega-Erfolges von Candy Crush Saga. Das Mobil-Geschäft von Activision sei bisher nur mäßig gelaufen, räumt Kotick ein. Um aber neue Kunden anzusprechen, sei es erforderlich, die gesamte Breite des Marktes abzudecken.

Die Voraussetzungen dafür stehen gut, denn die Branche boomt wie noch nie. Das auf Spiele spezialisierte Marktforschungsunternehmen Newzoo rechnet damit, dass der Gesamtumsatz 2015 erstmals über der Marke von 90 Milliarden Dollar liegen wird, ein Wachstum von 9,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Am meisten Geld wird in China umgesetzt, gut 22,2 Milliarden Dollar, gefolgt von den USA mit knapp 22 und Japan mit gut zwölf Milliarden Dollar. Bereits auf Platz fünf: Deutschland mit gut 3,6 Milliarden Dollar Umsatz.

Der Boom hat vor allem mit einem Wandel innerhalb der Branche zu tun. Es gibt noch immer die klassischen Vollpreis-Spiele, die man auf dem PC spielt oder auf einer Konsole wie der Playstation, der Xbox oder der Wii. Dieses Segment wie auch der gesamte Markt wachse stark, in Deutschland von 2013 auf 2014 um satte elf Prozent, sagt Maximilian Schenk, Geschäftsführer des Bundesverbandes Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU).

Noch stärker aber fällt der Anstieg im Bereich der Spiele-Apps aus: Er wächst mit 54 Prozent noch stärker als der Gesamtmarkt. In diesem Jahr werden Spiele für mobile Geräte weltweit erstmals mehr Umsätze liefern als solche für Konsolen. Und - auch das zeigt den Wandel - die Konzerne Apple und Google gehören mittlerweile zu den zehn wichtigsten Spielefirmen. In Googles digitalem Software-Laden Playstore machen Spiele gut drei Viertel der Umsätze aus, bei Apple sind es mehr als 60 Prozent. Ein zweistelliges Wachstum registriert die Branche dabei auch bei den über Fünfzigjährigen.

King bringt nicht nur neue Ideen mit, sondern auch mehrere Hundert Millionen Nutzer

Activision Blizzard, die größte selbständige Spielefirma, verdiente ihr Geld bisher vor allem mit Erfolgstiteln wie Call of Duty, das die eingefleischten Computerspieler anspricht. Zum Reich der Firma gehören auch Online-Spiele wie World of Warcraft, bei denen Spieler aus aller Welt in Teams mit- und gegeneinander antreten können. Dabei muss man ein Abonnement abschließen, außerdem kann man durch den Kauf bestimmter Gegenstände das Weiterkommen im Spiel erleichtern und beschleunigen. Auch Activision hatte schon zahlreiche Spiele-Apps im Rennen. In King holt man sich nun aber einen Giganten aus diesem Bereich ins Haus. Und der bringt nicht nur den einen Erfolgstitel mit, sondern auch mehrere Hundert Millionen Nutzer, die bereits seine Spiele spielen.

Activision, ein Dinosaurier der Branche, der bereits seit 35 Jahren im Geschäft ist, tat sich bisher schwer, Kunden jenseits der eingefleischten Spielergemeinde für sich zu gewinnen. "Wir haben mehr als 1000 Titel in unserem Portfolio", sagt Kotick, "aber keinen davon gibt es bisher als App für Mobilgeräte." Das werde sich nun ändern, lässt er durchblicken. Titel, die bisher auf Konsolen oder dem PC gespielt wurden, könnten mithilfe von King nun auch in Versionen für Smartphones auf den Markt gebracht werden, auch weil man damit global mehr Kunden erreiche. Der Trend, über Plattformen hinweg zu planen, sei schon seit Jahren zu beobachten, sagt Verbandschef Schenk, "die Branche denkt vernetzt, nicht in Silos."

Das ist schon aus rein wirtschaftlichen Gründen geboten, denn für die Entwicklung eines großen Spieles werden längst Summen fällig, vor denen sogar Hollywood erblasst: Für das Spiel Destiny investierte Activision 500 Millionen Dollar, der bisher teuerste Hollywood-Film, "Fluch der Karibik 3", kostete 350 Millionen Dollar. Im Falle von Destiny hat sich das Wagnis ausgezahlt: Das Game spielte die halbe Milliarde bereits am ersten Tag der Veröffentlichung wieder ein.

© SZ vom 04.11.2015
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