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Tourismus:Von Tür zu Tür

Das Berliner Start-up Go-Euro will Reisen per Zug, Taxi und Flug einfacher machen. Investoren haben den Gründern dafür mehrere Hundert Millionen Euro gegeben.

Von Caspar Busse, Berlin

Dass er mal einer der Großen in der europäischen Gründerszene werden könnte, stand für Naren Shaam, 35, eigentlich nicht zur Debatte. "Ich hätte nie gedacht, dass ich Gründer werde", sagt er: "Ich habe die Firma gegründet, um das Problem, das ich gefunden hatte, zu lösen." Shaam stammt aus Indien, seine Mutter ist Yogalehrerin in Bangalore, seine gesamte Familie lebt dort. Vor fünf Jahren hat er in Berlin Go-Euro gegründet, eine Plattform, mit der man europaweit Bahn-, Bus-, Flug- und andere Verbindungen suchen, vergleichen und buchen kann. "Niemand hat bisher das ganze Ökosystem von Tür zu Tür zusammengebracht. Das ist unsere Chance", glaubt Shaam.

Ist Go-Euro also das nächste große Ding der europäischen Gründerszene? Jetzt schon beschäftigt die Firma 300 Mitarbeiter aus 46 Ländern, hat rund 27 Millionen Kunden im Monat in ganz Europa und Partnerschaften mit 800 Transportunternehmen abgeschlossen. Gerade erst haben namhafte Investoren nochmals 150 Millionen Euro gegeben. Insgesamt hat Shaam damit bereits fast 300 Millionen Euro eingesammelt, auf solche Summen kommen in Deutschland und in Europa nur sehr wenige Gründer.

Mit dabei sind die einflussreichsten Namen der internationalen Geldgeberszene, auch aus dem Silicon Valley: Goldman Sachs, Kleiner Perkins, Silver Lake Kraftwerk, aus Asien: Hillhouse Capital. Und nun auch Kinnevik, die Schweden investieren geschätzt fast 50 Millionen Euro und haben zum Beispiel zusammen mit Oliver Samwer den Händler Zalando groß gemacht. Kinnevik-Eigentümerin Cristina Stenbeck, 41, sitzt jetzt sogar im Board von Go-Euro. "Wir reden oft miteinander. Sie unterstützt uns sehr und ist ein guter und langfristig orientierter Partner", sagt Shaam, der zwar noch größter Anteilseigner ist, aber nicht mehr die Mehrheit hält.

Tourists take a selfie in front of the 'Puente Nuevo' during the World Tourism Day, in Ronda

Touristen vor der Puente Nuevo im spanischen Ronda.

(Foto: Jon Nazca/Reuters)

Alle hoffen auf den Erfolg von Go-Euro und wollen, dass die Berliner zu einer Art Booking.com der Reisebranche werden. Gut 20 Jahre nach der Gründung beherrscht das Unternehmen aus Amsterdam den Markt für Online-Hotelbuchungen. Die Geschäftsmodelle ähneln sich. Go-Euro lebt von den Provisionen, die Transportunternehmen für die Vermittlung und Buchung von Tickets zahlen, auch wenn diese nicht so hoch sind wie in der Hotelbranche. Aber kann das Shaam schaffen?

Der Markt für Reisen ist noch immer sehr fragmentiert, Go-Euro ist nur ein Anbieter von vielen. Die gesamte Mobilität organisieren, das wollen inzwischen viele, zum Beispiel auch die Deutsche Bahn. Noch ist Go-Euro weitgehend unbekannt, besonders in Deutschland. Angst vor Nachahmern hat Shaam nicht, er glaubt auch nicht, dass Konzerne wie Google den Markt besetzen könnten. Denn: Die Idee sei zwar einfach, der Aufbau der Firma und die dahinterliegende Technik sei aber sehr aufwendig gewesen: "Der Nutzer soll nicht sehen, wie kompliziert das ist. Deshalb sieht es ganz einfach aus."

Go-Euro residiert in einem Bürohaus in Prenzlauer Berg, jede der sechs Etagen ist nach einem anderen europäischen Land benannt, die oberste heißt "Germany". An der Wand steht übergroß der Werbespruch: "Make travel easy". Shaam sitzt in einem fast leeren Konferenzraum, dunkles T-Shirt, Jeans, er trinkt Wasser aus der Flasche und erzählt. Aufgewachsen ist er in Indien, dann studierte er in den USA Mathematik, unter anderem in Havard. Er fing bei einer Beratungsfirma in New York an und arbeitete für Finanzfirmen. Mit einem Rucksack machte er sich im Urlaub auf, um Europa kennenzulernen. "Ich stellte damals auf meiner Tour schnell fest: Die Infrastruktur in Europa ist fantastisch", sagt Shaam. "Aber der Zugang zu Informationen, vor allem in digitaler Form, war praktisch nicht existent."

Gründer Naren Shaam hat Mathematik studiert.

(Foto: OH)

Wie komme ich mit der Bahn von Madrid nach Deutschland, wie mit dem Bus von Neapel nach Positano? Wo kann ich Tickets buchen? Wie heißt die staatliche Bahngesellschaft in Polen? Shaam jedenfalls fand sich nicht zurecht. Bei internationalen Flugverbindungen etwa sind Buchungen längst standardisiert - jeder Flughafen hat ein eigenes Kürzel, jeder Flug eine Nummer. Für den grenzüberschreitenden Landweg innerhalb Europas aber war (und ist) alles ganz schwierig. Mindestens 70 Prozent aller Tickets würden noch immer am Schalter verkauft, sagt Shaam.

Shaam hatte bis dahin nichts mit der Tourismusindustrie zu tun, er untersuchte erst mal sechs Monate lang den Markt. "Ich wollte wissen: Ist das Problem wirklich so groß, dass ich dafür meinen Job in New York aufgebe, mein altes Leben und meine Freunde hinter mir lasse und nach Europa umziehe?" Danach stand sein Entschluss zur Firmengründung fest. Als mögliche Standorte waren auch London und Stockholm in der engeren Auswahl. Doch Shaam entschied sich für Berlin, die Unterstützung für Gründer war gut, die Lebenshaltungs- und Arbeitskosten niedrig, es gab genügend Ingenieure.

2013 gründete er Go-Euro, das erste Geld kam von Bekannten und Business-Angels, also Privatleuten, die in junge Firmen investieren. Zunächst war Go-Euro eine Metasuchmaschine, die Anfragen nur weiter vermittelte, inzwischen kann man hier seine Tickets direkt buchen. "Wir wollen die gesamte Reise anbieten, von Tür zu Tür. Einen Netflix-Film schaue ich doch auch von Anfang bis zum Ende, ohne andauernde Unterbrechungen", sagt Shaam. Zug, Flug und Taxi zum Beispiel könnten heute so gut wie nicht zusammen gebucht werden, auch wenn es zusammen eine Reise ist. Reisen müsse so einfach funktionieren wie ein Lichtschalter, sagt Shaam.

Die meisten Kunden von Go-Euro sind zwischen 18 und 35 Jahre alt, die Mehrheit weiblich, drei Viertel der Nutzer buchen über mobile Endgeräte. Go-Euro will das viele Geld, das von den Investoren kommt, nun in den weiteren Aufbau investieren, Shaam kann sich auch eine Expansion etwa nach Asien vorstellen. Gewinne sind erst Mal nicht in Sicht. "Es ist wie in der Autoindustrie: Man muss erst alle richtigen Komponenten haben, von der Fabrik über Maschinen, bis es dann in die Produktion gehen und das erste Auto verkauft werden kann", sagt Shaam. Er kann sich auch einen Gang an den Aktienmarkt vorstellen. "Hoffentlich sind wir irgendwann mal an der Börse", sagt er und fügt schnell an: "Ich habe aber noch nie über einen Ausstieg nachgedacht. Mich beschäftigt nur, die Firma voranzubringen."

© SZ vom 24.11.2018

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