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Tourismus:Künstliches Koma

Coronavirus - Insel Usedom

Wenn der Gästestrom versiegt: Menschenleere Strandpromenade in Ahlbeck auf Usedom.

(Foto: dpa)

Wegen des Coronavirus müssen in ganz Deutschland Hotels und Reisebüros schließen - und sie wissen nicht, ob sie je wieder aufmachen. Eine ganze Branche ruft verzweifelt um Hilfe.

Es kam Schlag auf Schlag: eine weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amtes, daheim ein Verbot für Hotelübernachtungen "zu touristischen Zwecken", und dann auch noch Grenzkontrollen. Kein Wunder, dass die Tourismusbranche durch die Corona-Pandemie längst in einer Art Schockstarre ist. Denn während produzierendes Gewerbe und Einzelhandel erst seit dieser Woche durch Einschränkungen des öffentlichen Lebens massive Absatzverluste beklagen, leiden Hoteliers und Gastronomen schon seit Anfang März massiv - bereits da wurden die ersten großen Fachmessen abgesagt.

In einem dringenden Hilferuf forderte der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) von Bund und Ländern am Donnerstag erneut, sofort einen "Nothilfefonds" für Hotelbetreiber und Gastronomen einzurichten. "Wir befinden uns in einer Art künstlichem Koma und wissen nicht, ob wir wieder aufwachen", sagt Bernd Niemeier, Dehoga-Präsidiumsmitglied und selbst Hotelier in Nordrhein-Westfalen.

In Minden leitet er das Hotel Lindgart, ein Ferien- und Tagungshotel mit 100 Zimmern und 40 Mitarbeitern. Derzeit ist es sehr einsam dort, nur sechs bis acht Zimmer pro Nacht sind belegt. Niemeier darf wegen der bundesweiten Einschränkungen keine Feriengäste mehr empfangen, ihm verbleiben wenige Berufsreisende. "So ein Desaster habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Es bricht alles komplett zusammen", sagt der Hoteldirektor. Seit Anfang März seien ihm 2500 Übernachtungen weggebrochen. Das Geschäft für April sei "komplett im Eimer" und auch für Mai sei die Hälfte der Buchungen storniert.

Die Stornierungen treffen auch die Reisebüros

Bereits vor einer Woche hat Niemeier für 33 seiner Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt. Er habe noch Glück gehabt, eine Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit sei zu ihm ins Hotel gekommen und habe das Formular gemeinsam mit ihm ausgefüllt. Künftig, so sagte sie dem Hotelier, seien die Betriebsbesuche wegen der stark steigenden Kurzarbeits-Anträge nicht mehr möglich. Das dürfte vor allem für kleine Betriebe ohne Personalabteilung oder Mitarbeitern im Rechnungswesen zur Herausforderung werden. Viele Restaurants und Kneipen haben außer dem Chef nur fünf Mitarbeiter im Service, da sei es "viel schwieriger durchzublicken" so Niemeier.

Unter den Hoteliers und Gastronomen herrsche Verzweiflung, warnte auch Dehoga-Präsident Guido Zöllick. Vielfach würden sie bei Banken und Arbeitsagenturen niemanden erreichen ,sie wüssten nicht, "ob sie überhaupt Entschädigung und Unterstützung bekommen", so Zöllick.

In Deutschland beschäftigen 223 000 Hotel- und Gastronomiebetriebe 2,4 Millionen Mitarbeiter - über 60 Prozent der Betriebe haben weniger als zehn Mitarbeiter. Der Hotel- und Gaststättenverband sieht die Existenz tausender Mitgliedsfirmen gefährdet. Insbesondere kleine Betriebe haben oft keinen finanziellen Puffer, um einen heftigen Umsatzeinbruch abzufedern. "Ein Hotelzimmer oder einen Tisch, der heute nicht belegt ist, kann ich nicht später noch einmal verkaufen", ergänzt Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges. Diese Erlöse seien für immer verloren. Die Fixkosten für Personal, Pacht und Versicherung laufen aber weiter und führen dazu, dass sich die Verluste der Hoteliers und Gastronomen täglich aufsummieren. Genau deshalb seien Kredite und Darlehen in dieser Krise keine echte Unterstützung, denn viele Betriebe seien nicht in der Lage, die angehäuften Schulden später im Normalbetrieb wieder zurückzuzahlen.

Der Verband beklagt zudem ein "Verordnungs-Chaos", seitdem die Bundesregierung und die Länder am Montag die neuen Einschränkung des öffentlichen Lebens angeordnet haben. "Unterschiedliche Regelungen für Hotels und Restaurants in Bund, Ländern und Gemeinden führen dazu, dass keiner mehr durchblickt", beklagt Zöllick. Die Maßnahmen verschärften die Krise für Hoteliers und Gastronomen noch einmal drastisch, sagt er. Seither müssen Bars und Kneipen geschlossen bleiben, Übernachtungsangebote dürfen nur noch zu geschäftlichen Zwecken angeboten werden und Restaurants müssen um 18 Uhr schließen.

Finster sieht es auch bei Reisebüros und Reiseveranstaltern aus. Normalerweise schickt Ralf Hieke, Reisebüroleiter in Ibbenbüren im Münsterland, Menschen in den Urlaub, nun ist er eine Art Verwalter des Elends. Er und seine 15 Mitarbeiter seien pausenlos am Telefon, um Stornierungen entgegenzunehmen. Seit Dienstagvormittag hat er sein Reisebüro für Kunden geschlossen, seitdem halten er und seine Mitarbeiter "in großem Abstand zueinander" am Telefon die Stellung für Kundenanrufe. Fast alle Buchungen für März und April seien bereits storniert worden. Mittlerweile riefen aber auch schon Kunden an und erkundigten sich nach ihren Reisen in den Sommerferien und im Herbst. "Wir sind mitten im Auge des Sturms, uns bleibt nichts anderes übrig, als zu sehen, wann er vorbeizieht", sagt Hieke am Telefon. Seit 13 Jahren leitet er das Reisebüro und hatte noch nie einen derart mächtigen Widersacher wie das Coronavirus. Er spüre einen "gewissen Fatalismus", sagt Hieke. Die Pandemie "trifft uns extrem hart, aber sie trifft uns nicht exklusiv", tröstet sich der Reisebüroleiter.

Wegen der Stornierungsflut von Urlaubsreisen fordert der Deutsche Reiseverband (DRV) von der Bundesregierung, mit einer Beihilfe die Provisionen für Reisebüros und die Stornokosten für Reiseveranstalter auszugleichen. Alternativ müssten die Stornierungsregelungen "umgehend unternehmens- und verbraucherschützend ausgesetzt" oder durch Reisegutschriften ersetzt werden können. Bereits bei einer Umfrage Anfang März unter den DRV-Mitgliedern sahen über 50 Prozent der Befragten das Ende der aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen frühestens im zweiten Halbjahr 2020. Eine Beihilfe für Reisebüros und Reiseveranstalter hält Verbandspräsident Norbert Fiebig für "zwingend notwendig", weil die erforderliche Liquidität für die umfassenden Stornierungen bei vielen Betrieben nicht vorhanden sei. Durch die dynamische Verbreitung des Coronavirus gerate die gesamte Reisewirtschaft in eine "nie dagewesene Krisensituation, die sie selbst nicht zu verantworten hat".

Zu Beginn dieser Woche stellten viele Reiseveranstalter - darunter TUI, Alltours und der Münchner FTI-Konzern - ihr Reiseangebot ein. Bei TUI Deutschland sollen die Mitarbeiter nun von April an für ein halbes Jahr in Kurzarbeit gehen. In einer Mitteilung an die Mitarbeiter von Konzernbetriebsratschef Frank Jakobi, aus der das Handelsblatt zitiert, hieß es, dass die Kurzarbeit für die Zeit vom 1. April bis zum 30. September gelte. Auch das Onlineportal Urlaubsguru aus Nordrhein-Westfalen beantragte für seine 160 Mitarbeiter Kurzarbeit. Hoteldirektor Niemeier sagt, er wisse nicht, wie lange er den Hotelbetrieb mit so wenigen Gästen überhaupt noch aufrechterhalten könne. Was in den Sommermonaten passiere, darum könne er sich gerade nicht kümmern. "Wir entscheiden", sagt er, "von Woche zu Woche."

© SZ vom 20.03.2020

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