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Tierschutz:Mehrere Tiere seien schwer verletzt oder krank, urteilen die Experten

Andere Aufnahmen sollen aus einem Betrieb in Vreden stammen, an dem Johannes Röring beteiligt ist. Er ist einer von zwei Bauernpräsidenten in Nordrhein-Westfalen und sitzt dem Fachausschuss für Schweinefleisch des Deutschen Bauernverbands vor. Mehrere Tiere seien schwer verletzt oder krank, urteilen die beiden Experten. Plange verwies auf ein Tier, das offenbar schon länger tot sei; es sei schwer vorstellbar, dass dies bei täglichen Kontrollen übersehen worden sei. Gauly sprach von der "schlechtesten Form" von Schweinehaltung, "die man sich vorstellen kann".

Röring hat bei öffentlichen Auftritten einen anderen Anspruch formuliert. "Am Ende ist Tierwohl eine ganz wichtige Komponente für mich", sagte der Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands vor zwei Jahren in Berlin. Röring ließ die Ariwa-Vorwürfe zurückweisen. In einem Schreiben teilt sein Anwalt mit, die Haltungsbedingungen im Stall seien zum Zeitpunkt der Bildaufnahmen "einwandfrei" gewesen. Das tote Tier sei erst kurz vor der Aufnahme in das Abteil gelegt worden, um es dort zu fotografieren. Die Aktivisten von Ariwa bestreiten dies.

Es ist zu sehen, wie eine Betreuerin ein Ferkel auf den Boden schleudert, um es zu töten

Weitere Aufnahmen stammen laut Ariwa aus der Ferkelzucht in Thüringen. Einer der Geschäftsführer der Agrarprodukte Laskau GmbH ist Helmut Gumpert, Präsident des Thüringer Bauernverbands. Auf dem Filmmaterial ist zu sehen, wie eine Betreuerin ein Ferkel vom Muttertier wegnimmt und auf den Boden schleudert, um es zu töten. Doch das Neugeborene überlebt und wird, zappelnd, von der Frau unter die Kante einer Stallbucht geklemmt. In einem Abfalleimer daneben liegen halb tote Ferkel, die sich ebenfalls noch regen.

"Hier ist jemand überfordert, mit dem, was er macht", meint Gauly zu den Aufnahmen. Laut Vorschrift müssen die Ferkel erst betäubt und dann durch Blutentzug getötet werden. "Sie können also nicht ein halb lebendes Ferkel so entsorgen. Wie Müll. Das darf nicht sein." Das Unternehmen teilte mit, dass der Geschäftsführung bisher keine Verstöße bekannt seien. Der Verdacht werde jedoch sehr ernst genommen und betriebsintern geprüft.

Als problematisch stufen die Tierexperten auch die Zustände ein, die auf Aufnahmen zu sehen sind, die nach Angaben von Ariwa in den Putenställen von Gut Jäglitz in Brandenburg entstanden sind. Die Anlage gehört Thomas Storck, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Putenerzeuger (VDP). Zu sehen sind viele verletzte Tiere, einige mit großen offenen Wunden, die sie sich offenbar gegenseitig zugefügt haben, dazwischen liegen immer wieder tote Tiere. Puten neigen von Natur aus dazu, Artgenossen anzufressen. In diesem Fall, meint der Tierschutzexperte Gauly, gehe der Kannibalismus jedoch zum Teil weit über das hinaus, was üblich sei. Er äußerte Zweifel, dass sich Tiere in diesem Zustand überhaupt noch verkaufen ließen: "Was da vom Hof geht, ist nicht etwas, das der Durchschnittsbürger wirklich essen will."

Inzwischen entlassene Mitarbeiter hätten sich falsch verhalten

In Putenställen gibt es, anders als in Hühner-, Schweine- oder Kuhställen, keine verbindlichen Haltungsregeln. Mehrere Anläufe, Puten in die Verordnung zur Nutztierhaltung aufzunehmen, sind gescheitert. Die Bundesregierung lehnte zuletzt im Februar einen entsprechenden Antrag des Bundesrates ab. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) setzt lieber auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Branche wie die Geflügelcharta, die 2015 verabschiedet wurde. Darin heißt es: "Verstöße gegen unsere Prinzipien nehmen wir nicht hin. Wer sich nicht gut um unsere Tiere kümmert, wird aus unserer Gemeinschaft ausgeschlossen." Storck bekennt sich zur Charta und hat sie auch offiziell an Schmidt übergeben.

In einer schriftlichen Antwort an SZ und NDR bedauert Storck die Vorfälle in seinem Stall. Er betont, er selbst sei im Herbst vergangenen Jahres auf die Probleme aufmerksam geworden. Inzwischen entlassene Mitarbeiter hätten sich falsch verhalten, die Missstände seien beseitigt.

© SZ vom 23.09.2016

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