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Tierschutz:Die Tiere sind nur noch Produktionsmittel

Für viele Umwelt- und Tierschützer ist völlig klar, worin die derzeitigen Probleme begründet sind: in der Massentierhaltung. Sie habe zur Folge, dass in ganz Deutschland immer mehr Tiere auf engstem Raum dicht gedrängt zusammenstünden. Dass die Landwirte keinen Bezug mehr zu ihren Rindern, Schweinen und Hühnern hätten. Dass sie diese nur noch als Produktionsmittel betrachteten, aus denen man so viel Gewinn herauspressen müsse wie möglich. Doch Agrarwissenschaftler Sürie widerspricht. "So einfach ist es nicht", sagt er. "Das Tierwohl hängt nicht davon ab, ob jemand 100, 1000 oder 10 000 Tiere hält. Es hängt davon ab, wie ein Betrieb gemanagt wird, wie die Tiere beobachtet werden und wie groß die einzelnen Gruppen sind." Ein guter Landwirt könne jederzeit sehen, riechen und fühlen, ob es seinen Tieren gut gehe. "Ich kenne kleine Gruppen, in denen die Tiere aggressiv sind, und große, in denen es ruhig zugeht."

Sürie sieht jedoch ein anderes Problem. "Die Puten dort unten", sagt er und deutet durch ein Fenster in die Halle, "müssen in einem Mastgang, wie er heute üblich ist, ihr Körpergewicht innerhalb von 140 Tagen von 58 Gramm auf 21 Kilogramm steigern. Das ist etwa so, wie wenn wir von einem Säugling erwarten würden, dass er nach acht Wochen ausgewachsen ist." Das müsse man sich klarmachen, um zu verstehen, unter welchem enormen Leistungsdruck die Tiere stünden. Stress aber ist seit jeher einer der Hauptfaktoren, die als Auslöser für Aggressionen gelten.

Gesellschaft kann es sich leisten, nachzudenken

Auch Lindemann sieht darin einen wichtigen Punkt. "In der Züchtung hat man sich lange nur darauf konzentriert, die Leistung der Tiere zu steigern. Das hat erheblich zu unseren heutigen Problemen beigetragen." Er hofft, dass die Wirtschaft erkennt, wie wichtig es ist, auch wieder auf andere Merkmale zu achten: auf die Stabilität des Skeletts, die Gesundheit der Fußballen, die Stressresistenz. "Wir brauchen robuste Tiere, die nicht für jeden Keim anfällig sind und sich auch nicht so leicht aus der Ruhe bringen lassen."

Sürie kann sich noch gut erinnern, wie er als Kind auf dem Hof des Vaters zum ersten Mal ein Ferkel kastrieren musste. Mit dem Taschenmesser. Das Tier habe fürchterlich geschrien. "Damals hat man das nicht in Frage gestellt, man hat es einfach gemacht." Er ist froh, "dass wir heute in einer Gesellschaft leben, in der wir uns leisten können, über so etwas nachzudenken".

© SZ vom 06.09.2012/skes

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