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Thyssenkrupp:Tag der Ernüchterung

15 04 2019 Duisburg Ruhrgebiet Nordrhein Westfalen Deutschland ThyssenKrupp Steel ein Stahlar

Thyssenkrupp-Hochofen in Duisburg: Der Konzern leidet unter hohen Schulden sowie einer schwächeren Nachfrage der Autoindustrie.

(Foto: Oberhäuser/imago images)

Der Ruhrkonzern streicht die Dividende und könnte mehr Stellen abbauen als bereits bekannt. Bei zwei Sparten stehen die Zeichen auf Abschied. Die Aktie bricht ein.

Martina Merz ist erst seit sieben Wochen im Amt. Und schon legt die Chefin von Thyssenkrupp eine Analyse vor, die für Managerverhältnisse schonungslos ehrlich ausfällt. "Was ich gesehen und gehört habe, hat mich zum Teil ernüchtert", sagt die 56-Jährige: Zu viele Geschäfte blieben unter den Erwartungen. Es gebe zwar Ideen für Verbesserungen, aber "zu wenig davon ist in der Umsetzung". Der Konzern habe zu lange zugeschaut, "Thyssenkrupp hat sich durchgewurschtelt", sagt Merz. "So wie bisher kann es nicht weitergehen."

Einer der größten Industriekonzerne Deutschlands steckt in der Krise: Seit einer gescheiterten Expansion nach Amerika vor einem Jahrzehnt lasten Milliardenschulden auf Thyssenkrupp. Die Essener verdienen zu wenig Geld, um in all ihre Geschäfte von Stahl über Aufzüge bis hin zu U-Booten zu investieren. "Und seit einiger Zeit läuft auch noch die Konjunktur gegen uns", sagt Merz. Beispielsweise spürt Thyssenkrupp als großer Zulieferer früh, dass die Autoindustrie in diesem Jahr weltweit weniger Fahrzeuge herstellt. Auch die Lage auf dem Stahlmarkt sei "am Tiefpunkt".

Unterauslastung im Anlagenbau: Thyssenkrupp spürt, dass die Weltwirtschaft schwächer wächst

Daher kündigt die Vorstandschefin nun Einschnitte an: sowohl für Beschäftigte als auch für Aktionäre als auch für ganze Konzernsparten. "Wir drehen gerade jeden Stein im Unternehmen um", sagt Merz.

Zum Beispiel soll die Zahl der Beschäftigten in der Konzernzentrale im Laufe eines Jahres von knapp 800 auf etwa 430 zurückgehen. "Einige der Mitarbeiter werden an anderer Stelle im Konzern eine Aufgabe übernehmen können", sagt Personalchef Oliver Burkhard, "aber nicht alle." Thyssenkrupp hatte bereits im Mai angekündigt, insgesamt 6000 Stellen in den nächsten Jahren abbauen zu wollen, und hatte dabei betriebsbedingte Kündigungen als letztes Mittel nicht ausgeschlossen. "Zum aktuellen Zeitpunkt können wir nicht ausschließen, dass es mehr Stellen werden, die wir abbauen müssen", so Burkhard nun.

Auch will der Konzern für das abgelaufene Geschäftsjahr keine Dividende zahlen. Zuletzt erhielt jeder Aktionär noch eine Ausschüttung von 15 Cent. Thyssenkrupp stecke in einer "außerordentlich angespannten Lage", sagt Finanzchef Johannes Dietsch. Was unterm Strich als Ergebnis stehe, sei für kein Unternehmen auf Dauer akzeptabel. "Eine Dividende wäre in dieser Lage nicht vertretbar", so Dietsch. An der Börse verlor Thyssenkrupp am Donnerstag zeitweise 14 Prozent an Wert.

Und alle Beteiligten können sich darauf einstellen, dass der größte Industriekonzern des Ruhrgebiets bald deutlich kleiner wird: Die Essener hatten im Mai angekündigt, dass sie ihre profitable Aufzugssparte an die Börse bringen oder teilverkaufen wollen, um einige Milliarden in die klamme Kasse zu bekommen. Mittlerweile prüft Thyssenkrupp auch einen möglichen Komplettverkauf. Man arbeite weiter an allen Optionen, heißt es vom Vorstand. Neben mehreren Finanzinvestoren seien auch mehr als ein Konkurrent aus der Aufzugsbranche an einer Übernahme interessiert, bestätigt Dietsch. Entscheiden wolle man Anfang 2020.

Von den restlichen Geschäften erwartet Merz nun ausnahmslos Gewinne. Dass einige Konzernsparten "beliebig und dauerhaft" Verluste einiger anderer ausgleichen, werde es "nicht mehr geben", sagt die Vorstandschefin. Und wenn Geschäfte nicht absehbar zu den Besten ihrer Branche gehörten, "müssen wir uns offen eingestehen, dass wir nicht der beste Eigentümer sind", sagt Merz.

Im neuen Geschäftsjahr erwartet der Konzern noch höhere Verluste, der Stellenabbau kostet Millionen

Gut möglich daher, dass sich Thyssenkrupp als nächstes vom Anlagenbau trennen könnte. Die Sparte mit gut 16 000 Beschäftigten errichtet ganze Chemie- und Zementfabriken. Ihr Verlust ist im vergangenen Geschäftsjahr abermals gestiegen, auf 170 Millionen Euro. Auch hier macht sich das schwächere Wachstum der Weltwirtschaft bemerkbar. Der Konzern meldet eine teilweise "Unterauslastung" im Anlagenbau, schreibt nun aber von Chancen, diese Geschäfte "gemeinsam mit Partnern oder unter einem neuen Dach weiterzuentwickeln". Thyssenkrupp bereite sogenannte "Factbooks" vor, Faktenbücher also, damit man "zeitnah" mit potenziellen Interessenten sprechen könne. Die Zeichen stehen mithin auf Abschied.

Insgesamt meldet der Konzern für das abgelaufene Geschäftsjahr einen Verlust von 304 Millionen Euro. Neben der Konjunktur belastet die Essener auch eine Rückstellung, die sie für eine bald drohende Stahl-Kartellstrafe bilden mussten. Das Geschäftsjahr endet bei Thyssenkrupp stets Ende September. Für das neue Jahr erwartet der Konzern einen noch höheren Verlust. Allein der geplante Stellenabbau werde zunächst einmalig Hunderte Millionen Euro kosten, heißt es, etwa für Abfindungen. "Der Umbau dieses Unternehmens wird dauern", sagt Merz.

Der Aufsichtsrat von Thyssenkrupp hatte die frühere Bosch-Managerin im Oktober für eine Übergangszeit von zwölf Monaten an die Vorstandsspitze entsandt. Merz folgt dort auf Guido Kerkhoff. Unter dem glücklosen Vorstandschef waren gleich zwei versuchte Befreiungsschläge gescheitert: Die EU-Kommission verbot die geplante Stahlfusion mit dem Konkurrenten Tata Steel Europe; eine zwischenzeitlich geplante Zweiteilung von Thyssenkrupp scheiterte an deren hohen Kosten.

Dennoch erhielt Kerkhoff eine Abfindung, denn der Aufsichtsrat hatte dem Finanzfachmann zum Antritt einen Fünfjahresvertrag genehmigt, den er letztlich nur ein gutes Jahr erfüllte. Der Geschäftsbericht legt nun offen, dass Kerkhoff zum Abschied 6,3 Millionen Euro bekam.