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Thyssenkrupp:Die Milliarden schmelzen dahin

Thyssenkrupp häuft noch mehr Verluste an

Stahlwerk in Duisburg: Der größte Industriekonzern des Ruhrgebiets leidet seit Jahren unter hohen Schulden und Pensionspflichten.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Der Stahlkonzern macht hohe Verluste, verliert somit Spielraum für Investitionen.

Von Benedikt Müller, Köln

Ende Februar war die Laune noch gut. Da hatte Thyssenkrupp gerade den Verkauf der Aufzugssparte besiegelt, für stolze 17,2 Milliarden Euro. Ein "Tipptopp-Deal", freute sich Vorstandschefin Martina Merz, "mit dieser Entscheidung wird ein neues Buch aufgeschlagen." Deutschlands größter Stahlhersteller wollte endlich Schulden abbauen, Pensionsverpflichtungen decken und in die Zukunft investieren. Doch dann kam die Corona-Pandemie.

Werke dicht, schwache Nachfrage, niedrige Preise: Thyssenkrupp meldet alleine für die vergangenen zwei Quartale einen Verlust von 1,3 Milliarden Euro. Auch der geplante Abbau von etwa 6000 Stellen binnen weniger Jahre kostet zunächst Geld. Die Eigenkapitalquote liegt nun noch bei gut drei Prozent - bedenklich wenig für einen Industriekonzern. "Die Corona-Pandemie stellt uns vor gewaltige Herausforderungen", sagt Merz.

Thyssenkrupp ist mithin dringend auf den Verkaufserlös des Aufzugsgeschäfts angewiesen. Die Käufer, ein Konsortium aus internationalen Finanzinvestoren und der Essener RAG-Stiftung, werden die Milliarden freilich erst überweisen, wenn alle zuständigen Wettbewerbsbehörden die Übernahme genehmigt haben. Acht von 13 Freigaben habe man mittlerweile erhalten, sagt Finanzvorstand Klaus Keysberg. "Da sind wir gut unterwegs." Der größte Industriekonzern des Ruhrgebiets erwartet den Vollzug bis spätestens September.

Damit den Essenern bis dahin nicht das Geld ausgeht, haben sie sich vorige Woche gut eine Milliarde Euro geliehen: bei einem Konsortium aus der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und anderen Banken. Den Kredit muss Thyssenkrupp zurückzahlen, wenn die erwarteten Milliarden eingehen. "Wir haben kein Liquiditätsproblem", betont Keysberg daher.

Klar sei freilich: "Der finanzielle Spielraum für Investitionen in die Geschäfte wird kleiner sein, als vor Corona geplant." Auch wird der Konzern die stabilen Gewinne der Aufzugssparte vermissen. Geld verdiente Thyssenkrupp zuletzt noch mit Industriekomponenten, Marineschiffen und dem Werkstoffhandel. Hingegen fahren der Anlagenbau, das Geschäft mit Autoteilen sowie die Stahlwerke Verluste ein. Für das laufende Quartal erwartet der Konzern weitere Millionenverluste in den verbleibenden Sparten. Bis zu gut einer Milliarde Euro seien nicht auszuschließen, heißt es. An der Börse verlor Thyssenkrupp am Dienstag zeitweise 17 Prozent an Wert.

Am kommenden Montag will der Vorstand dem Aufsichtsrat eine Strategie für die Zukunft vorlegen. Bereits jetzt steht die Anlagenbausparte zum Verkauf. "Wir haben Interessenten", sagt Keysberg, "wir sind auch in guten Gesprächen." Viele Bekundungen ständen freilich unter "Corona-Vorbehalt".

© SZ vom 13.05.2020
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