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Tel Aviv:Kluge Stadt, teure Stadt

Wer eine "Digitel Card" besitzt, darf am exklusiven Yoga- und Zumba-Training auf dem Dach der Stadtverwaltung von Tel Aviv teilnehmen.

Die Stadt Tel Aviv führt eine Kreditkarte für seine Bürger ein. Das soll lokale Geschäfte stärken und den Alltag billiger machen.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Für die Tel Aviver steht außer Frage, dass sie in der tollsten Stadt der Welt leben: die Sonne, der Strand, die coolen Kneipen, und dazu gibt's überall noch freies Internet, gesponsert von der Stadtverwaltung. Tel Aviv ist nämlich auch bei High-Tech spitze: Big Orange nennt sich die Startup-Metropole gern. Die Bewohner dürsten stets nach Neuem, und die Stadt versucht dem nachzukommen. Die neueste Errungenschaft ist nun eine städtische Kreditkarte, mit der exklusiv die Bürger von Tel Aviv in den Geschäften von Tel Aviv kostengünstiger einkaufen können. Das Leben kann so smart sein.

"Smart City" nämlich nennt sich Tel Aviv auch, und Ende 2014 wurde die Stadt bei einem kommunalen Innovationskongress in Barcelona unter 250 Bewerbern sogar als "schlauste Stadt" auf dem Globus ausgezeichnet. "Wir liegen aber nicht vorn, weil wir hier die beste Technologie anwenden", sagt Zohar Scharon, der bei der Stadt-verwaltung als "Chief Knowledge Officer", also als Wissensmanager, kurz CKO, arbeitet. "Gewonnen hat unser Digitel-Projekt, und dabei geht es vor allem um die Verbindung zwischen Stadtverwaltung und Bürger." Mit der Kreditkarte geht das Projekt nun "in die zweite Phase", erklärt Scharon.

Wenn Scharon das Digitel-Projekt vor-stellt, beginnt er aber nicht bei früheren Phasen des Projektes. Sondern er blickt noch viel weiter zurück - bis 1909 nämlich, dem Jahr der Stadtgründung. "Da standen 60 Familien hier auf einem Sandhügel und haben ein Startup gegründet", sagt er. "Dieses Startup war Tel Aviv." Seitdem hat sich einiges getan, die Stadt ist gewachsen und gewuchert, und nicht immer ist eine planende Hand dahinter zu erkennen. Im Straßenverkehr zum Beispiel geht es eher orientalisch zu, voll und holprig. Wahrscheinlich kümmert sich die Stadtverwaltung tatsächlich lieber um die Datenautobahnen, und nicht wenige werden das ohnehin am meisten zu schätzen wissen, weil sie sowieso vor allem im Internet leben.

Ein Drittel der Einwohner Tel Avivs nämlich ist zwischen 18 und 35 Jahre alt. "Das sind die Eingeborenen der digitalen Welt", sagt Scharon, "und das sind die Kunden, auf die wir uns bei der Stadtverwaltung einstellen müssen." Im Mai 2014 wurde für sie "Digitel" aus der Taufe gehoben. Zum einen geht es dabei um die Vernetzung der Ämter, wie sie fast überall auf der Welt mittlerweile Standard ist. Über das Inter-net können die Bürger heute vom Zahlen der Gemeindesteuer bis zum Bauantrag fast alles abwickeln. Das Besondere am Tel Aviver Projekt jedoch ist ein Club, dessen Mitgliedschaft die Stadt ihren rund 400 000 Bürgern anbietet - und mit dem sie die abhebt von den drei Millionen anderen, die im Großraum Tel Aviv leben.

Nur ein echter Tel Aviver kann sich registrieren lassen für den "Digitel Residents Club", und die Mitgliedschaft ist immer exklusiv. Denn wer der Stadt seine Handy-nummer gibt, seine E-Mail Adresse und obendrein noch ein paar persönliche Informationen liefert, der wird im Gegenzug mit maßgeschneiderten Diensten und Angeboten versorgt. Eltern werden per Kurznachricht auf das Handy alarmiert, wenn die Einschreibefristen für Kindergärten und Schulen beginnen. Anwohner erfahren, wo in ihrem Viertel eine Baustelle droht. Wer sich für Sport oder Kultur interessiert, wird gezielt auf Veranstaltungen hingewiesen. Restkarten werden verbilligt per Rundruf unters Volk gebracht, und zusätzlich gibt es noch andere Vergünstigungen wie den kostenlosen Eintritt zu den städtischen Schwimmbädern in der letzten Woche der Sommerferien.

Obendrein sichert die Club-Mitgliedschaft den Bürgern noch eine direkte Mitsprache bei bestimmten städtischen Projekten. Sie können darüber abstimmen, wie ein Strandabschnitt gestaltete, wo Bäume gepflanzt und Bänke aufgestellt werden sollen. Oder die Stadt stellt einen Betrag für ein Viertel zur Verfügung, und die Club-Mitglieder können online mit entscheiden, wofür das Geld verwendet werden soll.

"Die Leute wollen einen Vorteil haben und etwas umsonst bekommen."

"Die Resonanz ist riesig", sagt Zohar Scharon. 140 000 Club-Karten seien bereits vergeben. Wachsendes Interesse an Digitel verzeichnet er überdies aus dem Ausland. "Die Inder waren schon fünf Mal hier", sagt er, "aber auch Amerikaner aus Oregon und Belgier." Nächste Woche stellt Scharon Digitel auf einer Rundreise im indischen Bundesstaat Maharashtra vor, zum Jahresende ist er auf eine Konferenz in Karlsruhe geladen.

Besonders bei den Europäern stößt er allerdings immer wieder auf Vorbehalte. "Die sagen dann, bei uns würde das nie funktionieren, weil die Bürger uns nicht einfach ihre Daten geben." Sharon ist jedoch sicher, dass es überall eingesetzt werden könnte. "Egal, ob einer in Tel Aviv wohnt oder in Indien oder Deutschland: Die Leute wollen einen Vorteil haben und etwas umsonst bekommen. "Benefits" ist sein Zauberwort, und das, so glaubt er, werde auf der ganzen Welt verstanden.

Mit Vorteilen lockt auch die neue Kreditkarte, zu der die bisherige Einwohner-Club-Karte nun aufgewertet werden kann. Die beteiligten Geschäfte, Cafés und Restaurants gewähren den Kunden einen Rabatt von fünf bis zehn Prozent, der auf der Karte gutgeschrieben wird - jeder Einkauf garantiert Rabatte im nächsten Geschäft. "Hundert Geschäfte sind bis jetzt dabei, 4000 Club-Karten sind schon Kreditkarten", bilanziert Scharon nach den ersten Wochen. "Dabei haben wir das Projekt noch nicht mal beworben." Gedient sein soll am Ende beiden Seiten: Die Geschäfte binden ihre Kunden, die Bürger kaufen billiger ein. Das ist gewiss willkommen. Denn die Tel Aviver wissen auch, dass sie nicht nur in der tollsten, sondern auch in einer sehr teuren Stadt leben.

© SZ vom 31.05.2016

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