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Tarifrunde:Gleiche Arbeitszeiten für Ost und West gefordert

Volkswirtin Birgit Dietze

"Es geht um Gerechtigkeit und gleichwertige Arbeitsverhältnisse mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung", sagt Birgit Dietze.

(Foto: Michael Kappeler/picture alliance/dpa)

IG-Metall-Bezirksleiterin Birgit Dietze kämpft für mehr als nur Geld.

Von Benedikt Peters

Wenn Birgit Dietze über ihre Motivation spricht, dann benutzt sie gerne das Wort "Hallenböden". Auf den Böden in den Fabrikhallen, so erklärt sie es, stehen die Beschäftigten. Und das, was diese Beschäftigten umtreibt, was dann wiederum über Vertrauensleute und Betriebsräte ihr zugetragen wird - das versucht die 48-jährige Juristin und Volkswirtin durchzusetzen.

Dietze ist Bezirksleiterin der IG Metall, zuständig für Berlin, Brandenburg und Sachsen, und sie hat gerade ziemlich viel zu tun. Während die anderen Regionalchefs der Gewerkschaft - allesamt Männer - die Tarifrunde für die insgesamt knapp vier Millionen Metaller schon abgeschlossen haben, dreht Dietze noch eine Zusatzrunde. Sie will bei den Arbeitgebern eine Forderung durchsetzen, für die ihre Gewerkschaft schon seit etwa zwanzig Jahren kämpft: Die ostdeutschen Metaller sollen langfristig gesehen genauso kurz arbeiten dürfen wie die westdeutschen, also 35 statt 38 Stunden. Das sei nicht nur ein tarifpolitisches, sondern auch ein gesellschaftspolitisches Thema, sagt Dietze: "Es geht um Gerechtigkeit und gleichwertige Arbeitsverhältnisse mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung."

Allerdings sind die Zeiten für solche Forderungen alles andere als leicht: Die Pandemie hat viele Firmen in die Krise gestürzt, und bei denen, die sich schon erholen, gibt es viel Unsicherheit. Und dann ist da noch die Transformation in der Autoindustrie, unter der manche Hersteller und vor allem viele Zulieferer leiden. Hinzu kommt, dass die Metaller im Osten nicht so dicht organisiert sind wie im Westen. Ob sie eine Angleichung auf Teufel komm raus erstreiten könnten, ist fraglich. 2003 ging schon einmal ein groß angelegter Streik für die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland verloren.

Die Arbeitgeber bewegen sich bisher nicht

Alles das weiß natürlich auch die gebürtige Ostberlinerin Dietze, die 2013 zur IG Metall kam und sich in wenigen Jahren zur Bezirksleiterin hocharbeitete. Sie hat in den vergangenen Wochen versucht, einen möglichst weichen Einstieg in die Angleichung hinzubekommen: Die Metaller im Osten sollen erst einmal nicht weniger arbeiten, sondern die Mehrarbeit zumindest bezahlt bekommen. Der Ausgleich müsste zunächst nicht einmal die vollen drei Stunden umfassen; für den Anfang wäre es auch damit getan, wenn die Arbeitgeber sich dazu bereit erklärten, in den nächsten Jahren zumindest eine Stunde der Mehrarbeit auszugleichen. Die Kostenbelastung dafür soll sie erst 2025 voll treffen. So lautete der Kompromissvorschlag, den Dietze zuletzt unterbreitete, während parallel die Belegschaften streikten, etwa bei BMW in Leipzig oder bei Daimler in Ludwigsfelde.

Doch die Arbeitgeber bewegen sich bisher nicht, und es ist kaum wahrscheinlich, dass sie ihre Meinung bis zum nächsten und womöglich auch letzten Verhandlungstermin am Freitag ändern werden. Schließlich würde die Angleichung auch von nur einer Stunde Geld kosten - Geld, das die Arbeitgeber zusätzlich zum Pilotabschluss der Tarifrunde bezahlen müssten, der Ende März in Düsseldorf vereinbart wurde: Demnach bekommen die Beschäftigten in diesem Jahr eine Corona-Prämie und zukünftig eine jährliche Sonderzahlung. Alles zusammen könnten sich die Arbeitgeber nicht leisten, sagen deren Verhandlungsführer, auch wenn die Kosten erst später wirksam würden.

Sollten die Arbeitgeber nicht doch noch einer Lösung im Flächentarifvertrag zustimmen, dann will Dietze das Angleichungsgeld von Betrieb zu Betrieb durchsetzen. Sie habe dafür zuerst die Automobilhersteller und Zulieferer im Sinn, sagte sie am Montag. Vor weiteren Streikaufrufen will sie dabei nicht zurückschrecken. Das sei die Forderung, die von den Hallenböden her zu ihr dringe.

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