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Stromversorgung:Vorsicht in der Leitwarte

Wohncontainer am Kraftwerk, getrennte Schichtgruppen: Wie Energiefirmen ihr Personal in der Corona-Krise schützen, um die Stromversorgung zu sichern. Die Konzerne haben schon vor Wochen ihre Pandemiepläne aus den Schubladen geholt.

Von Michael Bauchmüller und Benedikt Müller, Berlin/Köln

Das Szenario wirkt seltsam vertraut. Ein Erreger verbreitet sich von einem Markt in Asien nach Europa. Reisende bringen das Virus nach Deutschland, dann breitet es sich in mehreren Wellen aus. Die Symptome: Fieber und trockener Husten. In der ersten Welle infizieren sich 29 Millionen Menschen hierzulande, in der zweiten 23 und in der dritten 26 Millionen.

Also fast alle. So steht es in einer Risikoanalyse von 2012. Beteiligt waren damals verschiedene Bundesbehörden, sie sollten ein "außergewöhnliches Seuchengeschehen" durchspielen, "das auf der Verbreitung eines neuartigen Erregers basiert." Auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) war mit von der Partie, etwa mit Blick auf kritische Infrastrukturen, die eine Pandemie in Mitleidenschaft ziehen könnte. Allen voran: die Energieversorgung. "Der Betrieb kritischer Infrastrukturen ist an vielen Stellen auf hoch qualifiziertes und spezialisiertes Personal angewiesen, dessen Ausfall weit reichende Folgen haben kann", so die Analyse - etwa "bei der Steuerung von Übertragungsnetzen".

Wie groß ist also die Gefahr für die Stromversorgung, da sich nun tatsächlich das neuartige Coronavirus ausbreitet? Droht eine Krise in der Krise? In Österreich ergriff jüngst der Versorger Wien-Energie drastische Schritte. Er ließ 53 Beschäftigte in Wohncontainer in der Nähe der Kraftwerke umziehen, widmete Besprechungszimmer in Schlafsäle um, schaffte Waschmaschinen her und stellte Mitarbeiter zum Kochen ab. "Wir sind als Energieversorger auf Krisensituationen vorbereitet", sagt Alexander Kirchner, bei Wien-Energie für den Betrieb der Anlagen zuständig. "Trotzdem ist das eine besondere Situation."

Die Energieversorgung in Deutschland sei sicher, sagen Aufsichtsbehörden

So weit gehen hiesige Versorger bisher noch nicht. "Derzeit sehen die Unternehmen kein Risiko für die Versorgungssicherheit", heißt es beim Stromverband BDEW. Aber angesichts der zunehmenden Krankenfälle sowie der Dauer der Pandemie müsse die Lage "immer wieder neu bewertet werden". Entscheidend sei, dass das Personal bereitstehe. Denn in Kraftwerken und Netzleitwarten arbeiten zwar jeweils nur wenige Menschen. Die aber sind umso wichtiger für die Versorgung.

Mehrfachsteckdosenleiste zum Anschluss von mehreren elektrischen Geräten Wirrwarr von Kabeln Ste

Damit der Strom fließt, kommt es auf einige wenige Beschäftigte in Leitstellen und Kraftwerken an.

(Foto: Jochen Tack/imago)

Daher haben Energiekonzerne schon vor Wochen ihre Pandemiepläne aus den Schubladen gekramt und aktualisiert. Bei Deutschlands größtem Stromerzeuger RWE etwa arbeiten die Beschäftigten in den Leitwarten der Kraftwerke nun in möglichst großem Abstand voneinander, so ein Sprecher. Auch seien die Kraftwerker in Schichtgruppen eingeteilt, die sich nicht begegnen sollen.

In den Kraftwerken von Uniper arbeiten die Beschäftigten ebenfalls in rotierenden und geschlossenen Mannschaften, wie ein Sprecher berichtet. Der Betrieb sei derzeit nicht gefährdet. Die frühere Eon-Tochter betreibt Gas-, Kohle- sowie Wasserkraftwerke, handelt und vertreibt Energie. Ihre Händler, ansonsten bekannt für viele große Bildschirme am Arbeitsplatz, wickeln ihre Geschäfte nun aus dem Home-Office ab.

Mindestens genauso wichtig wie Kraftwerke ist freilich, dass Netze die Energie zu den Kunden bringen. Angesichts wachsender Ökostromanteile ist die Steuerung der Netze anspruchsvoller geworden, es gibt mehr Aufs und Abs. In den vergangenen Tagen ist der Anteil erneuerbarer Energien sogar noch gestiegen: Weil der Shutdown auch Deutschlands Strombedarf sinken lässt, kommen an sonnigen Tagen wie diesen Dienstag zur Mittagszeit schnell mal 80 Prozent des Stroms aus Ökoquellen.

Strom und Gas fließen auch an säumige Kunden

Wer in Folge der Corona-Krise seine Strom- oder Gasrechnung nicht bezahlen kann, muss sich zunächst keine Sorgen um das Licht oder die Heizung in seiner Wohnung machen. Mehrere Versorger kündigen an, dass sie während der Pandemie möglichst keine Anschlüsse sperren wollen, darunter der hiesige Marktführer Eon oder die Gasag-Gruppe aus Berlin. Die baden-württembergische EnBW will nach eigenem Bekunden zudem Sperren aufheben, die sie in den vorigen Wochen verhängt hat, und hierfür keine Gebühren verlangen.

Der Bund der Energieverbraucher hat alle Versorger dazu aufgefordert, Sperren während der Corona-Krise auszusetzen und vorerst keine neuen zu verhängen. Diese seien derzeit "unverhältnismäßig und damit unrechtmäßig".

Allerdings gibt es auch hier Entlastung für betroffene Verbraucher - von Staats wegen. Ähnlich wie Mieter, die nun ihre Wohnung nicht mehr bezahlen können, dürfen auch Strom- und Gaskunden ihre Zahlungen säumig bleiben. Am Montag verabschiedete das Kabinett ein Gesetz, das ein "Moratorium für die Erfüllung vertraglicher Ansprüche aus Dauerschuldverhältnissen" vorsieht. So werde gewährleistet, dass Verbraucher nicht von Strom und Gas abgeschnitten werden, "weil sie ihren Zahlungspflichten krisenbedingt nicht nachkommen können". Bis zum 30. Juni können Verbraucher, die Corona-bedingt einen "angemessenen Lebensunterhalt" gefährden würden, die Zahlung aussetzen - ohne Folgen.

Zuletzt haben Versorger hierzulande knapp 300 000 Stromsperren sowie 33 000 Gassperren jährlich verhängt, wie die Bundesnetzagentur berichtet. "In Zeiten, in denen der Einzelne aufgefordert ist, überwiegend zuhause zu bleiben, und Hygiene das A und O ist, halten wir eine Energiesperre für unverhältnismäßig", sagt Wolfgang Schuldzinski von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Nach einer Erhebung des Branchenverbands VKU hatten allerdings ohnehin die allermeisten Versorger zuletzt darauf verzichtet, säumigen Kunden den Hahn zuzudrehen. Deren Zahl aber dürfte demnächst noch steigen. Michael Bauchmüller, Benedikt Müller

Gerade weil das Stromnetz eine kritische Infrastruktur ist, nehme man das Virus sehr ernst, heißt es beim westdeutschen Übertragungsnetz-Betreiber Amprion. "Grundsätzlich sind wir in unseren Leitwarten für alle Notlagen gerüstet, weit über die derzeitige Bedrohung durch das Coronavirus hinaus." Auf weitere Einschränkungen, etwa der Bewegungsfreiheit, sei man vorbereitet. Ob das auch heißen kann, dass Beschäftigte in den Leitwarten einziehen, will Amprion nicht sagen.

Im Verteilnetz zu den Häusern hat der hiesige Marktführer Eon nach eigenem Bekunden diverse Maßnahmen ergriffen, um Kontakte seiner Beschäftigten zu minimieren. "Wir sind auf alle denkbaren Krisenszenarien gut vorbereitet, um die Versorgung mit Strom und Gas sicher aufrechtzuerhalten", sagt eine Sprecherin.

Die zuständige Aufsichtsbehörde lässt sich seit einigen Wochen über die Vorkehrungen informieren. "Die Bundesnetzagentur nimmt die Situation ernst", sagt ein Sprecher. Die Netzbetreiber seien nach Einschätzung der Behörde aber bestmöglich vorbereitet, die sichere Versorgung zu gewährleisten. "Eine besondere Gefährdung der Strom- und Gasversorgung ist nicht erkennbar.

Das sieht das Katastrophenschutzamt BBK ähnlich. "Nach allen Erkenntnissen, die wir haben, ist die Stromversorgung gesichert und die Betreiber sind auf verschiedene Szenarien vorbereitet", sagt BBK-Präsident Christoph Unger. Und das bei einem Ereignis, das bei dem Planspiel 2012 noch als "bedingt wahrscheinlich" eingestuft wurde: einmal alle 100 bis 1000 Jahre. Statistisch gesehen.

© SZ vom 25.03.2020

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