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Stromtrassen:Ein Monster verschwindet

Bürger in Bayern und anderswo wehren sich engagiert gegen neue Überlandleitungen. Doch so manches Problem lässt sich jetzt lösen.

Knappe hundert Kilometer nördlich von Neuss liegt jene Gemeinde, die Bürgerinitiativen im ganzen Land beneiden: Raesfeld im Kreis Borken, 11 000 Einwohner. An Raesfeld soll eine der riesige Nord-Süd-Stromautobahn vorbeiführen, die Windstrom von der See in gewaltigen Mengen transportieren kann - per Gleichstrom. Doch neue große Masten werden die Raesfelder nicht sehen. Denn die Trasse kommt hier über einige Kilometer unter die Erde. Ein Pilotprojekt.

Von solch unsichtbaren Leitungen träumt hierzulande so mancher, bis hinauf in die bayerische Staatskanzlei. Von dort macht seit zwei Jahren schon CSU-Chef Horst Seehofer das Volk buschig, er möchte Bayern von den neuen Leitungen "verschonen", mancherorts heißen sie "Monstertrassen". Derweil warnen Experten vor einem Desaster bei der Energiewende, sollten die Leitungen von Nord nach Süd ausbleiben. Im Norden entstehen Windparks, im Süden werden Atomkraftwerke abgeschaltet - die Leitungen sollen das ausgleichen. Wären sie nur nicht so hässlich.

Wind statt Atom

Bis 2022 wird der letzte Reaktor abgeschaltet. Die neuen Leitungen sollen die Lücke füllen.

Bei Raesfeld haben gerade Bauarbeiter-Trupps über Monate einen dreieinhalb Kilometer langen Pilotabschnitt fertiggestellt. Es ist eine von drei geplanten Testtrassen auf der 130 Kilometer langen Strecke zwischen Meppen und Wesel. In den nächsten Tagen soll erstmals Strom durch die Hightech-Leitung fließen, erklärt Netzbetreiber Amprion, zwei Meter tief, verteilt auf sechs armdicke Kabel. Eine 40 Meter breite Furche schlug der Konzern dafür durch die Felder des Münsterlands. "Bei Erdverkabelungen entsteht eine Baustelle mit der Dimension einer Autobahn", sagt Gerald Kaendler, der Leiter des Asset Managements beim Netzbetreiber. Die Folge: Alle wollen Erdkabel statt so genannter "Monstermasten", doch deren Verlegung ist teuer. 30 Millionen Euro investiert Amprion bei Raesfeld. "Eine vergleichbare Strecke einer Freilandleitung kostet fünf Millionen Euro." Fünf Millionen für Masten, die vor allem in der Nähe von Siedlungen keiner will. Doch es tut sich was.

Im Kabelturm seiner Konverterstation steht Mel Kroon und schaut entzückt auf die Kabel. Der Mann ist Chef des niederländischen Netzbetreibers Tennet, Stromleitungen sind sein Geschäft. 500 Megawatt Strom sollen mit dieser Leitung übertragen werden, per Gleichstrom. So viel Leistung bringt an Land ein ganzes Gaskraftwerk, doch dieses Kabel soll Windstrom vom Meer wegtransportieren. Es ist nur elf Zentimeter dick, das meiste davon schluckt die Kunststoff-Ummantelung. "Das beste ist: Das können sie anfassen", sagt Kroon. "Es wird nicht mehr heiß." Zwei dieser Kabel bringen den Strom an Land, eins plus, eins minus. Und zwar ohne größere Verluste - das ist der Charme solcher Gleichstromleitungen, im Unterschied zum sonst gängigen Wechselstrom.

Protest gegen Gleichstromtrasse

Protest gegen Stromtrassen in der Gemeinde Bergen bei Neuburg an der Donau.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Längst forschen Konzerne wie Siemens und ABB an neuen Möglichkeiten der Übertragung, um größere Strommengen mit geringerem Aufwand zu transportieren. Siemens etwa werkelt an gasisolierten Leitungen, die alleine fünf Gigawatt an Strom transportieren könnten, so viel wie fünf Atomkraftwerke. Der Schweizer ABB-Konzern setzt derweil auf Isolierungen aus Kunststoff und höhere Spannungen in der Leitung. "Damit steht der nächste Entwicklungsschritt bevor", sagt Lutz Hofmann, Professor für Hochspannungstechnik an der Uni Hannover. Einziger Haken: Noch fehle Erfahrung mit den neuen Leitungen.

Doch die Entwicklung verläuft rasant. ABB etwa verkauft seit 1997 kunststoffisolierte Leitungen. "Damals haben wir drei Megawatt Strom übertragen können, mit einer Spannung von zehn Kilovolt", sagte Raphael Görner, der bei ABB den Vertrieb für elektrische Netze leitet. "In nicht einmal 20 Jahren haben wir die Übertragungsleistung der Kabel um mehr als das 800-fache gesteigert." Aktuell sind die Schweizer bei rund 525 Kilovolt angelangt, 2,6 Gigawatt Strom lassen sich so transportieren. Zum Vergleich: Suedlink soll zwischen zwei und vier Gigawatt transportieren.

Diesen Blick wollen viele Bürger nicht haben: Strommasten im Nebel vor Alpenpanorama.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Auch Netzbetreiber zeigen Interesse an den 500-Kilovolt-Leitungen. "Die Konsequenz höherer Spannungen ist, dass man weniger breite Trassen braucht", heißt es etwa bei Tennet. Der deutsche Ableger von Kroons Firma soll unter anderem Suedlink bauen, eine Passage von der Nordsee bis nach Bayern - jene Leitung, die Horst Seehofer am liebsten elegant um Bayern herumführen würde. Auch hier fordern Bürgerinitiativen Erdkabel statt Freileitungen. ABB etwa wirbt damit, dass sich die gleiche Leistung mit weniger Kabel bewerkstelligen lasse als herkömmliche Gleichstromleitungen. Auch ließen sich längere Stücke verbauen, seltener müssten Kabelstücke mit Muffen zusammengefügt werden.

Teuer allerdings bleibt die unterirdische Variante, auch Görner will zu konkreten Kosten nichts sagen. Allein der Bau bleibt eine große Unbekannte, etwa bei der Querung von Fernstraßen oder Bahnlinien. Hier müssen eigene, kleine Tunnel gebohrt werden. Je nach Untergrund kann das ganz schön teuer werden. Auch sei die Wartung komplizierter. "Die defekte Stelle an Strommasten zu finden, dauert in der Regel nur ein paar Stunden", sagt Amprion-Experte Kaendler. "Bei Erdkabeln kann es dagegen Tage oder sogar Wochen dauern, weil ganze Passagen wieder ausgegraben werden müssten." Viele Kabel halten deshalb für den Notfall eine redundante Leitung vor - vergleichbar dem Rettungstunnel bei Autobahnröhren. Und Kabelhersteller werben damit, bei denen könne immerhin nicht der Blitz einschlagen.

SZ-Grafik/Quelle: VDE/FNN/Übertragungsnetzbetreiber

So oder so wird der Ruf nach Erdkabeln immer lauter. "Ich bin sicher, dass wir wesentlich stärker in die Erdverkabelung gehen werden", sagt auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD). Schon jetzt sind eine ganze Reihe von Stromtrassen als weitere "Pilotprojekte" definiert, die sich teils verkabeln lassen, auch Suedlink. Doch womöglich gehen die Dinge auch noch einfacher.

Kürzlich machten sich Vertreter von Amprion auf den Weg ins Oberfränkische, nach Creußen. Dort könnte die Gleichstrompassage Süd-Ost vorbeiführen, von Sachsen-Anhalt nach Schwaben. Seit längerem machen Bürger hier gegen "Monstermasten" mobil, sie fürchten bis zu 80 Meter hohe Stahlungeheuer. Doch die Amprion-Leute machten den verdutzten Creußenern einen anderen Vorschlag. Statt einer neuen Trasse ließe sich auch eine alte nutzen, auf der bisher eine 110-KV-Wechselstromleitung verläuft. Diese Leitung könnte unter die Erde wandern, der Aufwand wäre überschaubar. Aus den alten 40-Meter-Masten würden Gleichstrommasten, die kaum höher sind als die alten. Und wo Siedlungen im Lauf der Jahre an die Trasse heranwuchsen, ließe sich die Trasse verlegen. Zur Entlastung.