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Wut-Räume:30 Minuten Randale für 139 Euro

Wutraum München

Randalieren zur Entspannung: Ein Wutraum in München

(Foto: dpa)

In Wut-Räumen können Kunden ihrem Frust freien Lauf lassen. Bringt das was?

Der Kapitalismus, heißt es oft, macht den Menschen kaputt. Wer gestresst ist von E-Mail-Fluten, Besprechungsmarathons und Power-Point-Orgien, der könnte sich mit Sport abreagieren. Mal eine Runde im Park drehen oder mit dem Rad einen Berg hochfahren.

Für Menschen, die Sport verabscheuen und ihre Wut lieber auf rustikalere Weise loswerden wollen, bieten sich die sogenannten Anger Rooms an, manche sagen auch Rage Rooms. Frei übersetzt sind das Wuthöhlen. Nein, nicht das, was RTL-Zuschauer vielleicht noch aus der Sendung "Super Nanny" kennen. Dort verbannte die Pädagogin Katja Saalfrank ungezogene Kinder zum Schweigen in einen stillen Raum. In einem Anger Room braucht dagegen niemand zu schweigen und erst recht nicht still rumzusitzen. Wer in die Wuthöhle geht, will und soll nur eines tun: zerstören.

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Dieses Video zeigt einen Anger Room im kanadischen Toronto.

Den ersten deutschen Anger Room gibt es seit August 2014 in Halle an der Saale. "Schlag dich fit" heißt das Projekt. Man bekommt dort Schutzkleidung (Overall, Handschuhe, Helm, Maske) und ein Spielgerät (wahlweise Baseballschläger, Vorschlaghammer oder Golfschläger). Mit dieser Ausrüstung dürfen die Kunden dann den Anger Room betreten. Dort gibt es nur eine Aufgabe: In einer halben Stunde alles kurz und klein hauen.

Für 40 Euro mehr gibt es ein Auto zum Zerstören

"Die Idee haben wir aus den USA", erzählt Marcel Braun, der zusammen mit Ronny Rühmland die Hallenser Wuthöhle betreibt. In Dallas eröffnete 2008 der erste Wutraum. Inzwischen gibt es weltweit viele Nachahmer - mit unterschiedlichen Konzepten. "In Halle haben wir ein besonders breites Portfolio", sagt Braun. Das Basisangebot, quasi die Stressbewältigung für gesetzlich Versicherte, kostet 139 Euro. Drei Teilnehmer sind erlaubt. Für 40 Euro mehr dürfen die Kunden auch ein Auto kaputthauen. Welche Musik das Zerstören untermalt, können die Wütenden sich aussuchen. Wobei Heavy-Metal sicherlich sanftem Soul vorgezogen wird. Denn es braucht schon viel Energie für eine halbe Stunde Wuthöhle. Der Schauplatz ist gut ausgestattet. Der Raum sieht aus wie ein älteres Wohnzimmer, Modell Wirtschaftswunder. Es gibt klobige Holzschränke, dick gepolsterte Stühle und die guten alten Röhrenfernseher. "Elektrogeräte machen am meisten Spaß", sagt Marcel Braun.

Im Hallenser Wutraum lassen die Kunden ihre Wut nicht selten in Gemeinschaft raus. "Wir haben Leute hier, die Geburtstag feiern oder Junggesellenabschied", sagt Braun. Auf Wunsch können seine Kunden auch eigene Sachen mitbringen. Besonders beliebt seien zum Beispiel Drucker. Nicht verwunderlich, denn wer hat nicht schon mal, nach zehn erfolglosen Treiberinstallationen, mit dem Gedanken gespielt, das elende Teil einfach . . Halt. Ist das denn, aus psychologischer Sicht, überhaupt zu empfehlen: Stress loswerden durch Zerstörung?

Eher nicht, sagt Nelly Alia-Klein. Die amerikanische Psychiaterin hat sich in einem Interview mit dem Magazin Quartz über Sinn oder Unsinn dieser Wuthöhlen geäußert. Es sei nicht sinnvoll seine Wut loszuwerden, indem man Gewalt anwendet. "Wenn man traurig ist und traurige Musik hört, wird man noch trauriger", sagt Alia-Klein. Und mit der Wut sei das ganz ähnlich.