Start-up Die neuen Bäume

Deutschland hat ein Luftproblem. Ein Start-up will das mit aufstellbaren Wänden aus Moos ändern.

Von Sophie Burfeind, Berlin

Grauer Beton, grauer Himmel, Berlin im Winter ist eine ziemlich triste Angelegenheit. Auch der Bahnhofsvorplatz am Südkreuz ist da optisch keine Ausnahme, trotzdem lohnt es sich, länger an diesem Ort zu bleiben. Denn wer hier auf der Bank mit der grünen Wand im Rücken sitzt und auf den Bus wartet, sitzt in Wirklichkeit inmitten von 275 Stadtbäumen und frischer Luft, auch wenn auf dem Platz nur ein sehr kahler Baum zu sehen ist. Wie das sein kann? Die Mooswand im Rücken des Wartenden ist ein "City Tree", eine Erfindung des Berliner Start-ups "Green City Solutions" - und der reinigt die Luft so gut wie ein kleiner Stadtwald.

Denn Berlin ist dreckig. Die geflügelte Göttin Victoria reckt auf der Siegessäule ihren Lorbeerkranz gen Himmel, seit Neuestem bedeckt dabei eine Atemmaske von Greenpeace ihren goldenen Mund. Auch in fast 70 Metern Höhe ist die Berliner Luft schlecht: zu viel Feinstaub, zu viel Stickstoffdioxid. Wie in der Hauptstadt sieht es auch im Rest des Landes aus, das zeigte vor ein paar Tagen wieder ein neuer Bericht des Bundesumweltamts. Die Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Feinstaub und Stickoxid wurden in vielen Städten stark überschritten - die EU-Kommission geht deshalb schon seit ein paar Jahren gegen Deutschland vor. Das Bundesumweltamt schätzt, dass pro Jahr 45 300 Deutsche aufgrund von Luftverschmutzung sterben. Mit anderen Worten: So ein Luftreiniger in der Innenstadt ist keine schlechte Idee.

45 300 Menschen in Deutschland sterben pro Jahr an den Folgen der Luftverschmutzung

Liang Wu, 31, ist einer der Gründer des Start-ups. Er erkrankte an Asthma, nachdem er drei Monate in Peking verbracht hatte. Sich gegen Luftverschmutzung einsetzen, ist ihm ein persönliches Anliegen. Die anderen Gründer Victor Splittgerber, Dénes Honus und Peter Sänger lernte er während seines Studiums in Dresden kennen. Er studierte Medieninformatik, die anderen beschäftigten sich mit Urban Gardening und nachhaltiger Stadtentwicklung. "Uns war schnell klar, dass wir versuchen wollen, die Luft in der Stadt mit Pflanzen zu verbessern", sagt Wu.

Sie wandten sich an die Gartenbaufakultät, und hatten Glück. Dort stießen sie auf die Arbeit eines Professors, der schon zehn Jahre lang daran geforscht hatte, welche Pflanzen Feinstaub am effektivsten filtern. Das Ergebnis: Moose. Wegen ihrer großen Oberfläche binden sie mehr Partikel als Bäume. "Auf dieser Arbeit haben wir aufgebaut. Wir wussten dadurch zum Beispiel, dass eine Mooswand vertikal besser funktioniert als horizontal, und dass das Moos einen bestimmten Feuchtigkeitsgrad haben muss."

2013 war das, ein Jahr später gründeten die drei "Green City Solutions" und bauten ihren ersten "City Tree". Den kann man sich so vorstellen: eine vier Meter hohe Wand mit einem Stahlrahmen, in dessen Mitte 1600 kleine Pflanzenkästen mit Moosen eingebaut sind. Sie binden 240 Tonnen Schadstoffe pro Jahr. Auf dem Dach befinden sich Solarzellen, an der Seite ist ein Bildschirm für Werbung und im Inneren der Wand Technologie installiert. Sie misst, wie viel Wasser die Pflanzen brauchen und steuert die Bewässerung - mit Regenwasser oder mit einem Wasseranschluss. Vor allem aber erheben ihre Sensoren ziemlich viele Daten.

Diese Daten machen den Kauf eines 25 000 Euro teuren City Trees für Städte und Unternehmen neben dem Umweltschutz interessant. "Wir erheben standardmäßig Umweltdaten zur Luftverschmutzung, zu Wind und Wetter, wir können aber auch messen, wie viele Leute sich in diesem Bereich bewegen", sagt Wu. Außerdem können die Eigentümer einer Anlage auf dem Monitor Werbung laufen lassen oder einen Wlan-Hotspot anbieten. Neben der guten Luft natürlich, die im Sommer sogar nach Wald riecht.

Nun könnte man sagen: Innovative Mooswände, schön und gut, aber wieso pflanzt man nicht einfach mehr Bäume? Eine Platzfrage, eine Preisfrage und eine Effizienzfrage, meint Wu. Ein Baum sei schmaler als ein "City Tree", benötige wegen seiner Krone und der Wurzeln aber insgesamt mehr Fläche. Außerdem verbessere nur ein Baum mit Blättern die Luft, also nur im Frühling und Sommer. Außerdem: "Die Pflege eines Stadtbaums in Dresden kostet pro Jahr 3300 Euro." Zur Erinnerung: Ein "City Tree" hat den Effekt von 275 Bäumen. Dresden würde für sie im Jahr also mehr als 900 000 Euro zahlen - dafür bekämen sie alternativ mehr als 36 Moos-Wände - die natürlich auch gepflegt werden müssen.

Mittlerweile stehen europaweit schon 13 Anlagen, darunter in Dresden, Hannover, Oslo oder Paris. In diesem Jahr folgen zehn weitere, etwa in Glasgow, Brüssel oder Basel. Weil die Luftverschmutzung in vielen Großstädten eine wachsende Gesundheitsgefahr darstellt, hat die Firma mit ihrer Idee schon viele Preise gewonnen und ist nun auch in der Endrunde des internationalen Social-Entrepreneur-Wettbewerbs "Chivas the Venture". Und doch gibt es an der Sache einen kleinen Haken: Um die Luft einer Stadt zu verbessern, braucht es natürlich mehr als nur einen Moos-Kasten. Allein in Berlin-Mitte wären für die zehn Quadratkilometer Fläche 100 Anlagen nötig - und das wird dann doch wieder zu einer Platzfrage.