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Splittergewerkschaft AUB:Langer Schatten

Die von Siemens früher heimlich gesponserte Arbeitnehmerorganisation AUB versucht verzweifelt einen Neuanfang. Ihren inhaftierten Ex-Vorsitzenden Wilhelm Schelsky will sie dennoch nicht rauswerfen.

Klaus Ott und Uwe Ritzer

Wilhelm Schelsky lässt alle zappeln. Aus der Untersuchungshaft heraus richtete er über seinen Anwalt aus, er wolle sich derzeit nicht mit dem Gedanken befassen, nach dem Bundesvorsitz auch seine Mitgliedschaft bei der Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB) aufzugeben.

So sagte es Ingrid Brand-Hückstädt, seine langjährige Stellvertreterin an der AUB-Spitze, bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung der Arbeitnehmerorganisation am Samstag in Nürnberg.

Obwohl entsprechende Anträge von Mitgliedern seit Monaten vorliegen, will die AUB ihrerseits den Mann nicht rauswerfen. Schelsky soll bis zu 60 Millionen Euro von Siemens kassiert haben - vor allem dafür, die AUB als Kampftruppe gegen die IG Metall aufzubauen.

Seit Mitte Februar im Gefängnis

Schelsky sitzt seit Mitte Februar im Gefängnis, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen verschiedener Delikte gegen ihn und mehrere Siemens-Manager.

Das Zaudern bei dieser Personalie passt so überhaupt nicht zu dem Eindruck, den die Organisation zu vermitteln versucht. Ein Neuanfang und zumindest der Beginn eines Selbstreinigungsprozesses sollte die außerordentliche Mitgliederversammlung sein, bei der unter anderem ein neuer Vorstand gewählt und die Satzung verändert wurde.

Mehr Transparenz sei künftig angesagt, sagt Brand-Hückstädt, eine Arbeitsrechtlerin aus Schleswig-Holstein, die die AUB seit Schelskys unfreiwilligem Rückzug kommissarisch leitet.

Simple Informationen als Geheimnis

Nach außen ist von neuer Transparenz allerdings nichts zu spüren. Die Mitgliederversammlung fand nichtöffentlich statt, und selbst simple Informationen wurden dort als Geheimnis behandelt. "Wir wollen der IG Metall nicht in die Karten spielen", begründete Brand-Hückstädt, warum der Vorstand die Zahl der Mitglieder nicht offen nannte.

Wer das wissen wolle, könne ja nach vorne kommen und das einsehen. Einige Leute machten davon Gebrauch, einer von ihnen sagte hinterher der SZ, man habe um die 10.000 Mitglieder. Das deckt sich mit Erkenntnissen aus dem Ermittlungsverfahren gegen Schelsky.

Öffentlich spricht die AUB aber von 30.000 Mitgliedern. Von der SZ mit diesem Widerspruch konfrontiert, sagte Brand-Hückstädt, sie wolle die Zahl 10.000 weder bestätigen noch dementieren. 30.000 Leute nutzten jedenfalls die Dienstleistungen der AUB. Offen ist auch, wie viel Geld von Siemens über Schelsky letztlich der AUB zugute gekommen ist.

Brand-Hückstädt und der neue Bundesgeschäftsführer Gottfried Linn sagen, sie wüssten es nicht. Sie räumten ein, dass zahlreiche hauptamtliche Mitarbeiter in Wirklichkeit nicht bei der AUB, sondern bei der Unternehmensberatungsfirma Schelskys angestellt waren und von dieser bezahlt wurden.

Äußerst spendabel

Der habe sich im Übrigen bei Tagungen und Versammlungen sowie der Sachausstattung äußerst spendabel gezeigt. Seit Schelsky allerdings in Untersuchungshaft sitzt, hat die AUB ein finanzielles Problem.

Sämtliche Geschäftsstellen - etwa in Hamburg, Greifswald, Mannheim, Frankfurt und München - wurden inzwischen geschlossen. Die AUB zählt noch ganze fünf Angestellte in der Bundesgeschäftsstelle in Nürnberg. Um sie weiterzubeschäftigen und die AUB überhaupt am Leben zu halten, hob die Mitgliederversammlung den Monatsbeitrag von acht auf zwölf Euro an.

Das war nicht unumstritten, wie überhaupt die AUB intern debattierfreudiger war als offenbar je zuvor. Manche Diskutanten seien "sauer gewesen, weil von dem Geld von Schelsky nie bei ihnen etwas angekommen ist", sagte der neu gewählte Bundesvorsitzende Rainer Knoob aus Hamburg.

Wütend über Schelsky

Andere hätten sich wütend über Schelsky geäußert oder auch darüber, "dass sie in eine Ecke gedrängt wurden". Brand-Hückstädt übte Selbstkritik. "Natürlich hätte man bei Schelsky stärker nachfragen müssen", sagt sie.

Andererseits sei der bullige Ex-AUB-Chef immer sehr dominant aufgetreten, habe "Fragen abgewürgt" und sei im Übrigen eine sehr charismatische Erscheinung gewesen.

Aber nun sei "die Ära Schelsky ja vorbei", und so etwas wie "ein Kollektivschuldgefühl haben wir nicht", sagte Brand-Hückstädt.

Nur noch "unbelastete Gesichter im Vorstand"

Künftig seien nur noch "neue, unbelastete Gesichter im Vorstand". Neben Knoob, der freigestellter Betriebsrat beim Flugzeughersteller Airbus in Hamburg ist, bilden vier weitere Personen die Führung.

Brand-Hückstädt sagt, es sei Sache des gesamten Gremiums, über einen Rauswurf Schelskys zu entscheiden. Knoob amtiert erst dann als Bundesvorsitzender, wenn die Satzungsänderungen in einigen Wochen im Registergericht eingetragen sind.

© SZ vom 30.07.07
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