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Smart Home:Ich sehe dich

Solides Metallgehäuse, hübsches Äußeres: Mit hochwertigem Design will die Google-Tochter Nest nun auch deutsche Kunden überzeugen.

(Foto: oh)

Die Google-Tochter Nest kommt in Deutschland mit einem Rauchmelder und zwei Überwachungskameras auf den Markt. Die wichtigste Frage dabei: Was passiert mit den gesammelten Daten?

Von Helmut Martin-Jung

Die Daten, na klar. Es geht um die Daten. Als das Internetunternehmen Google 2014 die Firma Nest Labs für stolze 3,2 Milliarden Dollar kaufte, da schien vielen klar zu sein, warum: Google verschaffe sich damit auch noch Zugriff auf die Daten aus dem vernetzten Heim. Sehr private Daten also, und so ist der Nest-Mitgründer und Chef der jetzigen Alphabet-Tochter, Matt Rogers, auch nicht überrascht, wenn die erste Frage im Gespräch mit ihm sich darum dreht, ob die denn auch an den Mutterkonzern fließen. "Die Daten werden nicht mit Google geteilt", verspricht Rogers, ohne zu zögern.

Doch was, wenn Alphabet/Google sich das anders überlegt, so wie es Facebook mit dem Messenger-Dienst Whatsapp gemacht hat? "Dann würde das opt-in sein", sagt er, die Nutzer müssten dem also explizit zustimmen. Die Frage ist allerdings, ob Nutzer, die einen Rauchmelder für 120 Euro oder eine smarte Überwachungskamera für 200 Euro gekauft haben, diese dann aus Datenschutzgründen nicht mehr benutzen würden - oder bloß offline.

Was kaum einen Sinn ergibt, denn die Produkte fürs Heim gelten ja vor allem deshalb als smart, weil man sie von unterwegs aus steuern kann, oder - wie im Fall von Sicherheitskameras - weil man per Smartphone checken kann, was zu Hause einen Alarm ausgelöst hat: War es die Putzhilfe oder doch ein Einbrecher? Nest, mit dem mächtigen Mutterkonzern Alphabet im Rücken, sieht sich als führende Marke für das smarte Heim, "unsere Produkte finden sich bereits in Millionen Wohnungen", sagt Matt Rogers. Wer wollte, konnte sich Nest-Geräte auch bisher schon bestellen. Mit der jetzigen Initiative wird das Unternehmen nun aber auch einen Vertrieb über den stationären Handel und Service aufbauen.

Die Konkurrenz auf diesem Markt ist schließlich groß. Groß ist aber auch das Wachstumspotenzial. Sogar in Deutschland, wo es vielfach eine eher kritische Haltung gegen zu viel Technik im Haus gibt, kann sich gut die Hälfte von etwas mehr als 1000 Teilnehmern einer Befragung des Hamburger Marktforschungsinstituts Dr. Grieger vorstellen, einen smarten Assistenten zu Hause zu haben. Besonders Energie-Management und Sicherheit sind dabei wichtig, aber auch Entertainment-Systeme wie etwa vernetzte Lautsprecher. Auch die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) registriert einen starken Aufwärtstrend in diesem Marktsegment, besonders bei den smarten Sensoren zur Überwachung des Hauses.

Kein Wunder, dass mehr und mehr Firmen versuchen, an diesem Boom mitzuverdienen. Wie aber sich abheben von der Masse? Der legendäre Designer des ersten iPods, Tony Fadell, arbeitet zwar nicht mehr bei Nest, das er mitgegründet hat. Doch ein Blick auf die Produkte, mit denen Nest von Februar an den deutschen Markt erobern will, zeigt: Design ist immer noch enorm wichtig bei dieser Firma, schließlich kommt auch ihr jetziger Boss von Apple. Die Geräte, die man bei sich in der Wohnung aufstellt, sollen ja nicht nach Überwachung à la Bahnhofsvorplatz oder Flughafen aussehen.

Design, merkt Matt Rogers an, bezieht sich aber nicht bloß auf die Geräte selbst, sondern auch auf die App, mit der man sie auf Smartphone oder Tablet steuert. Auch die sieht, zumindest auf den ersten Blick, sehr aufgeräumt aus und bietet komfortable Möglichkeiten, zum Beispiel durch die gespeicherten Video-Aufnahmen der Kamera zu navigieren. Nest ist es auch gelungen, das Versicherungsunternehmen Cosmos-Direkt, eine Tochter des Generali-Konzerns, als Partner zu gewinnen. Cosmos bietet reduzierte Policen für Versicherte an, die ihr Heim von Nest-Produkten überwachen lassen.

Sicherheitsprodukte können selbst zum Risiko werden

Produkte aus dem Internet der Dinge wie eben Überwachungskameras und Sensoren können allerdings auch selbst ein Sicherheitsrisiko sein. Die Magdeburger Firma AV-Test, die unter anderem auch Computer-Sicherheitssoftware unter die Lupe nimmt, kam in einer gerade veröffentlichten Untersuchung zu dem Ergebnis, dass von acht geprüften Sicherheitskameras nur drei gut geschützt waren gegen Angriffe über das Internet. Zwei der Geräte aus dem Test konnten leicht manipuliert und dazu benutzt werden, den Besitzer in dessen eigener Wohnung auszuspionieren. Das ist deshalb besonders schlimm, weil die Vorwürfe nicht neu sind - die Hersteller hätten diese Löcher also längst stopfen können.

Nest - dessen Produkte in dem Test noch nicht berücksichtigt worden waren - sieht sich hier gut gerüstet. Denn im Mutterkonzern würden einige der besten Sicherheitsforscher arbeiten, "die machen regelmäßig Penetrationstests", sagt Nest-Chef Rogers, "auch unangekündigt". Zusammen würden dann eventuell gefundene Lücken beseitigt. Und dann auch als Update an die bereits im Einsatz befindlichen Geräte ausgeliefert.

Auf dem europäischen Markt tritt Nest zunächst nur mit zwei Überwachungskameras, eine für innen, eine für außen, sowie ihrem Rauchmelder an. Die Kameras haben auch einen Lautsprecher, über den sich im Falle des Falles etwa ein Einbrecher abschrecken lasse, wie man bei Nest argumentiert. Per Smartphone kann man diesen Lautsprecher nutzen.

Das erste Produkt des Unternehmens, ein Sensor, der die Lebensgewohnheiten seiner Besitzer erlernt und so selbständig die Raumtemperatur regelt, vertreibt Nest hier zumindest zunächst nicht. Dieser Bereich ist in Europa auch schon gut besetzt: Das Münchner Start-up-Unternehmen Tado etwa ist sehr erfolgreich mit seinen smarten Produkten zur Steuerung von Thermostaten und Heizungen.

© SZ vom 18.01.2017

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