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Skandale:Tausende Seiten unter Verschluss

Die Deutsche Bank gab zahlreiche Gutachten in Auftrag. Nur wenige Manager dürfen sie lesen.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Es riecht stets nach Überstunden und jeder Menge unbequemer Fragen: Wann immer die Deutsche Bank in den vergangenen Jahren einen Skandal produzierte, versprach die Bankführung, der Sache intern auf den Grund zu gehen. Ganz gleich, ob es um Betrug mit CO₂-Verschmutzungsrechten ging, Manipulation von Zinssätzen oder auch Geldwäsche: Rechtsgutachter hätten "unbeschränkten Zugang zu allen für sie als relevant betrachteten Gutachten" gehabt, heißt es dann auf der Hauptversammlung. Es seien "Millionen von Dokumenten" durchsucht und "Hunderttausende Dokumente auf Relevanz" geprüft worden.

Und ebenso regelmäßig wird klar: Bei diesen Untersuchungen kommt oft nicht viel heraus. Allenfalls einzelne Mitarbeiter hätten ihre Pflichten verletzt, ist stets der Befund. Selten bis nie müssen sich Vorstände oder gar Aufsichtsräte für Fehlverhalten verantworten oder gar selbst für eine Strafe aufkommen. Letztere musste fast immer die Bank bezahlen, mithin die Aktionäre. Überprüfen kann die Öffentlichkeit diese Abschlussberichte mit meist vierstelliger Seitenzahl freilich nicht. Nur ein kleiner Kreis hat Einsicht in die Untersuchungen mit kryptischen Decknamen wie "Roti", "Xenon" oder "Square" - viele Meter an Aktenordnern, Hunderte Megabyte Dateien. Auch Aufsichtsrat und Finanzaufsicht erhalten nicht immer die Langversion.

Diese Untersuchungen aber dürften viele Aktionäre ohnehin nicht mehr überzeugen - spätestens seit die Finanzaufsicht Bafin im Jahr 2015 die Aufarbeitung des Libor-Zinses um manipulierte Zinssätze kritisierte hatte. Die Bankenaufseher drängten die damalige Bankführung um Vorstandschef Anshu Jain sogar zum Rücktritt. In einem Schreiben, das damals öffentlich wurde, warf Bankenaufseherin Frauke Menke die Frage auf, ob Anshu Jain in einer Befragung der Aufsicht "wissentlich" falsche Angaben gemacht haben könnte.

Die Untersuchung der dubiosen China-Geschäfte zeigte viele Lücken

Auch die internen Untersuchungen zu den dubiosen China-Geschäften der Deutschen Bank von 2002 bis 2016 gewähren seltenen Einblick in die Aufklärungsarbeit, allen voran in das Gebaren der beauftragten Spitzenanwälte. Süddeutsche Zeitung, WDR und New York Times haben die Untersuchungen unlängst ausgewertet - es ging um Geschenke, Gefälligkeiten und die Hilfe hoch bezahlter Mittelsmänner in China. Im Speziellen zeigt der Fall auch, wie Richard Walker, der langjährige Chefjustiziar der Bank, bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2015 agierte. Außerdem zeigt der Fall, wie schwer sich auch die aktuelle Bankführung damit tut, krumme Geschäfte aufzuklären.

Auslöser für die China-Untersuchung waren zunächst Medienberichte, wonach die amerikanische Bank JP Morgan Chase Probleme mit der Bankenaufsicht hatte, weil sie Kinder einflussreicher Chinesen eingestellt hatte, um an Aufträge zu kommen. Die Bank überprüfte daraufhin ihre eigene Personalpolitik und dubiose Beraterverträge in China und Russland. Wenig später verlangte die US-Börsenaufsicht SEC auch von der Deutschen Bank Auskunft über deren Einstellungspraxis. Die Bank heuerte zunächst die renommierte Wirtschaftskanzlei Allen & Overy an, um sich bei der Aufklärung helfen zu lassen. Die Anwälte sichteten Dokumente und sprachen mit mehr als 200 Mitarbeitern aus dem Asien-Pazifik-Geschäft.

Allerdings kamen die Berichte von Allen & Overy einigen mit der Aufklärung betrauten Mitarbeitern merkwürdig vor. Haben die Anwälte wirklich tief gebohrt? Haben sie den richtigen Leuten die richtigen Fragen gestellt? Daran gab es Zweifel. Die Deutsche Bank beauftragte daraufhin 2015 eine weitere renommierte US-Kanzlei, Gibson Dunn & Crutcher. Diese sollte die "Integrität" der ersten Untersuchung durch Allen & Overy bewerten und ferner beurteilen, ob die Deutsche Bank noch weitere verdächtige Vorgänge an die Börsenaufsicht SEC melden muss.

Die Untersuchungen sind stets geheim: Aktionäre können sie nicht überprüfen

Tatsächlich kam Gibson Dunn zu einem harten Urteil: Viele wichtige E-Mails zu kritischen Zeitpunkten hätten gefehlt. Auch seien wichtige Folge-Fragen nicht gestellt worden, etwa warum die Rechtsabteilung keine externe Untersuchung angestoßen habe, nachdem ein Mitarbeiter in Asien früh auf gravierende Compliance-Probleme aufmerksam gemacht hatte. Auch andere Mitarbeiter seien nicht tief gehend befragt worden. Außerdem verwiesen die Anwälte auf einen bemerkenswerten "möglichen Interessenskonflikt", wie es in den Unterlagen heißt: Nur ein dreiviertel Jahr nach der Untersuchung stellte die Bank den Ehemann einer Kanzleipartnerin von Allen & Overy als Interims-Justiziar der Bank in den USA ein. Die renommierte Anwältin war für die Untersuchung mitverantwortlich. Ein Insider sagt: "Es war Walkers einzige Mission, die Bankführung und sich selbst zu schützen". Seinetwegen sei das Verhältnis der Deutschen Bank zur deutschen Finanzaufsicht irgendwann total zerrüttet gewesen.

Das war nicht immer so: Wie kaum ein anderer stand der Ex-Chefjustiziar lange Zeit für die große Nähe zwischen US-Börsenaufsicht und Banken. 2001 war Walker von der SEC, wo er einer der ranghöchsten Mitarbeiter war, zur Deutschen Bank gewechselt. Kurz darauf ließen die Aufseher eine Untersuchung zu mutmaßlichen Marktmanipulation der Bank fallen. So schildert es Dirk Laabs in seinem Buch "Bad Bank". Auch in der Folge wurden die Vorstände stets eher milde behandelt. Konzernchef John Cryan war seinerzeit offenbar so unzufrieden mit der Arbeit der Rechtsabteilung, dass er ihr 2015 die Verantwortung für die Aufklärung der Skandale 2015 entzog und an eine neue Einheit übertrug. Tatsächlich gab sich die neue Einheit Mühe, die China-Vorgänge aufzuarbeiten. Doch auch die Gibson-Dunn-Untersuchungen scheinen wichtige Fragen auszusparen, etwa zur Verantwortung damals noch amtierender Vorstände.

Auch für einen, der alles über die China-Geschäfte wissen muss, hatte die Sache keine Konsequenzen. Im Gegenteil: Es gab einen Manager, der in Singapur für die Bank strategische Projekte betreute und dort Berater beauftragte. Er hatte laut Gibson Dunn zwar Pflichten vernachlässigt und die Untersuchung behindert. Folgen hatte dies aber keine. Der Manager wurde 2017 sogar Verwaltungschef im Bereich Compliance und Anti Financial Crime, eine Ebene unter dem Vorstand. Weil er zu viel wusste? Ein Sprecher der Deutschen Bank sagte, das Institut habe bei der Angelegenheit jedes vermeintliche mögliche Fehlverhalten untersuchen lassen und, wo nötig, Maßnahmen ergriffen. Richard Walker teilte zu seiner Rolle bei der China-Untersuchung mit, es habe "keine Verbindung" gegeben zwischen der Einstellung des Ehemanns der Anwältin und den Untersuchungen der Kanzlei und daher auch keinen Interessenkonflikt. Die Anwältin reagierte nicht auf eine Anfrage. Die Kanzlei Allen & Overy wollte sich nicht dazu äußern.

© SZ vom 26.11.2019
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