Silicon Valley Bitte esst mit uns!

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Malte Conradi (San Francisco), Alexandra Föderl-Schmid (Tel Aviv), Christoph Giesen (Peking) und Marc Beise (München) im Wechsel.

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Immer mehr Menschen in San Francisco wird der Boom unheimlich: Machen sich die Internet-Firmen die Stadt zu sehr zu eigen? Die Politik prüft nun drastische Maßnahmen, um die Unternehmen zu sozialerem Verhalten zu zwingen.

Von Malte Conradi

Es ist der Traum eines jeden Bürgermeisters: In einem verarmten Viertel mitten in der Stadt, dem noch kein Förderprogramm helfen konnte, entstehen innerhalb weniger Jahre Zehntausende üppig bezahlte Jobs. Man könnte meinen, das Problem sei damit gelöst, schließlich werden die neuen Angestellten ihr großzügiges Gehalt zum Teil nahe ihres Büros ausgeben: Beim Einkaufen nach Feierabend, beim Friseur in der Mittagspause und natürlich beim Mittagessen. Neue Geschäfte und Restaurants dürften entstehen und auch schlechter ausgebildeten Menschen neue Jobs bieten. Am Ende ist allen geholfen.

Was für ein toller Erfolg!

In San Francisco kam es leider anders. Das Viertel Mid-Market ist seit Langem die Gegend, in der Touristen mit Bildern von bunten Holzhäusern, freundlichen Hippies und veganen Bistros im Kopf hektisch nach einem Taxi wedeln, weil auf dem Bürgersteig Spritzen liegen und die Obdachlosigkeit schockierend ist.

Vor einigen Jahren beschloss die Stadt also, Internet-Firmen Steuervorteile zu gewähren, wenn sie sich in Mid-Market niederließen. Das bewog zum Beispiel Twitter, trotz seines enormen Wachstums in der Stadt zu bleiben. Auch Airbnb und Uber folgten nicht der inoffiziellen Start-up-Regel, die lautet, möglichst schnell ins Silicon Valley zu ziehen. Hunderte Start-ups taten es ihnen in den folgenden Jahren gleich.

Und dann setzte noch ein zweiter Effekt ein: Der Kampf zwischen den Internet-Firmen im Silicon Valley um die besten Mitarbeiter ist inzwischen so hart, dass die Umworbenen immer verwöhnter werden: Hohe Gehälter, das Selbstverständnis, die Zukunft zu formen, oder die Erlaubnis, den Hund mitzubringen, reichen ihnen längst nicht mehr. Immer öfter wollen die Kandidaten weder im Valley leben, dieser Kette hübscher aber eben doch ziemlich dröger Vororte, noch wollen sie jeden Morgen und jeden Abend eine Stunde im Stau auf den Autobahnen von und nach San Francisco verbringen.

Also ziehen mehr und mehr Firmen nach San Francisco um oder eröffnen dort zumindest Büros. Google, Yahoo und Cisco haben das zuletzt getan. Und fast alle Neuankömmlinge ziehen dorthin, wo Twitter und die anderen schon sind: ins geschundene Mid-Market.

Was für ein toller Erfolg?

Tatsächlich hat sich in der Gegend etwas geändert. Rund um jedes frisch sanierte Bürogebäude entsteht ein Ring aus coolen Restaurants: Hohe Decken, polierter Beton, stimmungsvolles Licht. Nur nach und nach bemerkt man aber, dass die Restaurants deshalb so cool aussehen, weil sie vor allem eines sind: ziemlich leer. Und dann merkt man, dass ziemlich oft ein cooles Restaurant durch eine neues cooles Restaurant ersetzt wird.

Ökonomisch sinnvoll sind die Gratis-Kantinen sicher. Aber endet hier die Verantwortung?

Denn nun arbeiten zwar Zehntausende neue Büromenschen in Mid-Market - die, die so unbedingt in die Großstadt wollten. Aber dann bleiben sie einfach in ihren Büros. Denn die Internetkonzerne haben ihre eigenen Restaurants mitgebracht. Uber unterhält 13 Cafeterien an drei Standorten, Twitter hat sieben, bei Facebook, Google und Airbnb ist es nicht viel anders. Für die Mitarbeiter ist das alles natürlich umsonst. Und ihren Arbeitsplatz müssen sie gar nicht erst verlassen.

"Mit umsonst kann man nicht konkurrieren", fasst die ernüchterte Besitzerin eines japanischen Bistros das Dilemma zusammen. Ihre einzige Rettung sei es, sagt sie, dass der Zahlungsdienstleister Square freitags seine Kantine schließt. Dann ist es bei ihr so voll, dass sie zusätzliche Mitarbeiter anstellen muss.

An den anderen Tagen hilft es nichts, dass die Cafés und Restaurants sich alle Mühe geben, es den jungen Tech-Angestellten recht zu machen: mit Lade-Möglichkeiten für Handys, mit Vorbestellungen per Internet oder mit ruhigeren Zonen, wo man ungestört am Laptop arbeiten kann.

Das Problem, über das bislang Betroffene klagten, ist im Sommer plötzlich ein großes Thema in San Francisco geworden. Es wird diskutiert, ob die Tech-Industrie sich die Stadt zu sehr zu eigen macht. Auch etwas, das man sich leisten können muss. Schließlich treiben all die Gutverdiener die ohnehin schon hohen Mieten und Kaufpreise für Immobilien in neue Höhen, auch Stadtviertel, in denen bislang noch einfache Arbeiter leben konnten, werden gentrifiziert. Ist es in Ordnung, wenn prächtig verdienende - oder prächtig mit Risikokapital ausgestattete - Firmen sich in das Flair einer Großstadt einkaufen, ohne sich dann an der Gemeinschaft zu beteiligen - was in der Arbeitswelt nun einmal auch bedeutet: In der Gegend essen zu gehen?

Natürlich ist es ökonomisch sinnvoll für die Firmen, Gratis-Essen anzubieten - Mitarbeiter mögen das und dann bleiben sie vielleicht auch noch länger im Büro oder sprechen beim Essen mit den Kollegen weiter über die Arbeit. Aber sollten Firmen nicht auch Verantwortung übernehmen für ihre Stadt?

In der Lokalpolitik wird nun eine drastische Maßnahme erwogen: ein Verbot neuer privater Kantinen. Was in Amerika, wo man am liebsten gar nichts reguliert, wie ein Witz aus der Late-Night-Show über das verordnungsbesessene "old Europe" klingt, wird in San Francisco zur Zeit mit bitterem Ernst diskutiert. Es gibt Gesprächsrunden mit Firmenvertretern und Abgeordneten einzig zum "Cafeteria-Ban". Selbst in den Wahlkampf um das Bürgermeisteramt hielt das Thema Einzug.

Vielleicht liegt all das daran, dass man in die Weigerung zur gemeinsamen Mittagspause im Stadtviertel eine Geisteshaltung hineinlesen kann: nehmen, ohne zu geben.