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Siegeszug der Ein-Euro-Shops:"Läuft wie bekloppt"

Shampoo, Nagellack, Porzellanteller - und alles für einen Euro: In Großstädten feiern die Ein-Euro-Shops bereits große Erfolge. Jetzt zieht es die Billigheimer aufs Land.

Im Euroshop am Münchner Hauptbahnhof ist eine Menge los. Auch kurz vor Ladenschluss strömen die Kunden noch durch die Glastür herein. Junge Frauen, meist mit Kindern, schlendern zwischen den Regalen umher, greifen mal links zu, mal rechts. In großen und kleinen Plastikkörben stapeln sich dort Spülbürsten neben Shampoo, Klebeband, Nagellack und Porzellantellern - alles für je einen Euro, wie ein ganzer Wald von rot-weißen Schildern verspricht. Wer hier einkauft, sucht nichts. Wer hier einkauft, findet.

Ein-Euro-Shop, Foto: AP

Die Ein-Euro-Shops bevölkern jetzt auch zunehmend die Kleinstädte.

(Foto: Foto: AP)

Solche Ein-Euro-Discounter gibt es im Zentrum von Berlin, Hamburg oder München, aber auch in Östringen, Aßlar oder Kamenz. Alle drei Orte haben weniger als 18.000 Einwohner. Es sind typische deutsche Kleinstädte, meist mit einer hübschen Fußgängerzone, die alles bietet, was die Menschen zum Leben brauchen: Bäcker, Frisör, Supermarkt - und einen Ein-Euro-Laden.

Die Branche der Non-Food-Discounter, wie sie im Fachjargon heißen, boomt. Und nach den Großstädten machen sich die Billigheimer zunehmend auch in der Provinz breit. Fast täglich öffnet irgendwo in Deutschland eine neue Filiale ihre Pforten. "Besonders der Marktführer Tedi ist sehr aktiv", sagt Wolfgang Fritz, Professor und Leiter des Instituts für Marketing an der Technischen Universität Braunschweig. "Teilweise übernimmt der Discounter bei seiner Expansion auch die Verkaufsstätten geschlossener Rest- und Sonderpostenläden."

Den deutschen Markt teilen sich die großen drei Ketten Tedi, Schum Euroshop und Mäc-Geiz mit zahlreichen lokalen Anbietern. Wie viele es genau sind, bleibt im Dunkeln. Ein-Euro-Shops werden in den Statistiken des Einzelhandels nicht als eigenständige Betriebsform ausgewiesen. Aber allein Tedi, nach eigenen Angaben eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen in Europa, verfügt deutschlandweit mittlerweile über 850 Filialen mit insgesamt 5500 Mitarbeitern. Neue Dependancen entstehen derzeit unter anderem in Luckenwalde in Brandenburg mit 20.000 Einwohnern oder im hessischen Bad Camberg mit 14.000 Einwohnern.

"Das Kauferlebnis zählt"

Eins haben die Billigläden alle gemeinsam: Das Sortiment ist ein buntes Sammelsurium, das sehr häufig wechselt und von Lakritzen über Pfannenwender und Einwegrasierer alles Mögliche enthält, solange es nur preiswert ist. Die meisten Artikel kosten einen Euro; einige Anbieter führen auch teurere Waren, aber mehr als fünf Euro zahlen Kunden fast nie. Die Unternehmen kaufen die Produkte oft in rauen Mengen, um sie möglichst günstig absetzen zu können. Dabei wirken die Ladenlokale der Ketten meist sauber und aufgeräumt, sie werben für ihre Schnäppchen häufig sogar mit Prospekten. Damit setzen sich die Filialisten, die erst seit wenigen Jahren auf dem Markt aktiv sind, von den früher vorherrschenden Rest- und Sonderpostenmärkten ab, denen eher ein Schmuddelimage anhaftete.

"Für Kunden der Non-Food-Discounter zählt vor allem das Kauferlebnis", sagt Gerhard Raab, Professor für Psychologie und Marketing an der Fachhochschule Ludwigshafen. "Es fühlt sich gut an, wenn man sich etwas Neues leisten kann - gerade wenn man wenig Geld zur Verfügung hat." Erwirbt man etwas für einen oder zwei Euro, werde der Preis, den man für das Glücksgefühl des Kaufens bezahlen muss, kaum wahrgenommen. So wird das Kramen und Stöbern zu einer Schatzsuche ohne bitteren Nachgeschmack.

Das Konzept der Schnäppchen-Verkäufer geht auf. In den kommenden drei Jahren will Marktführer Tedi noch einmal 500 Läden eröffnen. Damit soll an jedem zweiten Werktag eine neue Niederlassung an den Start gehen. "Unser Ziel ist ein flächendeckendes Filialnetz", sagt eine Sprecherin von Tedi. Dabei spiele die Größe der Stadt keine Rolle. Laut Bundesanzeiger verbuchte Tedi im Geschäftsjahr 2007/2008 ein Umsatzplus von 28 Prozent auf 186 Millionen Euro. Auch die anderen großen Ketten können sich über zweistellige Zuwächse freuen.

Mäc-Geiz ist deutschlandweit mit 250 Filialen vertreten, in Großstädten, aber etwa auch in Pegnitz, einem 13.000-Einwohner-Städtchen in Franken oder im niedersächsischen Schneverdingen mit 19.000 Einwohnern. Das Unternehmen mit Sitz in Landsberg, Sachsen-Anhalt, versteht sich aber anders als Tedi und Schum Euroshop nicht als klassischer Ein-Euro-Discounter, da die Waren für bis zu fünf Euro verkauft werden.

Billige Angebote

Dennoch ist das Konzept ähnlich: Mäc-Geiz ist spezialisiert auf billige Angebote. Zudem sind die Produkte in den Läden nicht etwa nach Warengruppen, sondern nach dem Preis - von 55 Cent bis fünf Euro - sortiert. Seit Jahren wächst die Kette stetig, auf seiner Internetseite sucht Mäc-Geiz nach neuen Standorten. Die Anforderungen: Innenstädte, Hauptverkehrsstraßen oder Gewerbegebiete in Städten ab 15.000 Einwohnern. Die bisher letzten Niederlassungen eröffneten in Strausberg in Brandenburg und Merseburg in Sachsen-Anhalt.

Doch auch Berlin bekam seinen 29. Mäc-Geiz-Laden. Dort gibt es bereits 19 Filialen von Tedi und 16 von Schum Euroshop. "Der Einzelhandel steht in den Innenstädten grundsätzlich vor dem Problem einer hohen Marktsättigung", sagt der Braunschweiger Professor Wolfgang Fritz. Deswegen sei es für die Ein-Euro-Shops schwierig, dort mit neuen Filialen zu wachsen - "zumal die Mieten in den Zentren recht hoch sind". In kleineren Städten sei dieses Problem nicht so gravierend, daher würden die Billigketten da investieren.

Doch keine Regel ohne Ausnahme: Was für Tedi und Mäc-Geiz gilt, gilt nicht für Schum Euroshop. Dessen Geschäftsführer Rainer Schum setzt ausschließlich auf größere Städte und - wie er sagt - "auf Top-Lagen". Gerade sei eine neue Filiale in Würzburg, einer Stadt mit etwa 130.000 Einwohnern, eröffnet worden. "Die läuft wie bekloppt."