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Selbstversuch:Mein Leben ohne Amazon

Es geht auch ohne. Wer das System Amazon nicht unterstützen will, müsste streng genommen darauf verzichten. Unser Autor hat es ausprobiert.

Früher habe ich alles bei Amazon gekauft: Fußballschuhe, Hard- und Software für den Rechner, Geschenke aller Art, Bücher und Filme sowieso. Mein größter Einkauf war eine Spülmaschine für unsere erste WG. Die wurde nach der Lieferung sogar angeschlossen. Es war so einfach, alles über dieselbe Plattform zu erledigen. Na gut, Lebensmittel habe ich im Supermarkt besorgt, aber sogar die gibt es heute teilweise beim Onlinehändler.

Seit Weihnachten 2013 lebe ich jetzt aber ohne Amazon. Da nämlich fragte mich meine Freundin, warum ich denn bei Amazon kaufe, obwohl die Arbeitsbedingungen dort schlecht seien und ich dies mit meinem Kauf unterstützen würde. "Ja aber...", weiter wusste ich nicht.

Ich bin zwar niemand, der jede Einzelhandel-Buchfiliale vor den Big Playern des Kapitalismus retten muss. Aber meine Antwortoptionen schienen mir nicht sonderlich überzeugend:

  • "Die anderen Firmen machen das doch auch so." Eigentlich wusste ich das gar nicht wirklich. Ich wollte meine Argumentation nicht einfach darauf aufbauen, unwissentlich andere Unternehmen zu beschuldigen.
  • "Wenn nur ich dort nicht einkaufe, macht's das auch nicht besser." Auch doof, dann brauche ich auch nicht wählen gehen.
  • "Es gibt keine Alternativen." So ein Quatsch, es gibt doch mehr als ein Geschäft.

Außer "es ist bequem" fiel mir nichts ein. Aber das war mir zu plump. Auf einmal war ich mitten im Selbstversuch.

Das Ende der Bequemlichkeit

Mein Vorhaben schien mir beinahe unmöglich. Der Paketbote kam jede Woche, wir duzten uns. Ich dachte, ich müsse nun Stunden meines Feierabends opfern, um zu bekommen, was ich auf Amazon mit einem Klick bestellt hatte. Dass die Bequemlichkeit nun ein Ende habe, dass ich länger warten und mehr bezahlen müsse. Vielleicht bekäme ich sogar einige Produkte überhaupt nicht mehr. Eine deprimierende Vorstellung.

Aber wieso eigentlich? Amazon produziert ja bis auf den E-Reader Kindle und das Fire Phone so gut wie nichts selbst. Es gibt dort keine Produkte, die man nicht auch über einen anderen Händler bekäme. Der einzige Vorteil ist, dass alles auf einer Plattform vereint ist. Und das ist eben bequem.

Zurück in die 90er

Das erste, was ich über einen alternativen Weg erwarb, war ein Buch. Ich bestellte es einfach direkt beim Verlag. Das war einfach. Doch die nächsten Einkäufe würden bestimmt schwieriger werden.

Wurden sie aber nicht. Es dauerte vielleicht mal einen Tag länger. Und der Preis? Mal günstiger bei Amazon, mal billiger auf der eigenen Homepage des lokalen Snowboardladens oder einem Gebrauchte-Bücher-Portal, von dem ich zuvor noch nie gehört hatte.

Jedenfalls bekam ich alles, was ich wollte auf einem anderen Weg. Neue Kopfhörer kaufte ich beim Elektrofachhandel, Kleidung bei anderen Onlineshops und für Bücher ging ich tatsächlich in die Buchhandlung. Ich rief vorher an und erkundigte mich, ob das Buch auch vorrätig war, damit ich nicht umsonst lief. Hätte ich nicht mit dem Smartphone die Nummer gegoogelt - mein Leben hätte sich angefühlt wie in den 90er-Jahren.

Amazon Labor der Ausbeutung
Kommentar
Amazon

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