Schweiz Ein Grundeinkommen schafft neue Probleme

Grundeinkommen in der Schweiz: Operation Größenwahn

(Foto: dpa)

An diesem Sonntag stimmen die Schweizer über ein Einkommen für alle ab, für das man nichts tun muss. Das hört sich besser an, als es ist.

Kommentar von Charlotte Theile

Das bedingungslose Grundeinkommen, über das die Schweizer an diesem Sonntag abstimmen, ist eine radikale Idee. Die sozialen Sicherungssysteme, eingeführt um die Verwerfungen der Industrialisierung abzumildern, würden grundlegend erneuert - viele sagen: an die heutige, flexible Arbeitswelt angepasst werden. Wer eine solche Idee umsetzen will, braucht gute Argumente, Mut und vielleicht auch etwas Größenwahn. In den vergangenen Monaten wurde die Schweiz mit tanzenden Robotern, riesigen Plakaten und Zehn-Franken-Scheinen überzogen. Jeder, der Zeitung liest, weiß jetzt, dass es gute Gründe gibt, jedem Menschen ohne Prüfung so viel Geld zu geben, wie er für ein selbstbestimmtes Leben braucht.

Diese Diskussion hat die Schweiz weitergebracht. "Was würdest du tun, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre?" - die Frage, mit der es die Initiatoren kürzlich sogar ins Guinness Buch der Rekorde geschafft haben, ist eine, die sich jeder einmal stellen sollte. Und überhaupt: 2500 Franken fürs Nichtstun, das klingt so fantastisch, dass man sich ohne Probleme 90 Prozent Ja-Stimmen vorstellen kann. Tatsächlich kommen die Aktivisten in Umfragen auf etwa ein Drittel Befürworter. Warum ist das so?

Wer überzeugt ist, eine Antwort auf alles gefunden zu haben, irrt

Glaubt man den Initiatoren, sind viele Menschen noch nicht weit genug, um die Genialität ihrer Idee zu durchdringen. Philip Kovce, einer der lautesten Vertreter des Grundeinkommens, sagte kürzlich in einem Interview, wer nicht an die Eigeninitiative der Menschen glaube, sei "schlecht informiert oder einfach borniert". Andere Aktivisten sind spürbar verärgert, wenn Politiker oder Journalisten nach der Finanzierbarkeit ihrer Mission fragen. Und die Frage, die sich die Aktivisten beim Smalltalk stellen, lautet nicht mehr: Was spricht für, was spricht gegen unsere Idee? Sie fragen sich, wie lange es noch dauert, bis das Grundeinkommen eingeführt wird. Meistens einigen sie sich auf zehn bis fünfzehn Jahre. Eine gefährlich elitäre Haltung.

Wer derart überzeugt ist, seiner Zeit um Jahrzehnte voraus zu sein, übersieht etwas Entscheidendes: die Gegenwart.

Hier und heute sind die Schweizer mit der Organisation ihrer Sozialsysteme ganz zufrieden. Sie wissen, wie viel sie eingezahlt haben, wie viel sie herausbekommen werden. Sie fragen sich, ob die Flüchtlinge aus Syrien und anderen Kriegsgebieten der Welt, die bislang nur in kleiner Zahl in der Schweiz gelandet sind, irgendwann zuhauf kommen werden. Sie wollen wissen, wie das Land seine wachsende Bevölkerung mit bezahlbaren Wohnungen, Straßen und Sitzplätzen in Pendlerzügen versorgen kann. Ein bedingungsloses Grundeinkommen? Klingt da eher nach einem neuen Problem als nach einer Lösung.

Das Buch zur Kampagne trägt den Untertitel: "Warum das bedingungslose Grundeinkommen die richtigen Fragen stellt." Eine bescheidene Vorgabe, an die sich die Initiatoren vor der Abstimmung noch einmal erinnern sollten. Denn die Herausforderungen, auf die das Grundeinkommen reagiert, sind real: Immer mehr Menschen arbeiten in prekären Verhältnissen und können kaum etwas zurücklegen. Roboter werden in den nächsten Jahren einfache Tätigkeiten übernehmen. Ein soziales Sicherungssystem, das Arbeitslosigkeit als Versagen begreift, passt nicht mehr dazu.

Wer diese Fragen offen diskutiert, leistet einen wichtigen Beitrag zur Sozialpolitik der Zukunft. Doch wer überzeugt ist, eine Antwort auf alles gefunden zu haben, verliert den Boden unter den Füßen. Das Grundeinkommen eröffnet neue Perspektiven. Ein Allheilmittel ist es nicht.

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