Schuldenkrise:Was Europa den Griechen schuldet

Crisis in Greece

Europa muss verhindern, dass Millionen Menschen ins Elend stürzen.

(Foto: dpa)

Egal wie die Griechen abstimmen. Egal wie stur ihre Regierung sein mag. Europa muss verhindern, dass Millionen Griechen in Not und Elend stürzen - bedingungslos.

Kommentar von Stefan Ulrich

Offiziell dient nur die Instrumentalfassung von Ludwig van Beethovens "Ode an die Freude" als Europa-Hymne. Doch es hilft in diesen Tagen, da die Griechenland-Krise ihre Klimax erreicht, sich des Textes zu besinnen, der von Friedrich Schiller stammt. Die Brüderlichkeit aller Menschen wird da besungen, sowie der große Wurf, "eines Freundes Freund zu sein". Und wer Schillers Verse ganz liest, stößt auf eine Zeile, die den griechischen Premier Alexis Tsipras freuen dürfte: "Unser Schuldbuch sei vernichtet! Ausgesöhnt die ganze Welt!"

Die Ode könnte die Europäer daran erinnern, dass ihre Europäische Union mehr ist als Institutionen, Krisengipfel und eine Währung namens Euro. Europa, wie es von seinen Gründern nach den Weltkriegen ersonnen wurde, sollte nicht nur durch Rechte und Pflichten zusammengehalten werden. Vielmehr sollten die Völker des Kontinents künftig Zuneigung füreinander empfinden und solidarisch miteinander sein. Der Geist der Ode an die Freude weht durch dieses Ideal-Europa, das der real existierenden EU so fern zu sein scheint.

Angenommen, die Europäer würden sich daran stören und versuchen, den Griechen im Sinne der Ode zu helfen. Was sollten Angela Merkel und die anderen tun? Was ist Europa Griechenland schuldig, wenn es seinen Idealen folgt?

Die griechische Regierung hat eine Antwort: "Unser Schuldbuch sei vernichtet!" Sie wünscht einen Schuldenschnitt, neue Milliarden ohne strenge Auflagen, eine Transferunion. Solidarität ohne wenn und aber. Wahre Brüderlichkeit bedeutet jedoch nicht, den Bruder oder die Schwester mit Geld zuzuschütten und kritiklos zuzusehen, wie dieses vergeudet wird. Brüderlichkeit verlangt vielmehr, dem Gestrauchelten so zu helfen, dass er wieder aus eigener Kraft aufrecht gehen kann.

Die EU muss Tsipras trotzen, aber dem Volk in der Not helfen

Daher ist es richtig, Schuldenschnitte, Umschuldungen oder Rettungsschirme mit Bedingungen zu verknüpfen, die dafür sorgen, dass aus Griechenland ein gut funktionierender Staat wird. Über die Art der Bedingungen lässt sich streiten. Über das Ziel aber sollten sich die Europäer einig sein. Deswegen dürfen sie der Regierung Tsipras jetzt nicht zu sehr nachgeben.

Eine andere Frage ist es, was die EU-Staaten tun müssen, falls Griechenland in den kommenden Tagen wegen der Sturheit seiner Regierenden ins Chaos stürzen sollte. Rentnern, Kranken, arbeitslosen jungen Leuten und vielen anderen Griechen droht nackte Not in einem Umfang, wie man dies in der Europäischen Union nicht mehr für möglich gehalten hätte. An diesem Elend könnten sich Gewalt und Aufstände entzünden. Angesichts dieser Lage dürfen die EU und ihre Mitgliedstaaten keinen Tag zögern. Sie müssen sich darauf vorbereiten, den vom Elend bedrohten Menschen rasch, effizient und - in diesem Fall - bedingungslos zu helfen. Griechenland droht ein Erdbeben. Und im Angesicht von Erdbebenopfern fragt man nicht nach den Ursachen. Man handelt; und analysiert später.

Die Nothilfe, die da auf die Europäer zukommt, könnte langwierig und teuer werden. Dennoch sollte sich die ganze Europäische Union daran beteiligen. So kann sie den Menschen in Athen, Thessaloniki oder auf Kreta demonstrieren, dass der Rest Europas - bei aller Kritik an der griechischen Politik - nichts gegen die Griechen hat; dass diese vielmehr weiter als Freunde angesehen werden, egal, wie sie sich bei ihrem Referendum am kommenden Sonntag zum Euro-Raum stellen; und dass sie weiter in der Europäischen Union willkommen sind, selbst wenn sie bald wieder mit Drachmen bezahlen.

Der übrigen Welt, die sich über eine als kleinkrämerisch gescholtene EU wundert, würde damit demonstriert, dass der Geist der Ode an die Freude in Europa lebt.

© SZ vom 03.07.2015/kabr
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