Samstagsessay Urbane Arroganz

Illustration: Sara Scholz

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Die Verteufelung des Autos in Deutschland ist auch die Folge eines verstellten Blicks von Politikern und Umweltaktivisten auf die Realität. Nur für die Stadt zu denken, wird dem Klimaproblem nicht gerecht.

Von Karl-Heinz Büschemann

Manchmal kann man sich über die Deutschen nur wundern. Sie geben sich weltoffen, der Globalisierung zugewandt und sind Exportweltmeister. Sie zeigen sich europafreundlich und stellen die größte Volkswirtschaft der EU, die vom Geschäft mit dem Ausland lebt. Ihre Maschinen und Autos genießen einen hervorragenden Ruf in der ganzen Welt. Trotzdem handeln sie, wenn es um ihre wichtigste Industrie geht, erstaunlich provinziell. Was die Bundesregierung, aber auch Umweltparteien zum Thema Autoindustrie, Mobilität und Umweltschutz zu sagen haben, kommt zwar mit teutonischer Wucht daher, die keine Rücksicht nimmt auf die Interessen einer Branche, die mit 800 000 Arbeitsplätzen einen großen Teil der Wirtschafts- und Exporterfolge des Landes geschaffen hat. Aber weitsichtig ist die Debatte nicht.

Seit dem Auffliegen der skandalösen Diesel-Manipulationen bei VW vor dreieinhalb Jahren ist die Autoindustrie ins Zentrum der politischen Debatte gerückt. Die einst scheinbar übermächtige Branche steht als Versagerindustrie in der Sünderecke, und sie ist mittlerweile so verunsichert, dass sie sich kaum noch gegen die Angriffe zur Wehr setzt. Nicht einmal zu den Zeiten des finsteren Streits über den sauren Regen und die Schuld der Autoindustrie am Sterben der Wälder in den achtziger Jahren wurde das Auto so feindlich gesehen wie heute. Wer in der durch den VW-Skandal aufgeheizten Debatte behauptet, der Diesel-Motor sei tot, ja der Verbrennungsmotor habe keine Zukunft, kann mit Beifall rechnen. Die Sache ist doch klar, oder nicht?

Politiker haben ein Patentrezept für den Verkehr von morgen: Batterieauto und Steuergeld

Die Analyse ist scheinbar einfach, also ist auch die Patentlösung nicht mehr weit: Die Bundesregierung hat sich schon festgelegt. Die richtige Antwort auf das Verkehrsproblem kann nur das elektrische Auto sein. Das wird staatlich gefördert. Was denn sonst? Dass das Stromauto noch einige Zeit brauchen wird, bis seine Klimabilanz ausgeglichen sein wird, dass der Strom für die E-Autos noch immer reichlich schmutzig erzeugt wird, dass es auch möglicherweise andere Co₂-freie Antriebe geben könnte, wird einfach übersehen. Die Politiker in Berlin haben entschieden, wo die Zukunft liegt: im Batterieauto. Dafür gibt es Steuergeld.

Diese aufgeregte deutsche Debatte legt gnadenlos offen, dass das Auto, seine Gefahren und seine Zukunft vornehmlich durch die Brille von Metropolenbewohnern betrachtet werden. Wo das Stromauto zum Problemlöser gemacht wird, wo Fahrverbote das heutige Auto verunglimpfen und sich Grünen-Politiker das Verbot des Verbrennungsmotors bis 2030 vorstellen können, kommt ein erstaunlich enges Denken zum Vorschein, das technologische Fortschritte beim Verbrennungsmotor per se für unmöglich hält. Am schlimmsten aber ist, dass diese Debatte die Bedürfnisse der Menschen, die nicht in Städten leben, mit leichter Hand übergeht. Zur Erinnerung: Mehr als drei Milliarden Menschen auf diesem Planeten leben nicht in Städten.

Die Debatte über das angeblich liebste Kind der Deutschen wird viel zu ideologisch geführt. Während in den USA und in China die Industrie schon längst entschlossen dabei ist, die Fragen der künftigen Mobilität mit zahllosen neuen Ideen und zukunftsweisenden Konzepten anzugehen, hielten sich die Autobauer in Deutschland lange zurück mit Visionen für die Zukunft. Auch die Kritiker des Autos haben sich tief in ihren Schützengräben verschanzt. Es scheint nur noch umweltbewusste Autogegner oder rücksichtslose PS-Kämpfer zu geben, die im Interesse einer machtvollen Industrielobby und der Arbeitsplätze ihr schädliches Unwesen treiben. Es gibt scheinbar nur noch Richtig und Falsch, Gut und Böse. Und nichts dazwischen.

Dass das Auto Segen und Fluch zugleich ist, geht in der Aufregung unter. Erstaunlich ist, wie eindimensional diese Debatte verläuft. Seit dem VW-Skandal beherrscht die Frage der Stickoxide aus Dieselmotoren die öffentliche Diskussion. Absurderweise mutierten in der Aufregung die Benzinmotoren zum Segen für die Umwelt, nur weil die keine schädliche Stickoxide ausstoßen. Dass sie mehr zum Ausstoß von Kohlendioxid - dem wahren Problem des Weltklimas - beitragen als Diesel, geriet in den Hintergrund. Das wirkt armselig: Die Welt redet über Co₂-Ziele, um die Klimaerwärmung zu stoppen. Deutschland streitet über Stickoxide. Vor wenigen Tagen sorgte eine Studie der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina für neue Schlagzeilen. Die Analyse sagte, die Stickoxide seien nicht das entscheidende Problem. Nötig seien mehr Anstrengungen bei der Senkung des Treibhausgases Co₂ sowie des Feinstaubs. Das war allerdings auch schon vorher bekannt. Mal sehen, welche Untersuchung als Nächstes für Aufsehen sorgt.

Es ist scheinheilig, wenn die Bewohner von Metropolen, in denen es öffentliche Verkehrsmittel und Car Sharing gibt, den Verzicht auf das Auto als Gebot der Vernunft predigen, während die meisten Menschen auf der Welt noch auf ihr erstes Auto warten. Mit welchem Recht wollen die Bewohner der reichen Industrienationen den Menschen in Schwellenländern das Benzin- oder Diesel-Auto verwehren, mit dem sie selbst jahrzehntelang das globale Klimaproblem mit geschaffen haben? Die Menschen auf dem Land in Asien, Afrika oder Amerika werden mit der Anschaffung ihres ersten Wagens kaum warten, bis auch auf dem flachen Lande die Infrastruktur für Stromautos steht oder bis endlich das klimaneutrale Elektroauto auf dem Markt ist. Für sie ist das Auto kein Luxus, sondern vielleicht sogar lebensnotwendiges Verkehrsmittel. Und es wird für lange Zeit noch ein Verbrenner-Auto sein. Klimaschützer aus den urbanen Zentren aber setzen sich einfach über die Bedürfnisse der Bewohner ländlicher Regionen hinweg - übrigens auch der im eigenen Land. Das ist urbane Arroganz.

Sind Fahrverbote und die Verteuerung von Treibstoff oder Parkplätzen in den Städten sinnvoll, werden solche Ideen den Menschen, die nicht in den Zentren leben, nicht gerecht. In der Stadt ist es leicht, das Auto als Verkehrsmittel von gestern zu brandmarken und die Nutzung von elektrischen Tretrollern als neusten Schrei zu propagieren. Die Menschen in der Provinz ärgern sich darüber, dass sie in der hitzig geführten Debatte über den Verkehr von morgen gar nicht vorkommen. Das Land hat keine Stimme. Es wird bestraft. Wenn sich Politiker darüber wundern, warum so viele Menschen vom Land in die Stadt wandern oder bei Wahlen zu einer nationalistischen Bewegung der Frustrierten, so hat das auch mit dieser Überheblichkeit zu tun, die der Landbevölkerung signalisiert, an den großen Zukunftsfragen nicht beteiligt zu sein.

Schon heute führt die weltweit wachsende Spannung zwischen Stadt und Land zu früher politischen Verwerfungen. In den USA entschied sich die Hälfte der Wähler für den reaktionären Präsidenten Donald Trump. In Großbritannien führte die Fruststimmung der Abgehängten außerhalb der großen Städte zur Mehrheit für den EU-Austritt. In Frankreich, wo das Gefälle zwischen dem Superzentrum Paris und der weiten Provinz besonders groß ist, wehren sich die Bürger als Gelb-Westen verkleidet gegen die Politik ihres Präsidenten in der glänzenden Metropole.

Die deutsche Umwelt- und Verkehrspolitik wirkt beschränkt und ideenlos

Umweltpolitik wird mit Eifer gemacht, mit Engagement und mit Emotionen. Das muss so sein. Die Gegner der Veränderung sind zu stark und die Risiken des Scheiterns groß. Aber ausgerechnet die Umwelt- und Verkehrspolitik der führenden europäischen Industrienation wirkt beschränkt und ideenlos. Doch eine Politik, die vor allem die Bedürfnisse der Stadtmenschen im Blickfeld hat, kann nie gute Politik werden.

Für reiche Industrieländer wie Deutschland heißt das: Sie müssen eine Vorbildrolle übernehmen, um anderen zu zeigen, dass moderne Umwelttechnologien in Industrie und Automobil nicht Wohlstand kosten, sondern Wohlstand sichern. Aber den deutschen Umweltpolitikern und -aktivisten muss klar sein, dass ihre Stimme nur gehört wird, wenn sie den Bedürfnissen in anderen Regionen der Welt offen und sachlich gegenübertritt und nicht mit dem gehobenen Zeigefinger des wissenden Experten aus der gut klimatisierten Industriewelt.

Die Europäer hätten wissenschaftlich-technisch einiges zu bieten, womit der Umwelt gut getan wäre. Aber sie müssen zeigen, dass sie intelligentere Lösungen zu bieten haben als andere. In der neuen Wirtschaftsmacht China, wo die Freiheit nicht zu Hause ist, sind Fahrverbote in Millionenstädten längst Teil der Realität. Solche Beschränkungen sind aber reine Notwehrmaßnahmen für im Smog untergehende Städte. Sie sind Ausdruck von Ratlosigkeit. Signal einer nach vorne gedachten Umwelt- und Verkehrsstrategie sind sie nicht. Da liegt die Chance für Industrieländer wie Deutschland, die am ehesten das Geld und die technologischen Fähigkeiten haben, Antriebe für das Auto von morgen zu entwickeln.

Dazu ist eine Wirtschaftspolitik vonnöten, die Wissenschaft und Technologie fördert, die über den Horizont hinausblickt und nicht an den Grenzen der Hauptstädte endet. Das Auto zu verteufeln, ist in einer Welt, deren Motorisierung noch lange weitergehen wird, eine der dümmsten Lösungen überhaupt. Die Deutschen sollten nicht glauben, dass ihre Stimme in der Welt noch lange wahrgenommen wird. Dazu haben sich die Gewichte in der Weltwirtschaft schon zu stark zu Gunsten von China verschoben. Das Wachstum der Autoindustrie wird in den kommenden 15 Jahren vor allem in dem fernöstlichen Riesenreich stattfinden. So wächst das Risiko, dass die Deutschen von der Gestaltung der mobilen Zukunft in der Welt abgehängt werden.