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Samstagsessay:Hunger auf mehr

Brot backen zuhause

(Foto: Nadya Spetnitskaya/Unsplash)

Die Krise wird unsere Ernährung und die Debatte über die Landwirtschaft verändern. Darin liegt eine große Chance. Der Ausnahmezustand zeigt auch, wie wichtig ein maßvoller Umgang mit lebenswichtigen Ressourcen ist. Sie zu schützen ist ein Muss.

Von Silvia Liebrich

Viele lernen in diesen Tagen etwas kennen, was sie sonst im Alltag eher selten erleben: Gemeinsam mit der Familie am Esstisch sitzen, frühstücken, mittagessen oder einfach nur einen Kaffee trinken. Schließlich haben nur wenige in diesen Tagen einen Grund, um zum nächsten Termin zu hetzen. Der Corona-Krise, so lästig sie sein mag, kann man zumindest in dieser Hinsicht etwas Gutes abgewinnen. In ein paar Monaten mag sich der ein oder andere vielleicht sogar nach solchen Momenten zurücksehnen: gemeinsam Zeit verbringen und essen.

Die Tage haben ihren eigenen, stetigen Rhythmus. Das Ritual des Essens gewinnt wieder an Bedeutung. Statt schnell noch beim Bäcker Kaffee und Croissant für unterwegs holen, werfen viele ihre alte Kaffeemaschine wieder an und denken schon mal drüber nach, was es zum Mittag oder Abend geben soll. Sie wälzen Rezeptbücher, stöbern im Internet und entdecken die Lust am Kochen und Backen. In Zeiten des Hefe-Notstands erwacht der Selbstversorgerinstinkt, und so mancher setzt sich vor seinen Ofen und schaut zu, wie der Teig aufgeht und sich in ein köstlich duftendes Brot verwandelt. In Corona-Zeiten ist erstaunliches möglich!

Es sind diese kleinen Dinge, die fast unbemerkt die eigenen Essgewohnheiten in ein neues Licht rücken, und man fragt sich, woher kommt die vielen Lebensmittel eigentlich? Wer stellt sie her, wer liefert sie? Wer einmal vor leergekauften Mehlregalen im Supermarkt stand, wird diesen Moment so schnell nicht vergessen - und erinnert sich vielleicht daran, wie er erst vor ein paar Wochen trockene, aber durchaus noch genießbare Brotscheiben achtlos in den Mülleimer warf.

Es wird die Erinnerung an eine Zeit bleiben, in der nichts mehr selbstverständlich schien

Die Ausgangssperren werden hoffentlich bald Geschichte sein. Was aber bleibt, ist die Erinnerung an eine Zeit, in der nichts mehr selbstverständlich schien, nicht einmal das Mehl zum Brotbacken.

Ein verstörendes Erlebnis wie dieses, das kann einiges in Bewegung setzen. Es hilft dabei, den Umgang mit Lebensmitteln und die eigene Wertschätzung dafür grundsätzlich zu hinterfragen - und zu verändern. Auch die Landwirtschaft, deren Ausrichtung so heftig umkämpft ist wie noch nie zuvor, rückt in ein neues Licht. Eine Krise wie diese schafft Raum für Veränderung, Reform und Versöhnung. Es wäre ein Frevel, diese Gelegenheit nicht zu nutzen.

Klar ist auch, es werden Jahre vergehen, bis das ganze Ausmaß der Pandemie und ihre langfristigen Folgen deutlich analysiert sind. Fest steht aber schon jetzt: Sie hat das Zeug, einen Wandel von Ernährungsgewohnheiten und in der Agrarpolitik in Gang zu setzen. Einen Wandel, der längst überfällig ist, hin zu einem umsichtigen, sorgsamen und vorausschauenden Umgang mit lebenswichtigen Ressourcen.

Viele spüren bereits Veränderungen im Kleinen. Die auferlegte Isolation zwingt die Menschen zur Konfrontation mit dem eigenen Selbstverständnis. Die Seele braucht buchstäblich Nahrung. Plötzlich tauchen heimelige Erinnerungen aus der Kindheit auf, an Milchreis mit Zimt, Pfannkuchen mit Apfelmus oder Omas Hackbraten - und das wird nicht selten sofort in die Tat umgesetzt. Wie weggeblasen ist der Appetit auf Superfood, das gestern noch wichtig erschien. Vergessen ist in diesen Tagen auch so mancher Vorsatz, sich gesund zu ernähren. Keine Frage: Das Corona-Virus macht dick, oder besser gesagt: die Angst davor. Auch weil es nicht einfach ist in solchen Zeiten, sich ausreichend zu bewegen oder Sport zu treiben. Nach der Hundertsten Runde um den Block kann schon mal der Geduldsfaden reißen, wem mag man das verdenken.

Erntehelfer werden erwartet

Spargelernte in Mecklenburg-Vorpommern. In der Krise wird offensichtlich, unter welch prekären Bedingungen die Helfer arbeiten.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Dass Krisen sich auf das Essverhalten auswirken, lässt sich wissenschaftlich belegen. Was offenbar zunimmt, ist etwa der Heißhunger auf Süßes. Nach der Finanzkrise von 2008 stieg die Zahl der Diabetes-Fälle. Jene Menschen, die den Zweiten Weltkrieg und harte Hungerjahre überstanden hatten, suchten Halt und Trost in Buttercremetorten, fetten Schweinshaxen und Speck. Nach dem Motto: je mehr Kalorien, desto besser. Übergewicht und eine Zunahme von Herz-Kreislauf-Krankheiten waren die Folge.

Warum viele Deutsche neben den legendären Klopapierrollen vor allem Mehl, Backmischungen und Hefe hamstern, lässt sich aus der Geschichte heraus zumindest erklären, auch wenn zu keiner Zeit die Gefahr einer echten Hungersnot bestand. Doch es zeigte sich auch, dass trotz besseren Wissens niemand gegen irrationales Verhalten gefeit ist. Einige Haushalte horten so viel Mehl, dass sie locker die nächsten ein, zwei Jahre überstehen könnten, ohne einmal zum Bäcker gehen zu müssen. Aber wer will das schon?

Zurechtrücken lassen sich hoffentlich auch Ernährungsdogmen, die ganze Familien spalten können. Etwa dann, wenn sich Veganer und Fleischesser nicht an einen Tisch setzen wollen, Nahrung zu einer Art Ersatzreligion wird und das Kalorienzählen zur Obsession. Vielleicht entspannen sich ja auch empfindliche Esser, die meinen, dass ihnen nur gluten- oder laktosefreie Lebensmittel gut tun, obwohl es dafür bei ihnen keinen medizinischen Grund gibt. Was einem vor einigen Wochen noch unverzichtbar erschien, kann sich im Quasi-Hausarrest schnell relativieren. Schließlich gibt es Wichtigeres.

Die Pandemie kann zur treibenden Kraft für Reformen werden

Gut ist, dass viele Verbraucher in diesen Tagen genauer nachdenken, bevor sie etwa das abgelaufene Joghurt oder den welken Salat wegwerfen. Vielleicht lässt sich das ja doch noch irgendwie schmackhaft verwerten? Auch darin zeigt sich eine gestiegene Wertschätzung für Lebensmittel. Denn die beschämende Erkenntnis aus den vergangenen Jahrzehnten ist: Je wohlhabender die Gesellschaft wird, umso mehr Essen landet im Müll. Überfluss macht mäkelig. Was nicht mehr so frisch aussieht, nicht richtig schmeckt, wird weggeworfen, obwohl es noch essbar wäre.

Wir sind daran gewöhnt, dass Lebensmittel in Hülle und Fülle vorhanden sind, und gleichzeitig so wenig kosten wie nie, gemessen an den Lebenshaltungskosten. Heidelbeeren aus Peru, Kartoffeln aus Ägypten, Lammfleisch aus Neuseeland, daran haben sich Konsumenten längst gewöhnt. Nun rüttelt die Krise die Lieferketten durch, und an manchen Stellen reißt sie. Es klingt paradox, aber offenbar ist erst eine Pandemie nötig, um genau hinzuschauen und zu fragen, unter welchen Bedingungen Nahrung entsteht. Konsumenten lernen nun mehr darüber, wie die Versorgung organisiert ist, wo die Schwachstellen sind, wer auf der Seite der Gewinner, wer auf der Seite der Verlierer in diesem komplexen System steht.

Wer viel Geld für ein Smartphone ausgibt, sollte beim Schnitzel nicht feilschen

An einigen Stellen treten die hässlichen Seiten des Geschäfts nun offen zutage. Beispiel Spargelernte. Dass Jahr für Jahr Zehntausende von Helfern aus Polen, Rumänien und anderen osteuropäischen Länder auf deutschen Feldern buckeln, davon nehmen in normalen Zeiten die wenigsten Käufer Notiz. Was zählt, ist der Preis. Nun, da die Ernte auf den Feldern zu verkommen droht, ringen sich Politiker Sonderregeln ab, um Arbeiter über geschlossene Grenzen zu schleusen. Und es wird offensichtlich, unter welch prekären Bedingungen die Helfer arbeiten, dass sie kaum Arbeitsrechte haben und wenig verdienen. Ganz zu Schweigen von dem Gesundheitsrisiko, das sie in engen Unterkünften auf sich nehmen. Hier werden ökonomische Interessen unverhohlen über Menschenrechte gestellt. Dieser Preis ist definitiv zu hoch, nicht für Konsumenten, sondern für jene, die den Spargel stechen.

Solche Beispiele gibt es viele in Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Dazu zählt auch der fragwürdige Umgang mit Personal in Schlachthäusern oder der mit den Schlachttieren. Sie gelten als Kostenfaktor, den es zu drücken gilt. Diese fatale Abwärtsspirale ist der eigentliche Grund für viele Missstände in Ställen, Produktionshallen und auf Feldern. Weil alles dem einen Ziel untergeordnet ist: billige Lebensmittel zu erzeugen. Ein Weg, der in die Sackgasse führt, weil das auf Kosten von Landwirten, Tieren und Umwelt geht.

Butterbrot

Wenn selbst das Mehl zum Brotbacken nichts mehr Selbstverständliches ist, dann verändert das auch die Einstellung zu den Lebensmitteln.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Verbraucher, Erzeuger und Handel müssen die Krise als Chance begreifen. Tatsächlich ist dies eine gute Gelegenheit, das Ernährungssystem neu zu justieren. Dafür gibt es keine einfachen Lösungen, dafür braucht es die Bereitschaft zu kooperieren und neue Wege zu gehen. Politiker müssen begreifen, dass sie echte Reformen nicht ewig aufschieben können. Erste Ansätze zeigen sich nun in der Krise. Freiwillige Helfer - Schüler, Studenten und andere - bieten ihre Dienste bei der Spargelernte an. Ein Hinweis darauf, dass sich das gestörte Verhältnis zwischen landwirtschaftlichen Erzeugern und ihren Kritikern mit etwas gutem Willen reparieren lässt. Aus dem Gegeneinander kann so ein Miteinander werden.

Fast schon verblasst scheinen im Ausnahmezustand die Proteste der Bauern. Dabei ist es erst wenige Wochen her, dass Traktoren Innenstädte in ganz Deutschland lahmlegten. Dies zeigt auch, wie sehr sich Erzeuger, Politiker und Verbraucher entfremdet haben. Bei den Protesten ging es im Kern nicht nur um schärfere Düngeregeln, sondern um Grundsätzliches. Es geht um den unerträglichen ökonomischen Druck, den die wirtschaftlichen Strukturen auf diejenigen ausüben, die das Unverzichtbare liefern: Getreide, Obst, Gemüse, Fleisch, Milch und anderes. Sie stehen am Ende einer Kette, in der die Kostenschrauben seit Jahren immer fester angezogen werden. Das geht an die Substanz, Tausende Landwirte mussten ihre Betriebe bereits aufgeben.

Der Grund dafür ist banal: Lebensmittel werden nicht wertgeschätzt, sie haben einen zu geringen Preis. Das muss sich ändern. Verbraucher, die bereit sind, Hunderte von Euros für ein Smartphone auszugeben, sollten beim Schnitzel nicht das Feilschen anfangen.

Zugleich steigen die Anforderungen an die Erzeuger. Viele Bürger wollen eine umwelt- und tierfreundlichere Landwirtschaft, weniger Pestizide, mehr Schutz für Insekten und andere Arten - auch das völlig zur Recht. Die wichtigsten Ressourcen des Lebens, Böden, Wasser und Luft, Pflanzen- und Tierwelt, müssen für künftige Generationen erhalten werden.

Klar muss bei alldem eines sein: Die große Bewährungsprobe für die Ernährung stellt nicht die Corona-Krise dar, sondern die Klimakrise, und die wird nicht wieder verschwinden wie das Virus. Diese gewaltige Aufgabe lässt sich nur mit einer widerstandsfähigen Umwelt und einer nachhaltigen Landwirtschaft bewältigen - und der Weg dahin ist noch weit.

© SZ vom 18.04.2020

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