RWE Jetzt mal was ganz anderes

Schafe grasen vor dem RWE-Kohlekraftwerk Niederaußem. In dem Konzern blockieren sich das Management und die beteiligten Kommunen.

(Foto: Ina Fassbender/Reuters)

Weil Braunkohle und Atomkraft es nicht mehr bringen, braucht der Konzern eine neue Strategie. Doch gerade jetzt lähmen Machtspiele das Management.

Von Karl-Heinz Büschemann

Sogar Shai Agassi ist zu Hilfe geeilt. Der bekannte israelisch-amerikanische Unternehmer aus dem Silicon Valley ist am Donnerstag in die ehemalige Zeche "Zollverein" nach Essen gekommen, um mit der Führung des Energiekonzerns RWE nach neuen Geschäftsideen zu suchen. In der Zeche residiert inzwischen ein Kulturzentrum, Unternehmenschef Peter Terium persönlich moderiert die Diskussion mit einigen Dutzend Jungunternehmern und Energieexperten aus aller Welt. Sieben Stunden dauert die Ideensammlung. Terium sucht neue Geschäftsfelder für den angeschlagenen Traditionskonzern: "RWE hat das Thema Innovation ganz oben auf die Agenda gesetzt."

Dem Essener Traditionskonzern geht es schlecht, die Gewinne schrumpfen, seit die rasant wachsende Bedeutung von Sonnen-, Wind- und Wasserenergie den Essenern das alte Geschäftsmodell aus den Angeln gehoben hat. Die Atomkraft wird abgeschaltet, und die großen Braunkohle- und Gaskraftwerke sind nicht mehr rentabel. Der Aktienkurs fällt seit drei Jahren. "Bei der konventionellen Stromerzeugung ringen wir um das wirtschaftliche Überleben", räumt Konzernchef Terium ein. "Der Wind bläst uns kräftig ins Gesicht." Die Mannschaft ist verunsichert. Knapp 60 000 Mitarbeiter warten auf klare Signale vom Chef.

Bisher warten sie vergebens.

Am 10. August hat Terium voller Stolz den Konzernumbau verkündet. Es half nichts, der Aktienkurs fiel weiter. Er ist mittlerweile bei mickrigen 14 Euro angekommen. Ein klares Misstrauensvotum gegen den Mann, der seit drei Jahren an der RWE-Spitze steht. Die Investoren hatten mehr erwartet als ein paar Veränderungen in der Organisation.

Jetzt wird im Aufsichtsrat über Terium gegrummelt. Maßgebliche Teile des Gremiums, vor allem die vier einflussreichen Vertreter der Ruhrstädte, die an RWE etwa ein Viertel der Aktien halten, würden statt Terium lieber Arndt Neuhaus an der Konzernspitze sehen, den Chef des Deutschland-Geschäfts.

Als gäbe es nicht schon genug Unruhe im Konzern, entwickelt sich jetzt auch noch der Aufsichtsrat zum Krisenherd. Der bisherige Aufsichtsratschef Manfred Schneider scheidet aus Altersgründen im April aus. Schneider will den ehemaligen SAP-Manager Werner Brandt zu seinem Nachfolger machen. Und wieder sind die Kommunen dagegen. Sie wollen den Chef der Essener Kohlestiftung, Werner Müller, der unter Gerhard Schröder Bundeswirtschaftsminister war und als begnadeter Strippenzieher in der Ruhrwirtschaft gilt.

Die Kommunen werden den Aufstieg Brandts vom Mitglied zum Chef des Aufsichtsrats nicht verhindern können. Doch die Querelen bleiben, sie lähmen den Konzern und vergiften das Klima. "Diese Debatte ist nicht gut für uns", sagt ein RWE-Mann.

RWE ist kaum noch zu führen, weil die Kommunen augenscheinlich andere Interessen haben als das Management. Sie haben bisher vier Aufsichtsratssitze inne, obwohl sie nur knapp 25 Prozent des Aktienkapitals halten. Die vier Sitze, besetzt von zwei Oberbürgermeistern und zwei Landräten, wurden sauber aufgeteilt: Zwei für die Westfalen, zwei für die Rheinländer. Herkunft ist wichtiger als Kompetenz.

"Vieles ginge schneller ohne die Kommunalvertreter", sagt ein RWE-Manager. Doch die Gemeindevertreter wollen solche Kritik nicht auf sich sitzen lassen. "Das Problem ist nicht, dass wir vertreten sind, sondern dass es im Management an Ideen für ein neues Geschäftsmodell fehlt", sagt Roger Graef, ehemaliger Landrat des Eifelkreises Bitburg-Prüm und Mitglied im Aufsichtsrat. "Wir sind nicht die Bremser."

Aber sie haben andere Vorstellungen von der Zukunft des Unternehmens als manche im Vorstand. Ginge es nach den Kommunalen, würde RWE vom Dax-Konzern wieder zum regionalen Versorger. "RWE ist auf dem Weg zu einem großen Stadt- und Landwerk", sagt Wolfgang Kirsch vom Verband der Kommunalen Aktionäre des RWE. Solche Ideen kommen im gläsernen Turm am Essener Hauptbahnhof, wo der Vorstand sitzt, nicht gut an.

Indessen spannen die Kommunalvertreter im Machtkampf die Muskeln an und setzen den Vorstand kaum verhohlen unter Druck. Der Vorstand, so sagen sie in einem Positionspapier, täte gut daran, mit den Städten und Landkreisen eng zusammenzuarbeiten. Ohne die Kommunen, so das Papier, "wäre die RWE schon heute wirtschaftlich am Ende". Freundschaftliche Beziehungen sehen anders aus.

Terium steckt in der Klemme. Er braucht Geld für Investitionen. Dazu wäre eine Dividendensenkung nötig. Aber das wird der nächste Streitpunkt mit dem Aktionärsblock: Die klammen Ruhr-Städte brauchen jeden Cent für ihre maroden Haushalte. Der nächste Konflikt ist sicher.

"Wenn der Konzern uns vernünftige Gründe nennt für die Verwendung des Geldes, würden wir uns nicht verschließen", sagt Kommunalvertreter Wolfgang Kirsch vorsichtig. Das heißt aber nicht, dass die Zustimmung der Kommunen dafür leicht zu haben sein wird. Sie ist keineswegs sicher.

Die Vertreter der Gemeinden machen sicherheitshalber schon einmal klar, wie sie ihre Macht im Aufsichtsrat künftig noch ausbauen wollen: Demnächst wollen sie nicht mehr vier, sondern fünf Sitze im Kontrollgremium.