Ruhestand Die neue Flexi-Rente kommt - und das ist gut so

Wer im Alter arbeiten will und kann, der soll das ruhig tun: In dieser Werkhalle im südbrandenburgischen Finsterwalde arbeiten ausschließlich über 50-Jährige.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Das Wesen des Alters hat sich gewandelt. Wer länger arbeiten kann und will, der soll das doch gerne tun.

Kommentar von Ulrike Heidenreich

In welcher Firma gibt es sie nicht? Angegraute Kollegen, die sich schwertun mit dem Loslassen. Rentner, die durch Bürogänge irrlichtern auf der Suche nach Gesprächspartnern. Da ziehen alle, die gerade nicht so viel Zeit haben, schnell die Köpfe ein. Und lästern: Hat der keine Hobbys? Fühlt der sich unersetzlich?

Dieses Getuschel wird in 15, 20 Jahren verstummen. Da wird es normal sein, dass 70 oder 75 Jahre alte Kollegen neben einem in der Kantine sitzen. Das sind jene, die schlicht keine Lust haben, den rüstigen Silver-Ager zu geben, der im beigen Freizeitlook ferne Länder bereist - sowie auch jene, die sich den Ruhestand nicht leisten können, weil ihre Rente zu niedrig ist. Die Flexi-Rente, auf die sich die Berliner Koalition nun geeinigt hat und die 2017 eingeführt werden soll, wird ihnen den Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand erleichtern und abrunden. Denn die Regelungen sind nicht mehr so starr, die festen Stufen zur Rentenkürzung entfallen ganz - und berücksichtigen neue Lebensstile.

Wer will, der kann - wer nicht, der halt nicht

Flexi-Rente klingt wie Wischi-Waschi. Sie ist in ihrer Wirkung auf die Gesellschaft aber nicht zu unterschätzen. In den Köpfen bewegt sich dadurch etwas. Flexibilität - genau die brauchen die Menschen, um mit dem Megathema Alterssicherung umgehen zu können. Der demografische Wandel in der Gesellschaft zieht zwangsläufig einen demografischen Wandel in der Arbeitswelt nach sich. Darum muss es vielfältige Möglichkeiten geben - und nicht nur eine Formel. Es funktioniert nicht, die Lebensarbeitszeit und die Lebenserwartung in einen "fast automatischen Zusammenhang" in eine Rentenformel zu bringen, wie es zum Beispiel Bundesfinanzminister Schäuble fordert.

Die Formel muss lauten: Wer kann und mag, darf so lange arbeiten, wie er will. Wer nicht kann, etwa weil er ausgelaugt ist, darf früher aufhören, ohne in Altersarmut und Ausgrenzung zu landen. Beide Modelle brauchen eine Chance. Es sind lebensnahe Lösungen gefragt. Die Leute, um die es geht, sind erwachsen. Sie können selbst entscheiden, wie lange sie arbeiten. Und jene, die es länger tun, nehmen niemandem eine Stelle weg: 50 Millionen Menschen zwischen 20 und 65 sind zurzeit erwerbstätig, nur 42 Millionen werden es 2030 sein. Der Bedarf an Arbeitskräften wird immer schwieriger mit Jüngeren zu decken sein.

Ja zur Flexi-Rente - denn es gibt mehr Lebensabschnitte als früher

Was nicht zum Problem werden muss: Die Lebenswirklichkeit ist eine andere geworden, das Wesen des Alters hat sich gewandelt. Das tradierte Bild von den drei Lebensabschnitten - Kindheit, Erwerbsarbeit und Alter - stimmt so nicht mehr. Es ist um eine vierte Phase erweitert, die Zeit zwischen 65 und etwa 80 Jahren. Rentner machen bereits ein Viertel der Bevölkerung aus, es sind 20 Millionen. Viele von ihnen sind gesünder und optimistischer, als es ihre Vorgängergenerationen waren. Ein Lebenszustand, der die glückliche Seite des demografischen Wandels verkörpert.

Und so ist es richtig, gemeinsame Sache mit diesen Alten zu machen. Voraussetzung ist aber eine alterns- und altersgerechte Arbeitsgestaltung. Ein Jahr mehr Lebenserwartung gleich vier Monate länger arbeiten und acht Monate mehr Rente - wenn Arbeitgeber-Vereinigungen solche Formeln aufstellen, machen sie es sich zu einfach. Sie unterstützen zwar die späte Rente, schaffen aber zu wenige Arbeitsplätze, auf denen man gesund alt werden kann. Montagebänder wie im VW-Motorenwerk Salzgitter, die hoch und runter fahren, die sich auf die Körpergröße eines Arbeiters einstellen, sind die Ausnahme - niemand muss sich dort tief bücken oder hoch strecken. Dies ist ein schöner Nebeneffekt der demografischen Verschiebung in der Arbeitswelt: Nicht der Mensch passt sich künftig der Maschine an, sondern die Maschine dem Menschen.

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