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Report:Nummer zehn

Jetzt bekommt Europas größter Versicherer einen neuen Chef: Oliver Bäte muss einen anderen Kurs für den Konzern finden. Hat Bäte das blaue Allianz-Gen?

Er war einer der ersten Kunden - und er ist bis heute begeistert. Mitte November 2013 hat Oliver Bäte, 50, seinen i3 in der BMW-Welt in München abgeholt. Damals stand er lächelnd neben Christine Haderthauer, seinerzeit noch die Leiterin der Bayerischen Staatskanzlei, und hielt den Autoschlüssel des neuen BMW-Elektroautos in der Hand. Seitdem fährt er mit dem i3 - mal mit und manchmal auch ohne Fahrer. Keine dicke Limousine mit abgedunkelten Scheiben, sondern das unförmige E-Fahrzeug mit dem ungewöhnlichen Design - das ist auch eine Botschaft.

Wenn Bäte in seinem i3 ankommt, im braunen Sakko und mit dunkelblauer Strickkrawatte, verschmitzt lächelnd bei einem Termin auftaucht, dann wirkt der eher schmächtige Mann mit dem dünnen Haar und der randlosen Brille nicht wie einer, der bald zu den mächtigsten Finanzmanagern in Europa gehören wird. Und doch: Am Mittwoch dieser Woche übernimmt er von Michael Diekmann, 60, den Vorstandsvorsitz bei der Allianz. Bäte wird erst der zehnte Vorstandschef in der inzwischen 125-jährigen Geschichte der Allianz sein (siehe Fotogalerie unten). In München erzählen sie stolz, dass sie damit in puncto Kontinuität knapp vor der katholischen Kirche liegen. Denn Franziskus ist der elfte Papst in der vergangenen 125 Jahren.

Ein Führungswechsel beim größten Versicherer in Europa - das ist schon eine Nachricht an sich. Dazu kommt: Bäte übernimmt die Führung in schwieriger Zeit.

Die Zahlen der Allianz sind zwar glänzend, der operative Gewinn lag 2014 bei mehr als zehn Milliarden Euro, kein Unternehmen in Deutschland schüttet mehr an seine Aktionäre aus. Aber wie lange noch? Die Bedrohungen sind da: Die anhaltende Nullzinsphase bringt den Konzern schwer unter Druck, gerade bei Lebensversicherungen. Gleichzeitig könnten durch die Digitalisierung ganz neue Wettbewerber auftauchen, Unternehmen wie Google oder Apple, die viele Daten über ihre Kunden besitzen und durchaus in das lukrative Versicherungsgeschäft drängen könnten.

Chaos bei VW, Deutscher Bank und Siemens, aber bei der Allianz verlaufen die Wechsel geordnet

Die Allianz ist einer der verschwiegensten Konzerne in Deutschland. Bei Volkswagen beschäftigt gerade ein bizarrer Streit um die Führung die Öffentlichkeit - Ausgang offen. Bei der Deutschen Bank gab es vor zwei Jahren ein Lamento, wer künftig das Geldinstitut führen soll, am Ende kam mit Jürgen Fitschen und Anshu Jain ein ungleiches Duo ins Amt, das bis heute Altlasten abarbeitet und um eine Strategie ringt. Bei Siemens gab es einen veritablen Machtkampf, schließlich siegte Joe Kaeser über seinen Vorgänger Peter Löscher.

Bei der Allianz gehen Führungswechsel geordnet über die Bühne - nach außen jedenfalls.

Anfang Oktober hatte der Aufsichtsrat Oliver Bäte zum designierten Konzernchef ausgerufen und er gab ihm Zeit, sich einzuarbeiten. Bäte reiste umher, führte rund 90 Gespräche - mit Mitarbeitern, mit Politikern, Analysten, Investoren. Am Mittwoch nun ist es so weit. Während der Hauptversammlung in der Münchner Olympiahalle wird er sich mit ein paar dürren Sätzen den Aktionären vorstellen - und ansonsten ein letztes Mal Michael Diekmann die Bühne überlassen. Danach wird es ernst.

Keine Frage: Die Allianz steht derzeit gut da. Die Marktführerschaft in Deutschland und auf vielen anderen wichtigen Märkten ist unangefochten. Wichtigen Zukunftsfragen hat sie sich zumindest schon einmal gestellt, während viele andere die Veränderungen in der Branche immer noch leugnen. Das Unternehmen ist kapitalstark und kann, wenn es will, auch Übernahmen stemmen. Die Allianz hat, auch das ein Verdienst Diekmanns, die Finanzkrise bislang relativ gut überstanden. Der Aktienkurs steht bei über 150 Euro, fast wieder auf dem Rekordniveau von 2007. Und doch: Von Bäte wird erwartet, dass er den Konzern in eine neue Richtung lenkt. "Weiter so" ist keine Option. Der ehemalige McKinsey-Mann gilt als exzellenter, aber kühler Analytiker. "Mit dem würde man am Abend nicht auf ein Bier gehen", sagt einer, der ihn kennt. Er verfügt nicht wie seine Vorgänger über den berühmten "Stallgeruch". Sieben Jahre ist er schon dabei, damit aber in den Augen vieler Allianzler noch immer fast ein Neuling.

Die Allianz hatte den Kaiseradler als Wappen. Er trägt die Wappen von München, wo der Gründer seine Wurzeln hatte, und Berlin, wo anfangs der Sitz war.

(Foto: Firmenhistorisches Archiv der Allianz)

Hat Bäte das blaue Allianz-Gen? Ist ein Ex-Berater überhaupt als Vorstandsvorsitzender geeignet? Das fragen sich viele in der Allianz, insbesondere in Deutschland, insbesondere unter den vielen Vertretern, noch immer eine Macht bei der Allianz. Mehr als 350 ehemalige McKinsey-Mitarbeiter führen heute Unternehmen mit mindestens einer Milliarde Dollar Umsatz, weitere 50 haben wichtige politische Ämter rund um die Welt. "Das macht mich stolz", sagt dazu Dominic Barton, der aktuelle Weltchef der Beratungsfirma. Er glaubt, dass sie auch das Zeug für gute Vorstandschefs haben: "Sie haben gelernt zu erkennen, wo die Werte in einem Unternehmen stecken, sie haben gelernt, Menschen weiterzuentwickeln, und nicht zuletzt haben sie mit vielen CEOs zusammengearbeitet und können sich von denen einiges abgucken."

Bäte arbeitet schon lange mit Diekmann zusammen, auch wenn die beiden sehr unterschiedlich sind. Diekmann ist der unnahbare Westfale, immer braun gebrannt, in der Jackentasche seine Zigarillos, die er so gerne raucht. Er taucht nicht gerne in der Öffentlichkeit auf, Interviews führte er höchst selten. Im Gegensatz zu Bäte, der fünf Jahre in Köln und New York studiert hat, war Diekmann nicht der zielstrebige Student, sondern ließ sich reichlich Zeit, studierte 13 Jahre. Ihn interessierten damals andere Dinge, er bereiste die Welt. Er schrieb ein Handbuch für Kanu-Urlauber in Kanada. Und er gründete einen Reiseliteratur-Verlag. 1988 kam er dann zur Allianz, verkaufte anfangs selbst Policen in Hamburg-Harburg. Später sagte Diekmann mal, "diese psychologische Situation, eine Unterschrift zu bekommen" sei für Führungskräfte unersetzlich.

Damit kann Bäte, geboren in Bensberg bei Köln, nicht aufwarten. Er kommt nicht von unten, hat nie Klinken geputzt. Bäte machte eine Banklehre, fing bei der West-LB an, ging schon mit 28 Jahren zu McKinsey und beriet vor allem Versicherungen. Aber auch er hat schon früh für die Allianz gearbeitet. Als Diekmann im April 2003 die Chefaufgabe von Henning Schulte-Noelle übernahm - auch dieser Wechsel wurde kurz vor Weihnachten 2002 überraschend, schnell und effizient verkündet -, ließ er eine neue Strategie ausarbeiten. Die trug den Namen "Drei plus eins". Einer der Autoren war Bäte.

Ein Altbau in Schwabing: Wo früher Studenten wohnten, ist heute das Firmenarchiv

Nun wird Bäte an die Spitze der Allianz stehen - als Nummer zehn. Barbara Eggenkämper kann alle zehn Vorstandsvorsitzenden der Allianz aus dem Kopf herunterrattern. Sie sitzt in einem schönen Altbau in München-Schwabing, der unter Denkmalschutz steht. Früher hatte hier die schlagende Studentenverbindung Transrhenania ihren Sitz, doch dann kaufte die Allianz das Gebäude. Seit 1993 befindet sich hier das firmenhistorische Archiv, das Gedächtnis des Versicherers. Irgendwo in einem Keller lagern die Akten, in zweieinhalb Kilometer langen Regalen.

Auf drei Etagen und in sechs Ausstellungsräumen können die Besucher die Geschichte erforschen, von den ersten Anfängen in Berlin, dem Aufstieg zum deutschen Marktführer Anfang des vergangenen Jahrhunderts, der Verstrickung in der Nazi-Zeit bis zum Umzug aus dem Nachkriegs-Berlin nach München, in die neue Zentrale direkt am Englischen Garten. In einem Saal im ersten Stock mit einem schönen Tonnengewölbe haben die Studenten ihre Fechtwettbewerbe ausgetragen. Heute finden da regelmäßig Veranstaltungen statt. Jetzt, zum 125-jährige Allianz-Jubiläum, ist das Interesse an Geschichte groß.

Bäte aber war noch nicht da. Ob er bald mal vorbeikommt? Er hat viel vor. Am kommenden Donnerstag, seinem ersten Arbeitstag als Vorstandschef, wird er nach Stuttgart fahren, dort betreibt die Allianz ihre Lebensversicherungsgeschäft. An seinem zweiten Tag ist er im Servicezentrum in Köln. Die genaue Analyse der Kundenwünsche, auch das ist in den Augen Bätes ein entscheidendes Thema.

Für Diekmann, der in zwei Jahren in den Aufsichtsrat will, ist Bäte die neue Generation, die gestalten will. "Wir haben uns vorgenommen, mit dem Vorstand und unseren Führungskräften den Rest des Jahres dafür zu nutzen, ein Programm für die nächsten Jahre zu erarbeiten", sagte Bäte gerade dem Manager-Magazin. Es solle aus der Diskussion heraus entstehen, von den Führungskräften getragen werden und keine "auf Powerpoint-Folien gemalte Blaupause aus der Schublade" sein.

Dabei wird auch die geografische Aufstellung des Versicherungskonzerns Thema sein. Jahrelang galt als Credo, dass er unbedingt in den sich rasch entwickelnden Regionen Asien, Lateinamerika und Osteuropa stark vertreten sein müsse. Die Idee: Während die Versicherungsmärkte in Westeuropa und Nordamerika weitgehend gesättigt sind, das Wachstum also nur aus teurem Verdrängungswettbewerb kommen kann, suchen Unternehmen und Privatleute in Brasilien, Russland, Indien oder China nach Absicherung ihres steigenden Wohlstandes. Milliarden hat das Unternehmen für seine Präsenz in diesen Märkten ausgegeben.

Doch nicht immer mit Erfolg: 2014 kam in Russland die Kehrtwende - aus der Schadenversicherung für Privatleute hat sich das Unternehmen zurückgezogen. Die politische und wirtschaftliche Krise im Land, verbunden mit wachsender rechtlicher Unsicherheit, machen der Versicherungsbranche in dem Land schwer zu schaffen. Geopolitische Veränderungen können also plötzlich ausgeklügelte Strategien über den Haufen werfen.

Dazu kommen Altlasten. In den USA hat die Allianz gerade ihre vor 24 Jahren erworbene Tochter Fireman's Fund zerschlagen - das Privatkundengeschäft verkaufte sie an einen Rivalen, die Versicherung von Industriekunden blieb. Beim Vermögensverwalter Pimco hat Diekmann im vergangenen Jahr einen Generationswechsel an der Spitze durchgesetzt, aber auch die muss sich erst noch bewähren und wird die Aufmerksamkeit des neuen Chefs erfordern.

Die größte Altlast aber sind die hohen Zinsgarantien. Wie andere Versicherer auch hat die Allianz in den Neunzigerjahren gerade in Deutschland Kunden der Lebensversicherung Zinsen bis zu vier Prozent garantiert - für die gesamte Laufzeit der Verträge. Bei den jetzt vorherrschenden Zinsen von unter einem Prozent für deutsche Staatsanleihen haben die Versicherer nun Probleme, diese Zinsen auch zu verdienen. Zwar sind andere schlimmer betroffen als die Allianz. Aber über kurz oder lang werden sich auch bei ihr Löcher auftun. Schon heute hat die Lebens-Sparte Probleme: Weltweit macht sie 54 Prozent des Allianz-Umsatzes aus, liefert aber nur 33 Prozent des Gewinns. Gleichzeitig erfordert sie mit 14,3 Milliarden Euro ein enorm hohes Risikokapital.

Google, Apple, die Autofirmen - schon bald könnte es mächtige Konkurrenz geben

Noch wichtiger für die Zukunft der Allianz als alle Altlasten sind die Herausforderungen, die aus den veränderten Kundenbedürfnissen stammen. Die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft trifft auch die Versicherer. Die Banken haben es vorgemacht. Einst war eine möglichst große Zahl von Filialen das Geheimnis des Erfolgs. Heute betreiben die Kunden ihre Bankgeschäfte im Internet und holen das Bargeld am Automaten. Wird es so auch den Versicherern ergehen?

Die Allianz arbeitet mit Hochdruck an möglichen Antworten. Bäte bleibt wenig Zeit. Denn noch ist nicht entschieden, ob die heutigen Versicherungsriesen wie die Allianz in Zukunft überhaupt die erste Adresse sein werden, wenn es um Risikoschutz geht. Die Internetunternehmen Google, Facebook, Apple und Amazon beschäftigen sich intensiv mit Bank- und Versicherungsangeboten. Die großen Autohersteller bieten Versicherungen an - noch in Kooperation mit der Allianz und anderen, aber möglicherweise schon bald allein.

Bäte ist bekannt dafür, dass er auch unbequeme Wahrheiten ausspricht. So sorgte er 2009 für Empörung im Unternehmen, als er kurz nach Dienstantritt in München die eigene Branche zu den unproduktivsten in Deutschland zählte. "Von allen Branchen, die ich gesehen habe, hat die Versicherung die schlechteste Produktivität", sagte er damals auf einer Fachtagung der Ratingagentur Standard & Poor's in München. "Viele der operativen Prozesse stammen aus den 1950er-Jahren." Inzwischen hat sich - nicht nur bei der Allianz - vieles geändert. Aber der große Digitalisierungsumbau steht dem Konzern noch bevor. Keine Frage, Bäte hat viele Chancen, mit denen er die Allianz prägen kann.

Im Firmenarchiv, gleich hinter dem Eingang, hängen die Ölbilder der beiden Gründer Carl von Thieme und Wilhelm Finck, die erst die Münchener Rück und dann zehn Jahre später, 1890, die Allianz ins Leben riefen. Eine Ahnengalerie aller Vorstände aber sucht man vergeblich. "Die haben wir nicht", lacht Archivleiterin Eggenkämper. Auch hier ist Zurückhaltung Pflicht.