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Kommentar:Ikea-Rente statt Riester

Illustration: Bernd Schifferdecker

Der FDP-Vorstoß für eine Aktienrente nach schwedischem Vorbild ist eine gute Idee - allerdings muss das Konzept in einem wichtigen Punkt abgewandelt werden.

Von Hendrik Munsberg

Aus der FDP unter ihrem stets eloquenten Parteichef Christian Lindner kommen manchmal auch gute Ideen. Eine hat der Rentenexperte Johannes Vogel jetzt in die Öffentlichkeit getragen. Der Liberale möchte in die deutsche Rentenpolitik eine Neuerung importieren, die Ende der Neunzigerjahre in Schweden erfunden wurde. Dieses Erfolgsmodell hat dort den ziemlich unpoetischen Namen "AP7". Das ist die Abkürzung für "siebter allgemeiner Pensionsfonds". Auf Schwedisch heißt das: "Sjunde Allmänna Pensionsfonden". Und prompt klingt es für deutsche Ohren, mit ein wenig Phantasie, wie eine hübsche und preiswerte Altersrente von Ikea.

Die Bundesbürger sollten sich das Kürzel AP7 jedenfalls merken: So heißt einer der erfolgreichsten Pensionsfonds in Europa, der einen Teil der Ruhegelder für Millionen Schweden verwaltet. Und zwar höchst rentabel und dabei vorbildlich kostengünstig: Nur etwa zwei Dutzend Fondsmanager legen das Geld ihrer Kunden nach professionellen Maßstäben an den Weltkapitalmärkten an. Die Politik hat darauf keinen Einfluss. Auf diese Weise konnten Schwedens Bürger ein immer größeres Altersvorsorgevermögen ansammeln, aus dem sie im Schnitt Jahr für Jahr schöne Renditen kassieren, um ihre Renten aufzubessern.

Was die Schweden ersannen, möchten die Freien Demokraten rund zwanzig Jahre später in Deutschland kopieren - unter dem Rubrum "gesetzliche Aktienrente". Auf diese Weise, so versprechen die Liberalen, können künftig auch hierzulande breite Bevölkerungsschichten an den weltweiten Kapitalmärkten Gewinn erzielen und ihre Altersvorsorge stärken. Das Verdienstvolle an dem Vorstoß ist: Das Beispiel Schweden zeigt, wie ein Staat seinen Bürgern helfen kann, die Vorsorge für den Ruhestand durch eine kundig gestreute Beteiligung an Unternehmen aufzubessern. Der nächsten Bundesregierung, die im Herbst gewählt wird, ist dringend zu raten, diesen Gedanken aufzugreifen und in praktische Politik umzusetzen.

Richtig klug wird das aber erst, wenn die neue Aktienrente nicht zulasten der umlagefinanzierten Rente ginge, wie es die Liberalen vorschlagen. Die haben sich zwar vom Bochumer Professor Martin Werding per Gutachten testieren lassen, dass die Umstellung langfristig zum Erfolg führt. Allerdings ist das in der ersten Phase mit enormen Kosten für den Bundeshaushalt verbunden, der wegen der Corona-Krise ohnehin äußerst angespannt ist. Überdies lehrt die Erfahrung mit rund zwanzig Rentenreformen, die in Deutschland seit Einführung des derzeitigen Systems im Jahr 1957 angegangen wurden: Keine dieser Korrekturen hatte länger Bestand als höchstens anderthalb Legislaturperioden.

Darum drängt sich ein naheliegender Gedanke auf: Wieso nutzt die Politik einen solchen Aktienfonds nicht als Alternative für die missratene Riester-Rente, an deren Gebühren die deutsche Versicherungswirtschaft prächtig verdient hat? Natürlich würde die Branche heftig dagegen aufbegehren, was die wirtschaftsfreundliche FDP in Kalamitäten bringen könnte. Richtig wäre es trotzdem: Heute hat nur etwa die Hälfte derjenigen Bundesbürger, für die sie eigentlich gedacht und wichtig wären, Riester-Produkte. Weil sie zu bürokratisch sind und zu teuer. Die Politik steht hier in der Bringschuld.

Ein Fonds nach schwedischem Vorbild als Ersatz für die Riester-Produkte könnte, wenn er erfolgreich wäre, unter den Sicherheit liebenden Deutschen Vertrauen in solche Anlageformen schaffen. Denn es ist ja wahr: Beide Arten der Altersvorsorge haben eigene Risiken. Bei der umlagefinanzierten Rente müssen die Versicherten vor Krisen am Arbeitsmarkt Angst haben. Zudem besteht die Gefahr, dass die Politik aus vermeintlich oder angeblich wohlerwogenen Gründen Ansprüche kürzt. Doch bei der kapitalgedeckten Variante kann ein Beben auf den Finanzmärkten in großem Stil Vermögen vernichten. Auch in Schweden gab es solche Phasen. Es ist aber unvernünftig, allein auf die umlagefinanzierte Alterssicherung zu setzen.

Als Riester-Ersatz und als Alternative für die private Vorsorge wäre die FDP-Idee auch politisch anschlussfähig zu dem, was in Hessens schwarz-grüner Landesregierung schon 2015 als "Deutschland-Rente" ersonnen wurde. Schon damals ging es um Gründung eines Fonds.

Leider hat die große Koalition unter CDU-Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Sozialminister Hubertus Heil in einer langen wirtschaftlichen Schönwetterperiode fahrlässig die Chance verstreichen lassen, die Alterssicherung auf solideren Grund zu stellen.

© SZ
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