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Tabak:In bester Helmut-Schmidt-Manier

Bundeskanzler Helmut Schmidt (Deutschland/SPD) sitzt Pfeife rauchend am Schreibtisch in seinem Büro in Bonn

Rauchte aus Prinzip, wo er wollte - also überall: Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), hier 1981 mit Pfeife in seinem Büro in Bonn.

(Foto: Sven Simon/imago images)

Ausgerechnet im Corona-Jahr 2020 paffen die Deutschen mehr. Ist eben auch einfacher daheim.

Von Berit Dießelkämper

Das Schlimmste am Rauchen war ja immer das Rausgehenmüssen. Zumindest für die Raucherinnen und Raucher. So gesehen war 2020 für sie gar kein so schlechtes Jahr - im Home-Office muss man wenigstens nicht vor der Tür oder auf der windigen Terrassen frieren. Stattdessen darf man jetzt wieder, in bester Helmut-Schmidt-Manier, überall und ständig rauchen. Gegen die soziale Ächtung der Kolleginnen und Kollegen hilft die abgeschaltete Kamera. Ganz einfach.

Wer einfach rauchen kann, raucht aber auch einfach mehr. Und deshalb war 2020 auch für die Tabakindustrie 2020 ein gutes Jahr. So stieg der Absatz der versteuerten Tabakwaren laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr um fünf Prozent auf insgesamt 28,8 Milliarden Euro. Dies weise nicht nur auf "veränderte Konsumgewohnheiten" hin, sondern auch auf die "besonderen Handelsbedingungen" im vergangenen Jahr. Konkret bedeutet das, dass aufgrund der zeitweisen Grenzschließungen niemand mehr günstigere Zigaretten in den Nachbarländern kaufen konnte. Dafür stieg dann besonders der Absatz von Feinschnitttabak zum selbst Drehen oder Stopfen um gut zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr sowie der von Pfeifentabak - und zwar um mehr als 44 Prozent.

Was allerdings nicht bedeutet, dass sich nun landauf, landab Szenen abspielen wie 1981 im Schmidts Bonner Büro. Denn was die Statistiker unter "Pfeifentabak" führen, wird mitnichten nur in Bruyèreholz oder Meerschaum verpafft - klassischer Pfeifentabak verkauft sich immer schlechter -, sondern wandert vor allem in Wasserpfeifen und elektrische Erhitzer. Deren Anbieter tapezieren ja gerade die Litfaßsäulen der Innenstädte und die Lungenbläschen der Menschen mit dem Versprechen zu, weniger schädlich und weniger stinkend zu sein. Anscheinend mit Erfolg.

Was zum, laut den Betroffenen, zweitschlimmsten Punkt am Rauchen führt: dem Stinkenmüssen. Aber auch das ist im heimischen Büro ja völlig egal. Wer keine Kolleginnen in der Nähe hat und auch sonst niemandem begegnet, der wird auch nicht gerochen. Ganz einfach.

© SZ
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