Psychische Krankheiten Magische Pilze sollen helfen

Ein Unternehmen testet ein Halluzinogen gegen Depression. Es verursacht einen Rausch ähnlich LSD.

Von Kathrin Werner, Austin

George Goldsmith wurde Firmengründer aus der Not heraus. Sein Sohn litt unter schweren Depressionen. Die Familie versuchte alle möglichen verschiedenen Therapien, mehrere Antidepressiva, Psychologen, nichts half dem jungen Mann. "Jede Behandlung schien es nur noch schlimmer zu machen", sagt Goldsmith. Nur ein Mittel machte Hoffnung. Es hießt Psilocybin. Den meisten Menschen sagt der Begriff nichts, was dagegen bekannter ist, ist die Droge, in der Psilocybin wirkt: Magic Mushrooms, halluzinogene Pilze, die einen ähnlichen Rausch verursachen wie LSD.

Also gründeten Goldsmith und seine Frau Ekaterina Malievskaia, eine Ärztin, 2015 in London ein Unternehmen, das die Forschung an Psilocybin vorantreibt. Es heißt Compass Pathways und hat prominente Investoren für sich gewonnen, darunter Peter Thiel, der deutsch-amerikanische Wagniskapitalgeber aus dem Silicon Valley. Zu den Beratern zählen Wissenschaftler wie Tom Insel, der ehemalige Direktor des Forschungsinstituts US National Institute of Mental Health.

Ohne seinen Sohn wäre Goldsmith sicher nie auf die Idee gekommen, sich mit Magic Mushrooms zu beschäftigen. Der Amerikaner hat klinische Psychologie studiert, dann aber seine Karriere in der Computer-Industrie verbracht. Er hat eine Software-Firma gegründet und verkauft, später spezialisierte er sich auf die Beratung von Managern in der Internetwirtschaft und arbeitete für die Unternehmensberatung McKinsey. Doch als er sich intensiver mit dem Thema Depressionen beschäftigte, bemerkte er ein ungelöstes Volksproblem und wollte helfen. Etwa 300 Millionen Menschen weltweit leben mit Depressionen, die Zahl wuchs um 18 Prozent zwischen 2005 und 2015. Bei gut einem Drittel schlägt keine Therapie an. Dem European Brain Council zufolge kostet Depression die Volkswirtschaft der EU im Jahr 118 Milliarden Euro.

Goldsmiths Firma führt nun, nach langem Hin und Her mit den Behörden, die erste große klinische Studie mit Psilocybin seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts durch. Damals galt der Inhaltsstoff der Drogenpilze als vielversprechendes Mittel gegen Depressionen. Als der Kampf gegen Drogen Fahrt aufnahm, wurde die Forschung erst verboten und dann vernachlässigt. Nun will Compass Psilocybin an Depressions-Patienten testen, bei denen jede andere Therapie bislang fehlgeschlagen ist. 400 Menschen in Europa sucht Goldsmith dafür, auch in Deutschland. "Es ist eine Studie, die komplett auf der Basis von frühen Erkenntnissen stattfindet", warnt Goldsmith vor einem bis auf dem letzten Platz belegten Konferenzraum auf der Digital-, Film- und Musikkonferenz South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas. "Jetzt müssen wir die harte Arbeit erledigen und die Beweise finden." Es sei noch viel zu früh, um sich allzu große Hoffnungen auf Heilung zu machen. Erste Studien zeigten auf Scans des Gehirns der Patienten, dass Psilocybin Hirnsysteme schwächt, die für das Ego zuständig sind, und eine bessere Balance zurücklässt. "Man fühlt sich eins mit dem Universum", beschreibt Goldsmith das Gefühl. Compass will - unter strenger Aufsicht - eine hohe Dosis verabreichen. Nach vier bis fünf Stunden lasse die Wirkung nach, die positive Folge sei aber, dass es dann "einfacher für Patienten ist, mit ihrer Umgebung eine Verbindung herzustellen. Und das hängt zusammen mit der Heilung von Depression". Compass stellt Psilocybin künstlich her, auch, um eine stabile Qualität zu sichern. "Alles ist mit sehr viel Papierkrieg verbunden", sagt Goldsmith. "Aber irgendjemand muss die Arbeit ja machen."