Projekte gegen soziale Ungleichheit Von Haare schneiden bis zur Rechtsberatung

Das äußere Erscheinungsbild ist in unserer Gesellschaft meist wichtiger als die Herkunft. Ein Haarschnitt kann Betroffenen helfen sich wohler zu fühlen und Vorurteilen Stand zu halten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Kaffee geschenkt, ohne Versicherung zum Zahnarzt oder kostenlos zum Frisör vor dem Bewerbungsgespräch: Manchmal ist Helfen ganz einfach.

Von Georg Berger

Suspended Coffee und Brot am Haken

Bezahl zwei Kaffees, trink einen selbst und den anderen gibt der Wirt an einen Bedürftigen weiter - das ist das Prinzip von "Suspended Coffee". Der Wirt führt eine Liste über die im Voraus bezahlten Kaffees und gibt sie nach und nach aus, sobald ein Bedürftiger einen Kaffee bestellt. Die Idee entstand vor gut hundert Jahren in Neapel. Spätestens seit der Finanzkrise 2008 gibt es sie auch in anderen Ländern.

Auf der Website coffeesharing.com sind 400 Orte auf vier Kontinenten aufgelistet, an denen es für Bedürftige Kaffee kostenlos gibt. Tatsächlich dürften es weitaus mehr sein. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz zählt die Website suspendedcoffee.de 234 Cafés, die vorfinanzierten Kaffee anbieten. In Großstädten wie Berlin, Wien und München, aber auch in kleinen Orten. Allein in der 12.000-Einwohner-Stadt Feuchtwangen machen fünf Cafés bei der Aktion mit.

Ganz ähnlich funktioniert das Projekt "Brot am Haken": In etwa 20 Bäckereien und Cafés rund um München können Kunden Brot, Kuchen oder Sandwiches zusätzlich kaufen. Der Kassenzettel wird an einen Haken im Laden gehängt. Bedürftige können ihn nehmen und einlösen. Wer das ist, will Initiator Michael Spitzenberger nicht festlegen. Auf "Brot am Haken" ist er durch Sören und Hekmet Özer aufmerksam geworden. Sie boten kostenloses Brot schon 2007 in ihrer Bäckerei "Wandsbäcker" in Hamburg an. Auch rund um Hanau gibt es die Aktion in sechs Cafés der Vereinten Martin Luther und Althanauer Hospital Stiftung.

Zahnmobil - Hannover und Hamburg

Behandlungen wie Füllungen und Prothesenreparaturen gibt es im Zahnmobil Hannover unentgeltlich. Etwa hundert Mal im Jahr fahren ein Arzt, eine Helferin und ab und zu ein Dolmetscher mit einem umgebauten Rettungswagen zu Standorten, an denen sich Hilfsbedürftige aufhalten. Dass sie hilfsbedürftig sind, müssen die Patienten nicht nachweisen. "Da mögen 15 bis 20 Prozent dabei sein, die das nicht brauchen", sagt Initiator Werner Mannherz. "Für die restlichen 80 Prozent machen wir das gerne." Der 78 Jahre alte ehemalige Ingenieur kann auf einen Kreis von fast 30 Zahnärzten zurückgreifen, von denen jeder mal für einen Tag mitfährt.

1800 Menschen aus 26 Ländern haben sie seit 2012 behandelt. Fast zwei Drittel waren nicht versichert - manche kommen für ihre Behandlung extra aus Lüneburg oder Hameln nach Hannover. Auf der Website werden die Einsatzzeiten und -orte sechs Monate im Voraus bekanntgegeben. Die Hygiene sei mindestens so gut wie in einer Praxis, sagt Mannherz. Das Projekt kostet 6000 Euro im Monat. Etwa ein Viertel nimmt er mit versicherten Patienten ein, den Rest deckt er über Spenden.

Das erste Zahnmobil Deutschlands schickte der Hamburger Charitasverband 2008 auf die Straße. Seit zwei Monaten gibt es in der Hansestadt auch eine Praxis, in der montags und dienstags kostenlos Obdachlose behandelt werden, die nicht im Zahnmobil versorgt werden können, etwa weil dort ein Röntgengerät fehlt.