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Produktionsbedingungen:Weniger schlecht ist noch nicht gut

A labourer works at a garment factory in Bangkok

Eine Arbeiterin in einer thailändischen Textilfabrik. Die meisten Tchibo-Zulieferer bezahlen inzwischen mehr als der Branchendurchschnitt.

(Foto: Athit Perawongmetha/Reuters)

Tchibo will die Arbeitsbedingungen bei seinen Zulieferern verbessern. Doch der Fortschritt kommt nur langsam.

Es mag ein Zufall sein, aber die Leiterin der Filiale in der Hamburger Innenstadt gehört ebenso wenig einer Gewerkschaft an, wie der Betriebsratsvorsitzende des Konzerns. Dabei stellte Tschibo am Dienstag just in der Filiale dieser Mitarbeiterin eine Zusammenarbeit mit dem Gewerkschaftsdachverband Industriall Global Union vor.

Die Arbeitsbedingungen für die Tchibo-Beschäftigten seien gut - da sind sich bei dem Termin alle einig. Aber da sind noch andere Menschen, die für Tchibo arbeiten, die zwar nicht direkt bei dem Unternehmen angestellt sind, aber bei Zulieferern die Produkte herstellen, die dann bei Tchibo verkauft werden. Und bei den Arbeitsbedingungen dieser Menschen gibt es Handlungsbedarf.

Etwa 60 000 Arbeiter produzieren rein rechnerisch für Tchibo irgendwo auf der Welt - alleine für den sogenannten Nicht-Nahrungsmittel-Bereich. Sie fertigen Produkte wie das Blusenshirt, das für 12,99 Euro im Regal liegt. Ziel der jetzigen Vereinbarung ist es, dass diese Arbeiter künftig Löhne, Sozialleistungen und Arbeitszeiten aushandeln können. Eigentlich müsste das eine Selbstverständlichkeit sein, wenn sich alle Unternehmen an die Normen der Internationalen Organisation für Arbeit halten würden. Aber die Realität sieht anders aus.

"Wir wollen existenzsichernde Löhne für alle Beschäftigte in der Textilindustrie eines Landes erreichen", sagt Tchibo-Chef Markus Conrad. Ohne gewerkschaftliche Partner gehe dies nicht. Der Konzern ist nach eigener Aussage der erste Handelskonzern, der eine solche Vereinbarung mit dem Gewerkschaftsdachverband geschlossen hat, der rund 50 Millionen Beschäftigte aus 140 Ländern vertritt und sich als Gegengewicht zu den multinationalen Konzernen versteht. 2012 entstand er aus dem internationalen Metallgewerkschaftsbund IMB, der auch Textilbeschäftigte vertritt, und der Internationalen Föderation der Chemie, Energie-, Bergbau- und Fabrikarbeitergemeinschaften.

Gerade die Textilindustrie steht im globalen Fokus, wenn es um miserable Arbeitsbedingungen und schlechte Bezahlung der Menschen in den Zulieferketten geht. Fraglos erwarten große Teile der Gesellschaft, dass Händler und Modefirmen sich ernsthaft um Verbesserungen bei der Herstellung kümmern. Tatsächlich unterschrieben nach der Katastrophe von Rana Plaza mit 1130 Toten im Jahr 2013 diverse Firmen den Bangladesch Accord, der für sichere Arbeitsbedingungen in Fabriken sorgen soll. Tchibo hatte dies bereits vorher getan. Überhaupt handele das Unternehmen "proaktiv", lobte Industrieall-Generalsekretär Jyrki Raina.

Vor elf Jahren machte sich Tchibo daran, die Produktionsbedingungen in seiner Beschaffungskette zu verbessern. Auslöser sei eine Aktion der Kampagne für saubere Kleidung wegen der Zustände in einer Fabrik in Bangladesch gewesen, erinnert sich Conrad. Bis heute senkte der Händler die Zahl seiner Zulieferbetriebe deutlich, um einen besseren Überblick über das Geschehen und größeren Einfluss beim einzelnen Lieferanten zu erlangen. Statt 3000 gibt es heute nur noch etwa 700 bis 800 direkte Lieferanten im sogenannten Nicht-Nahrungsmittel-Bereich, zu dem auch Textilien gehören. Die Zulieferer erhielten Rahmenverträge über drei bis zehn Jahre, was Verbesserungen erleichtere. Von den Lieferanten sind bislang 312 in einem speziellen Programm - sie produzieren drei Viertel der Produkte aus dem Nichtnahrungsbereich. In diesen Betrieben würden die Beschäftigten bereits 30 bis 50 Prozent höhere Löhne erhalten als im jeweiligen Länderdurchschnitt. Trotzdem liegen die Löhne noch weit unter denen, welche die Asia-Floor-Wage-Campaign, ein Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften, für existenzsichernd hält. "Es ist noch ein sehr weiter Weg", sagt Raina.

Ohne Mitsprache der Beschäftigten vor Ort lässt sich die Situation kaum entscheidend verbessern. Allerdings sind die Gewerkschaften vielerorts machtlos, weil kaum Arbeiter organisiert und die Gewerkschaften oft zersplittert sind. Wenn Beschäftigte sich trotzdem für ihre Rechte stark machen, drohen ihnen vielerorts Repressalien. Laut dem globalen Rechtsindex des internationalen Gewerkschaftsbundes fehlen in sechs von zehn der erfassten 141 Länder Tarifverhandlungen, in sieben von zehn Ländern sind Streiks verboten und in fast jedem zweiten Land gibt es willkürliche Verhaftungen unter organisierten Arbeitern.

Alleine auf die Gewerkschaften zu setzen, sei also auch keine Lösung, sagt Conrad. Deswegen gehört Tchibo zu einer Gruppe von 16 Unternehmen, die sich für Mindestlöhne auch gegenüber der lokalen Politik stark machen wollen.