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Pipers Welt:Rockefellers Kinder

An dieser Stelle schreiben Nikolaus Piper und Jutta Allmendinger im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Auch in den USA wird über die Zerschlagung von Facebook wegen seiner Marktmacht nachgedacht. Instagram und Whatsapp sollten verkauft werden. Der Rückblick auf das Verfahren gegen Standard Oil könnte da helfen.

John D. Rockefeller gilt bis heute als der Inbegriff des märchenhaft reichen Kapitalisten aus Amerika. Der Gründer des Erdöl-Trusts Standard Oil verfügte 1937, am Ende seines Lebens, über ein Vermögen von 1,5 Milliarden Dollar, was zwei Prozent des geschätzten damaligen Sozialprodukts der Vereinigten Staaten entsprach. Auf heutige Verhältnisse umgerechnet wären das ungefähr 340 Milliarden. Dagegen nimmt sich der derzeit reichste Mann der Welt, Jeff Bezos, mit seinen (laut dem Magazin Forbes) 131 Milliarden Dollar fast bescheiden aus.

Es gibt gute Gründe, sich heute wieder mit Rockefeller zu befassen, gerade wegen Bezos und anderer Größen aus der Techszene. Der Erzkapitalist stand im Zentrum des vermutlich wichtigsten Kartellverfahrens der Geschichte. Am 15. Mai 1911 entschied der Oberste Gerichtshof der USA, dass Standard Oil gesetzeswidrig den Ölmarkt monopolisiert habe. Als Konsequenz wurde der Trust (heute würde man sagen: "Konzern") in 34 Einzelunternehmen zerschlagen. Einige der Spaltprodukte gibt es bis heute, unter anderem die Ölkonzerne Exxon Mobil und Chevron. Die Sinnhaftigkeit des Gerichtsurteils wird bis heute unter Ökonomen und Historikern kontrovers diskutiert, und aus diesen Debatten kann man einiges lernen, wenn es darum geht, ob und wie die Giganten der Gegenwart - Amazon, Google, Facebook und Apple - zerschlagen oder zumindest gezügelt werden sollten.

Das ist längst keine akademische Frage mehr. In Amerika kümmern sich mehrere Institutionen inzwischen ziemlich intensiv um die Wettbewerbspraktiken der Konzerne aus dem Silicon Valley: das Justizministerium etwa und die mit dem deutschen Bundeskartellamt vergleichbare Federal Trade Commission (FTC). Diese Woche gab auch noch der Justizausschuss des Repräsentantenhauses bekannt, dass er wegen des Verdachts auf Behinderung des Wettbewerbs ermittelt.

Es ist eine gute Sache, dass sich amerikanische Institutionen jetzt des Themas annehmen. Die Macht der Herrscher über das Internet ist gewaltig, unter anderem, weil sie den ganzen Globus umfasst - mit der wichtigen Ausnahme der Volksrepublik China. Und die Techkonzerne sind, sagen ihre Gegner, auch bereit, diese Macht zu missbrauchen, zum Beispiel um ihren riesigen Datenhunger zu stillen.

Aber wie begrenzt man die Macht, ohne gleichzeitig wirtschaftlichen Erfolg zu bestrafen? Mit der Frage mussten sich schon die Richter in Washington 1911 auseinandersetzen. Das monopolistische Verhalten, das sie Rockefeller vorwarfen, sah so aus: Er hatte die Eisenbahnen seiner Zeit dazu gebracht, dass sie ihm für den Transport seiner Ölprodukte von Pennsylvania nach New Jersey niedrigere Tarife als der Konkurrenz einräumten. Damit schuf er für diese eine unüberwindbare Marktschranke. Es war der entscheidende Grund, warum die Richter Standard Oil zerschlugen.

Man kann es aber auch anders sehen, zum Beispiel so wie der frühere US-Notenbankpräsident Alan Greenspan: "Es ist außerordentliches Können notwendig, um in einer großen Industrie einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent zu haben", schrieb er einmal. Und dieses Können werde durch Urteile wie dem aus dem Jahre 1911 bestraft. Rockefellers unternehmerische Leistung bestand darin, die Raffinierung von Erdöl zu standardisieren (daher der Name Standard Oil). In der Folge wurden Ölprodukte verlässlicher und sicherer, es kam außerdem zu weniger Unfällen. Niedrigere Eisenbahntarife musste er nur deshalb zahlen, weil er dank seiner Erfolge höhere Umsätze erzielte.

Wenn man von Details absieht, ist zumindest der Fall Facebook durchaus mit Standard Oil vergleichbar. Beide Unternehmen sind auf Größe angewiesen. Einmal geht es um Raffineriekapazität, beim anderen Unternehmen um Daten. In beiden Fällen ist die Art, wie die Konzerne ihr Wachstum erzielen, höchst umstritten. Chris Hughes, der einst zusammen mit Mark Zuckerberg Facebook gründete (und sich später mit ihm überwarf) fordert jetzt in einem Aufsatz für die New York Times explizit die "Zerschlagung" von Facebook. Sein Argument: "Weil Facebook Social Media so sehr dominiert, muss sich das Unternehmen nicht mehr auf dem Markt rechtfertigen. Das bedeutet, dass jedes Mal, wenn Facekook etwas verbockt, wir das gleiche ermüdende Muster erleben: erst Wut, dann Enttäuschung, schließlich Resignation."

Was Hughes vorbringt, ist für sich genommen sicher noch kein Argument in einem Wettbewerbsverfahren. Entscheidend ist das Produkt, um das es bei Social Media geht: Daten, menschliche Beziehungen, die Meinungsfreiheit und letztlich die Demokratie. Fehlender Wettbewerb hat da eine andere Bedeutung, als wenn mit Öl und Benzin gehandelt wird. Und es reicht nicht, einfach nur bei Fehlverhalten Geldstrafen zu verhängen.

Facebook sollte sicher nicht in 34 Einzelteile gespalten werden, wie Standard Oil. Dann griffe Greenspans Argument und keiner hätte etwas davon. Richtig wäre es aber, Facebook zu zwingen, die beiden Dienste Instagram und Whatsapp, wieder zu verkaufen. Damit wäre wenigstens ein klein wenig Normalität wiederhergestellt.

Aber was immer der Kongress noch beschließen sollte, Mark Zuckerberg könnte Trost bei John D. Rockefeller finden. Der bildete den Großteil seines Reichtums nachdem Standard Oil zerschlagen war: Er kaufte nach dem Gerichtsurteil 2011 Aktien einer der abgespaltenen Gesellschaften zum Spottpreis. Nach einiger Zeit zeigte sich, dass das Erdölzeitalter erst begonnen hatte. Das Auto machte die Massenmobilisierung möglich, und die Aktien der "kleinen" Standard Oil stiegen scheinbar unaufhaltsam. Für Rockefeller hat sich die Zerschlagung seines Unternehmens schließlich ausgezahlt.