bedeckt München
vgwortpixel

Pestizide:Neue Fragen bei Glyphosat

Weizen

Viele Landwirte wollen auf Glyphosat nicht verzichten. Das Pestizid vernichtet nicht nur Unkraut, es hilft auch, die Ernte zu terminieren.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Haben die EU-Behörden bei der Bewertung wichtige Hinweise auf Krebsrisiken übersehen? Eine neue Analyse legt das zumindest nahe.

Kurz vor einer möglichen Neuzulassung von Glyphosat in der Europäischen Union werden erneut Zweifel an der Risikobewertung des Pestizids laut. In einem Schreiben an EU-Kommissionspräsident Jean Claude Juncker werden scharfe Vorwürfe gegen die europäischen Aufsichtsbehörden Efsa und Echa sowie das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) erhoben. Dabei geht es um die Einschätzung, dass das umstrittene Pflanzenvernichtungsmittel als nicht krebserregend eingestuft werden kann.

Erhoben werden die Vorwürfe von dem US-amerikanischen Experten für Chemikaliensicherheit Professor Christopher Portier. Er hält das Urteil der Behörden für falsch und fordert eine Neubewertung von Glyphosat auf EU-Ebene. Dabei stützt sich der Amerikaner auf eigene Auswertungen von Tierstudien, deren detaillierte Daten die EU zuvor für externe Experten zugänglich gemacht hat. Mit den Vorwürfen Portiers steht auch die Glaubwürdigkeit zentraler EU-Behörden auf dem Spiel, die für die Gesundheit der Bevölkerung in Europa zuständig sind. Der Wissenschaftler äußert in seinem Schreiben "ernste Sorgen bezüglich der wissenschaftlichen Qualität" der Bewertung von Krebsrisiken durch die EU-Ämter, unter anderem weil diese nur einen Bruchteil der tatsächlich aufgetretenen Krebserkrankungen in Tierversuchen erkannt hätten. In bis zu sieben Studien fand der Biostatistiker nach eigenen Angaben deutlich steigende Zahlen von Tumoren bei Labortieren. Diese Ergebnisse hätten aber weder in der Beurteilung der Lebensmittelbehörde in Parma (Efsa) noch jener der Chemikalienagentur in Helsinki (Echa) Niederschlag gefunden, kritisiert Portier. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das im Auftrag der EU die Erstbewertung von Glyphosat erstellt hat, habe gar nur jede fünfte signifikante Steigerung von Krebs bei den Tieren unter Glyphosatwirkung erkannt. "Wenn die Entscheidung über das Schicksal von Glyphosat in der EU auf der Basis fehlerhafter Bewertungen erfolgt, dann kann das eine ernsthafte Gefährdung der öffentlichen Gesundheit bedeuten", sagte Portier der Süddeutschen Zeitung. Sollten sich diese Analyse der Daten durch Portier als richtig erweisen, dann stünde der Vorwurf im Raum, dass die Aufsichtsämter die Rohdaten von Studien nicht selbst auswerten, sondern sich auf Zusammenfassungen verlassen, die von den Herstellern geliefert werden.

Portier war unter anderem als externer Berater bei der Bewertung von Glyphosat durch die Krebsforschungsagentur der WHO (IARC) beteiligt. Deren Votum, dass Glyphosat sicher krebserregend bei Tieren und wahrscheinlich krebserregend beim Menschen sei, hat einen mittlerweile mehr als zwei Jahre andauernden Streit unter Experten ausgelöst.

Wie gefährlich das Pestizid ist, darüber wird seit mehr als zwei Jahren gestritten

Die EU-Kommission bestätigte den Eingang des Schreibens, ein Sprecher wollte sich aber nicht im Detail zu den Vorwürfen äußern und verwies auf die zuständigen Behörden. Nur so viel: Aus Sicht der Kommission gebe es angesichts der tiefgehenden Bewertung von Glyphosat keinen Anlass, an deren Ergebnissen zu zweifeln. Schließlich seien auch Behörden in Kanada, Australien, Neuseeland und Japan zum gleichen Ergebnis gekommen, ebenso wie ein gemeinsames Gremium von Weltgesundheitsorganisation und Welternährungsorganisation, das sich mit Pestizidrückständen in der Nahrung beschäftigt.

Bei der Efsa hieß es, man werde "zu gegebener Zeit" Auskunft geben. Die Chemikalienagentur ECHA bestätigte, dass alle von Portier genannten Studien in die Bewertungen der Behörde einbezogen gewesen seien. Man werde sich nun die genannten Sachverhalte im Detail ansehen. "Wenn neue wissenschaftliche Evidenz verfügbar ist, könnten sowohl die EU-Mitgliedsstaaten wie auch die Kommission ECHA zu jeder Zeit beauftragen, die Klassifikation von Glyphosat neu zu bewerten", hieß es dort weiter. Das deutsche BfR teilte mit, man könne kurzfristig keine Auskunft geben, da man das Schreiben an den Kommissionspräsidenten noch nicht kenne.

Portier fordert unterdessen, dass die EU alle Daten zur Glyphosat-Bewertung freigeben solle. Bislang ist das nicht der Fall, weil die Industrie dadurch Geschäftsgeheimnisse bedroht sieht.