bedeckt München 30°

Pariser Modewoche:Die Zukunft kann warten

Wenn auch die Welt unter Corona leidet, die französische Hauptstadt zelebriert die Mode wie keine andere. Und dafür sind physische Veranstaltungen unersetzlich.

Von Katharina Wetzel

Welche Antworten geben die Designer und großen Modelabels auf das Virus, das derzeit alles beherrscht? Wie gelingt eine Schau in Zeiten der Pandemie? Und sind die digitalen Formate nun endgültig auf dem Siegeszug? Während der Pariser Modewoche, die Anfang Oktober zu Ende ging, zeigte sich ein vielfältiges Bild.

Während sich die meisten Firmen für ein digitales Format entschieden haben, darunter Marken wie Balenciaga oder Givenchy, haben sich die großen französischen Luxushäuser Dior, Chanel und Hermès klar zum physischen Defilee bekannt - wenn auch unter hohen Schutzvorkehrungen und mit deutlich weniger Gästen als sonst. Zudem wird deren Show ebenso per Livestream übertragen. Daneben haben gerade auch junge Labels wie Koché und Ami ihre Kollektion für Frühjahr / Sommer 2021 vor Publikum gezeigt.

In einem idyllisch angelegten Garten mit Rosenbögen und einem Brunnen finden die Gäste der Kenzo-Show auf ihrem Platz einen Honigtopf vom Montmartre und einen Brief. Er habe noch nie eine Kollektion begonnen mit so vielen Fragen und gemischten Gefühlen über die Gegenwart und die Zukunft, schreibt Kenzo-Designchef Felipe Oliveira Baptista darin. "Wie können wir den Menschen helfen? Indem wir sie träumen lassen, ihnen Hoffnung geben und das Leben erleichtern?", fragt der Designer. Der Honig, produziert in der Nähe der Sacré-Coeur, steht für die Süße im Leben, aber nicht nur. Die Kenzo-Kollektion ist eine Ode an die Bienen. Die Models, die an den Rosenbüschen vorbeilaufen, sind mit Hüten und Schleiern verhüllt, ähnlich denen, die Imker als Schutzbekleidung tragen. Im Mittelpunkt steht die fragile, schützenswerte Natur, vor der man sich jedoch auch selbst schützen muss, um die nötige Distanz zu wahren.

Auch bei Koché steht die Natur im Fokus. Hier laufen die Models neben einem See und unter schroffen Felswänden entlang. Designerin Christelle Kocher hat sich für den Park Buttes-Chaumont entschieden. Sie wohne ganz in der Nähe, der romantisch-poetische Park sei ihre Inspiration gewesen, sagt Kocher. "Ich glaube, dass eine physische Show sehr wichtig ist. Die Emotion ist einfach eine andere. Gerade als junges Label wollte ich die Mode und die Modewoche mit meiner Familie und Freunden zelebrieren. Und ein positives Zeichen setzen", sagt die Designerin. Nachhaltigkeit sei ihr besonders wichtig. Mehr als 60 Prozent der Kollektion sei aus upgecycelter Kleidung entstanden.

Plätze mit ausreichend Abstand. Im Park ist das möglich. Doch nicht alle Shows finden wie Kenzo, Koché oder auch Balmain unter freiem Himmel statt. Viele Firmen haben auch einfach die Gästeliste stark reduziert, Stars sind ohnehin kaum welche da, viele Modekritiker sind oft gar nicht erst erschienen wegen der Reisebeschränkungen. "Es ist bizarr", sagt Pascal Morand, Geschäftsführer der Fédération de la Haute Couture et de la Mode. Normalerweise bringt eine Modewoche der Stadt mehr als 100 Millionen Euro ein. Nun sind Hotels verwaist, um den Eiffelturm herum warten Souvenirhändler auf Touristen. Und im Fernsehen laufen Werbefilme des französischen Gesundheitsministeriums, die Jugendliche davor warnen sollen, nicht zu leichtfertig mit dem Virus umzugehen.

Die Messe Première Vision findet wegen der Pandemie nur digital statt. Morand meint: "Eine digitale Schau kann eine physische nicht ersetzen." Diese bleibe viel präziser im Gedächtnis. Zwar können digitale Formate viel mehr Menschen erreichen, doch Morand ist überzeugt: "Die Schauen bleiben der Schwerpunkt der Modewoche." Dennoch will er die digitalen Formate nicht missen: "In unserer Zeit braucht es beides: Kreativität und neue Geschäftsmodelle", sagt Morand.

Für das Unternehmen Hermès bleibt eine physische Show das erste Mittel, um die Handwerkskunst des Hauses zu demonstrieren, erklärt der Chef der Pariser Luxusmarke Axel Dumas. Zwar würden die Onlineumsätze im Luxusbereich steigen und die Show auch digital übertragen, doch eine Show sei wie ein Theaterstück. "Ein Film ist nicht dasselbe", meint Dumas im Tennis Club de Paris, wo Designerin Nadège Vanhée-Cybulski ihre Kollektion zeigt. Die Models laufen durch einen abstrakt dekorierten Raum, an den Wänden wird das Defilee digital bespielt. Inspiriert von der Schürze der Sattler, setzt die puristische Kollektion stark auf Bandeau-Tops und rückenfreie Bodys, kombiniert mit Lederjacken und Röcken. Eine besonders familiäre Atmosphäre ist Gabriela Hearst im schönen Innenhof der École des Beaux-Arts gelungen. "Ich mag schwierige Dinge, fragen Sie mal meinen Ehemann", entgegnet sie auf die Frage, warum sie ausgerechnet jetzt zum ersten Mal in Paris zeigt. "Es war auf jeden Fall richtig", meint Hearst noch, ehe sie von Freunden umringt wird. Eine intime, familiäre Stimmung schaffen - normalerweise ist das gerade das Ziel vieler Marken. Kurioserweise hat die Pandemie dies nun verstärkt. Denn wer in diesen Zeiten zu einem Defilee kommt, gehört zur Familie oder dem engem Freundeskreis.

Designer Yohji Yamamoto zelebriert seine Mode im Hôtel de Ville mit einer emotionalen Schau. "Ich hatte am Ende Tränen in den Augen. Er bewegt mich so sehr. Ich war so froh, dass ich ihm nach der Show persönlich gratulieren konnte", sagte Charlotte Rampling, die mit dem Designer befreundet ist und seine Kleider seit vielen Jahren trägt.

Geht es nur um Klickzahlen und Bilder auf Instagram? Oder um Erinnerungen, die bleiben?

"Ich glaube nicht, dass Pyjamas die Zukunft der Mode sind", sagt Daniel Roseberry, Designer von Schiaparelli, in seinem Atelier mit Blick auf den Place Vendôme, einen der schönsten Plätze der Welt, wie er sagt. Er begegnet der Pandemie mit Humor: Auf einem klassischen Blazer sind Nippel auf Brusthöhe angebracht statt Goldknöpfe "Auf den ersten Blick erkennt man das nicht gleich. Wenn man aber näherkommt, ist das die coolste Jacke überhaupt", meint Roseberry. Es seien eben solche Details wie die Kette mit den Zähnen oder sein persönlicher Fingerabdruck auf dem Goldknopf, der die Marke von Chanel oder Dior unterscheide.

Zum Stil von Chanel gibt es derzeit eine umfangreiche Ausstellung im Palais Galliera zu sehen, die der Modeikone Gabrielle "Coco" Chanel gewidmet ist und gleich zu Beginn mehrere Tage im Voraus ausgebucht war. Nach umfangreichen Umbauarbeiten hat das Modemuseum den Gewölbekeller ausgebaut und zeigt nun 350 Ausstellungsstücke, die Stars wie Romy Schneider oder Elizabeth Taylor trugen. Es ist vielleicht kein Zufall, dass Virginie Viard bei ihrer Chanel-Inszenierung auf Diven und Glamour à la Hollywood setzte, wobei sie auffallend junge Outfits mit vielen Logo-Mustern zeigte.

Die Dior-Inszenierung von Maria Grazia Chiuri ging dagegen eher auf die befremdlich wirkende Zeit der Pandemie ein. Die aufgebaute Kulisse in den Tuilerien wirkte mit den bunten, aus Collagen zusammengesetzten Fenstern wie eine Kathedrale. Dazu zeigte die Designerin, untermalt vom Gesang korsischer Sängerinnen, eine romantische, in Erdtönen gehaltene Kollektion, die mit Anleihen aus verschiedenen Kulturen spielte.

Balmain nahm die Krise als Anlass, um an die starken Wurzeln der französischen Mode zu erinnern. Bei Acne Studios liefen die Models durch eine Kunstinstallation. Und bei Ami verfolgten die Gäste von einem Boot aus die Show am Ufer der Seine. Vielleicht kommt es am Ende nicht nur auf die Bilder an, die auf Instagram gepostet werden, wie die Designerin Christelle Kocher meint, sondern um schöne Erinnerungen, die bleiben. Vielleicht werde es in den kommenden Jahren keine Shows mehr geben. Wer weiß das schon. "So fuck it and enjoy this one!", lautete ihr Aufruf. Genieße diese Show, diesen Moment. Die Zukunft kann warten.

© SZ vom 28.10.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB