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Online-Kredite:Die Schwäche der Banken

Der amerikanische Bezahldienst Paypal hat seit Ende 2018 eine viertel Milliarde Euro Kredite an deutsche Unternehmen vergeben - zu Lasten bisheriger traditioneller Anbieter.

Von Meike Schreiber und Nils Wischmeyer, Köln/Frankfurt

Der US-Bezahldienst Paypal hat sich in fast anderthalb Jahren in einem Kerngeschäft der hiesigen Banken und Sparkassen breit gemacht. Seit dem Start seines Kreditangebots für kleine und mittlere Unternehmen im November 2018 hat der US-Bezahldienst rund 250 Millionen Euro an deutsche Händler vergeben, wie die SZ erfuhr. Etwa 8000 Händler haben einen Kredit über die Online-Plattform von Paypal aufgenommen, davon die meisten in den Bereichen Autoteile oder Mode. Damit setzt sich der Konzern im Markt für Gewerbe- und Firmenkredite fest, in dem bislang Sparkassen und Volksbanken dominieren.

Zum Vergleich: Die VR Smart Finanz, eine digitale Tochter der genossenschaftlichen DZ Bank, hat an Gewerbetreibende bislang rund drei Milliarden Euro vergeben, allein 2019 kamen 1,3 Milliarden Euro neue Kredite hinzu. Das relativiert die aktuellen Zahlen von Paypal, zeigt aber, dass auch Fintechs und Techkonzerne in diesem Markt eine Chance haben. Neben den Sparkassen und Volksbanken haben sich diese neuen Anbieter in den vergangenen Jahren etabliert und helfen liebend gern dort aus, wo die alten Spieler es nicht schaffen, das richtige Angebot anzubieten.

Traditionell war es für kleine Unternehmen unumgänglich, zur Bank zu gehen, wenn sie Kredit brauchten. Wer kurz- oder langfristig Geld für eine neue Maschine benötigte oder sein Lager aufzustocken musste, kam um einen Besuch bei seinem Bankberater kaum herum. Wollte der Berater drei, vier oder fünf Prozent Zinsen für den Kredit, konnte der Geschäftsführer eines Mittelständlers oder einer kleinen Firma früher zumeist nur unter den Angeboten der etablierten Banken wählen.

Seit einigen Jahren ändert sich dies. Mit den neuen Online-Angeboten wird es für sie tendenziell einfacher, an Geld zu kommen, auch, und das dürfte die Banken schmerzen, abseits der Filialen von Sparkassen und Volksbanken. Diese hatten im Kreditgeschäft jahrelang noch halbwegs auskömmliche Margen verdient, weshalb zuletzt auch Commerzbank und Deutsche Bank Interesse an dieser Kundschaft zeigten und sich, ebenso wie Volksbanken und Sparkassen, immer digitaler aufstellten.

Doch im Erfolg des US-Bezahldienstes Paypal zeigen sich womöglich exemplarisch die Schwächen der Sparkassen und Banken. Dazu gehört zum einen, dass Unternehmen für einige Angebote noch immer in eine Filiale gehen müssen, wenn es ihnen an Geld mangelt und sie damit an feste Zeiten gebunden sind. Bei Paypal hingegen wird der Kredit grundsätzlich nur Online vergeben. Mehr als zwei Drittel aller Kredite werden nach Angaben des Unternehmens außerhalb der üblichen Öffnungszeiten vergeben, sprich vor acht Uhr oder nach 18 Uhr.

Wichtiger aber als das Online-Geschäft für Kredite ist die neue Zielgruppe, die Online-Händler. Paypal gelingt es offenbar, genau diese Händler zu erreichen. Nutznießer des Kredits müssen für den Antrag vorweisen, dass sie ihr Paypal-Firmenkonto bereits seit drei Monaten haben und mindestens 12 000 Euro Jahresumsatz erwirtschaften. Anhand des Kontos bewertet Paypal, wie das Geschäft des Händlers in den vergangenen Monaten lief - und ob die Firma oder der kleine Händler kreditwürdig ist. Im Internet läuft der Antragsprozess in wenigen Minuten durch. Anfangs war die Kreditlinie auf 24 999 Euro gedeckelt. Seit April 2019 liegt sie bei 100 000 Euro, auch wenn kaum ein Händler diese Größe in Anspruch genommen haben dürfte. Rechnet man mit den 8000 Kunden, die Paypal angibt, haben die Händler im Durchschnitt 31 250 Euro Kredit aufgenommen. Dem US-Bezahldienst zufolge haben einige schon mehrmals einen Kredit aufgenommen, weswegen die durchschnittliche Summe niedriger liegt. Dass es bei Online-Händlern offenbar Bedarf an einer Finanzierung des Geschäfts gibt, zeigen die 250 Millionen Euro, die Paypal unter die Händler gebracht hat. Aus anderen Ländern kann man womöglich auf das weitere Wachstum schließen: In Großbritannien, wo das Angebot 2014 startete, hat der Konzern gerade die Marke von einer Milliarde Pfund durchbrochen. In allen fünf Ländern, in denen das Produkt angeboten wird, sind es seit dem Start vor sechs Jahren bereits zehn Milliarden US-Dollar, was derzeit etwa 9,2 Milliarden Euro entspricht.

Die etablierten Banken sehen sich derweil noch nicht wirklich bedroht. Cornelius Riese, Co-Chef der DZ Bank, sagte: "Wir fühlen uns bei diesem Thema gut gerüstet. Wir haben mit der VR Smart Finanz eine Tochter, die sich darauf fokussiert hat, in wenigen Minuten und automatisch Kreditzusagen zu machen", sagt er. Gerhard Grandke, der die Sparkassen in Hessen und Thüringen vertritt, sagte: "Wir stehen mit den Tech-Konzernen im Wettbewerb und werden uns dem auch weiter stellen."

© SZ vom 02.03.2020
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