Offshore-Leaks Chinas reichster Häftling und die Briefkastenfirmen

Traum vom schnellen Reichtum: Chinas Glücksspiel-Metropole Macau - ehemals portugiesische Kolonie und heute wie Hongkong eine Sonderwirtschaftszone

Mit 16 brach er die Schule ab und verkaufte Radios. Er war gnadenlos billig und bekam den Spitznamen "Preismetzger". Dann wurde der Milliardär verhaftet.

Von Christoph Giesen, Hongkong

Der einst reichste Chinese sitzt seit fünf Jahren im Gefängnis. Huang Guangyu hat kein Handy und keinen Internetzugang - er kann bloß Briefe schreiben, die die Gefängnisleitung mitliest. Offenbar belastet ihn die Situation aber nicht sonderlich: "Das ist kein Gefängnis", habe er immer wieder gesagt, wurde einer seiner Wärter von der chinesischen Presse zitiert, "ich bin nur in ein etwas kleineres Büro umgezogen." Aus diesem Büro steuert er weiterhin sein Imperium, aus seiner Zelle in Peking dirigiert er die Geschäfte, die weiterlaufen wie eh und je: Mal geht Huang Guangyu mit einem seiner Unternehmen an die Börse, mal versucht er, einen gebrauchten Flugzeugträger zu erwerben, um daraus ein schwimmendes Hotel zu machen.

Der 44-Jährige ist noch immer ein sehr reicher Mann, mit Sicherheit ist er der reichste Häftling des Landes: Sein Vermögen wird auf 2,4 Milliarden Euro geschätzt. Vor fünf Jahren, bei seiner Verhaftung im November 2008, wurden all die Werte, die er zusammengerafft hatte, sogar noch auf fünf Milliarden Euro taxiert.

Die Behörden warfen ihm damals vor, er habe Insiderhandel betrieben. Und natürlich wurde auch einiges an Geld sichergestellt, etliches konfisziert. Aber große Teile seines Vermögens kann er weiterhin nahezu ungestört kontrollieren. Dass dies möglich ist, hat Huang einem weitverzweigten Netzwerk aus Offshore-Firmen zu verdanken. Mithilfe dieser Briefkastenfirmen hat er sein Vermögen dem Einfluss der Pekinger Bürokraten entzogen.

In den Offshore-Leaks-Daten finden sich über 20 Firmen, die Huang gegründet hat: ein undurchschaubares Imperium, das augenscheinlich nicht bloß dazu dient, Häuser und Wohnungen zu verwalten, sondern offenbar auch dazu, Geldflüsse zu verschleiern.

Laut Hurun Report, Chinas Reichenliste, gibt es 315 Menschen in der Volksrepublik, die ein Vermögen von mindestens einer Milliarde Dollar besitzen. In keiner der großen Wirtschaftsnationen klaffen Arm und Reich derart weit auseinander wie in China: Der Gini-Koeffizient, der die Kluft misst zwischen jenen, die nichts besitzen, und jenen, die gewaltige Reichtümer angehäuft haben, ist sogar noch höher als in den Vereinigen Staaten. Und oft ruht das Geld der Superreichen nicht auf chinesischen Konten. Wer in der Volksrepublik sehr viel besitzt, leistet sich nicht nur Sportwagen und teure Schweizer Uhren - sondern auch eine Firma in einer der Steueroasen, wie die Offshore-Leaks-Dateien zeigen.

Mehr als 21.000 Briefkastenfirmen können mithilfe dieses gewaltigen Datensatzes, der von zwei Finanzdienstleistern auf den Britischen Jungferninseln stammt, erstmals Tausenden Unternehmern aus China zugeordnet werden. Die Süddeutsche Zeitung hat mehr als 25 Superreiche aus China, die in den Offshore-Leaks-Daten auftauchen, zu ihren Karibik-Aktivitäten angefragt; niemand wollte sich detailliert äußern.

Archivbild von Huang Guangyu aus dem Jahr 2006

(Foto: REUTERS)

Geboren wurde Huang 1969 während der Kulturrevolution. Seine Eltern lebten damals in einem Reisbauerndorf der südchinesischen Provinz Guangdong. Mit 16 brach er die Schule ab und ging mit seinem älteren Bruder nach Peking, um Radios zu verkaufen. In der Hauptstadt eröffnete er sein erstes Geschäft, er nannte es Gome, bald kamen mehrere Filialen hinzu.

In den Parteizeitungen schaltete Huang Anzeigen und bewarb seine billigen Elektronikprodukte. Vor ihm hatte das niemand gemacht, nur wenn es irgendwo einen Räumungsverkauf gab, waren Anzeigen damals in China üblich. Schon bald nannten sie ihn in Peking den "Preismetzger", denn niemand verkaufte Radios so billig wie er.

In den Neunzigerjahren kam die Volksrepublik nach den wirtschaftlichen Reformen langsam zu Wohlstand - und den verkaufte Huang: erst Radios, dann Kühlschränke, schließlich Fernseher. Huang stattete den chinesischen Mittelstand aus. So verdiente er seine Milliarden.

Zu dieser Zeit traf Huang Guangyu seine spätere Frau Du Juan. Sie arbeitete in einer Pekinger Filiale der Bank of China und wurde bald zur wohl entscheidenden Architektin seiner Offshore-Welt. 2003 gründeten die beiden von Hongkong aus ihre Offshore-Keimzelle: Gome Holdings Limited.