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Ökonomie-Debatte:Der Deckmantel der Objektivität

Ökonomen sind keine neutralen Beobachter, selbst wenn Hans-Werner Sinn uns das mit dem Arzt-Vergleich weismachen möchte. Wirtschaftswissenschaftliche Analysen und Politikempfehlungen sind immer normativ, da den angewandten Modellen bestimmte Annahmen über menschliches Verhalten und unserer Welt zugrunde liegen. Wenn pauschal angenommen wird, dass ein Markt zu einer optimalen Verteilung führt, ist das nicht wertfrei. In der neoklassischen Theorie ist das Ziel, eine effiziente Verteilung zu erreichen.

Ob die so erreichte Verteilung allerdings gerecht ist, ist damit noch lange nicht geklärt. Damit wird Effizienz über Gerechtigkeit gestellt. Anders ausgedrückt geht es darum, dass alle Produkte auf dem Markt ihre Abnehmer finden; ob dabei die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird, ist nur von untergeordnetem Interesse.

Damit ist die Mainstream-Ökonomik zur Vertreterin einer bestimmten Weltanschauung geworden. Dies ist besonders brisant, da sie sich als eine objektive Wissenschaft verkauft. Sie legt ihre normativen Bestandteile nicht offen, weder im Studium, noch in der Forschung, noch in der Politikberatung. Der Einfluss der ökonomischen Normen auf unsere Wirtschaftsrealität geschieht also unter dem Deckmantel der Objektivität.

Deshalb: Plurale Ökonomik

Die Theorien des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams sind normativ, sie sind einseitig und haben großen Einfluss auf die Politik. Wenn Hans-Werner Sinn in seiner Verteidigungsschrift darauf hinweist, dass die moderne Mainstream-Volkswirtschaftslehre Fälle von Marktversagen kennt oder Umweltprobleme als Kostenfaktor begreift, ist unsere Kritik dadurch keinesfalls widerlegt.

Im Gegenteil: Alle diese Einwände sind nur Spielarten der abstrakten Grundidee, dass Märkte prinzipiell von ganz allein zum größtmöglichen Wohlstand führen. Doch neben der neoklassisch inspirierten Mainstream-Ökonomik existieren viele weitere Denkschulen - etwa die Komplexitätsökonomik, die Österreichische Schule, der Post-Keynesianismus oder die Marx'sche Ökonomik.

Diese Schulen wählen andere Perspektiven und beschäftigen sich zum Beispiel mit komplexen Systemdynamiken, mit Verteilungsgerechtigkeit oder der Rolle von Macht in einer Gesellschaft. Und sie kommen meistens zu völlig anderen Schlüssen als die Neoklassik.

Alle diese Perspektiven können uns helfen, die komplexe Realität, in der wir leben, zu verstehen und angemessene Antworten auf wirtschaftliche Probleme zu finden. Deshalb brauchen wir eine pluralistische Wende in den Wirtschaftswissenschaften. Nicht die eine Theorie, die alles erklären kann, wird benötigt - sondern eine Vielfalt aus Methoden und Theorien und eine interdisziplinäre Herangehensweise, um ökonomischen Krisen und Herausforderungen der heutigen Zeit angemessen begegnen zu können.

Probleme wie die hohe Arbeitslosigkeit, die Eurokrise oder der Klimawandel müssen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden - nur so können wir zu einem Bild kommen, das dem komplexen Phänomen "Wirtschaft" gerecht wird.

Jakob Hafele, 26, Frederick Heußner, 26, und Janina Urban, 25, sind Mitglieder im Netzwerk Plurale Ökonomik (www.plurale-oekonomik.de)

© SZ vom 22.11.2014/fie

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