Ignorante Kritik an Ökonomen Sie sind wie Spürhunde

Ob aus Missverständnis oder Unkenntnis: All jene, die Ökonomen kritisieren, haben sie in Wahrheit nicht verstanden. Denn Volkswirte glauben nicht an den perfekten Markt. Im Gegenteil: Sie suchen ständig nach dessen Fehlern.

Von Hans-Werner Sinn

Nils Goldschmidt hat es hier schon treffend gesagt: Die Volkswirtschaftslehre sollte sich stärker an der Politik orientieren und aufhören, ihre Studenten mit Mathematik zu erschlagen. Um Doubletten zu vermeiden, will ich das hier nicht vertiefen, sondern die Kritiker des Faches ansprechen, denn viele der von ihnen vorgetragenen Bedenken beruhen auf Missverständnissen und Unkenntnis.

1. Die unsichtbare Hand

Besonders viel Kritik hat die "Theorie der unsichtbaren Hand" geerntet, die auf den britischen Ökonomen Adam Smith (1776) zurückgeht und durch die Nobelpreisarbeit von Kenneth Arrow und Gérard Debreu (1954) für ideale Bedingungen bewiesen wurde. Danach sind Märkte in ihrem Ergebnis effizient, wenn vollständige Konkurrenz herrscht und die Eigentumsrechte klar geregelt sind.

Das klingt marktgläubiger, als es ist, denn der Mainstream der Volkswirtschaftslehre geht gerade nicht davon aus, dass die Idealbedingungen, unter denen die unsichtbare Hand funktioniert, stets erfüllt sind. Vielmehr dienen diese Bedingungen als Vergleichsmaßstab, um Marktfehler zu analysieren. Wie Spürhunde suchen Volkswirte die Wirtschaft nach Marktfehlern ab und überlegen, wie man diese Fehler durch kluge Staatseingriffe korrigieren kann. Dies zu übersehen ist das große Versäumnis der Kritiker.

Dabei gilt freilich die Regel, dass derjenige, der eine Staatsintervention fordert, den Marktfehler, den er korrigieren will, nachweisen muss. "So viel Markt wie möglich und nur so viel Staat wie nötig" ist ein Motto, das diese Grundhaltung beschreibt.

Der Volkswirt ähnelt insofern einem Arzt. Auch ein Arzt muss wissen, wie ein gesunder Körper aussieht, denn sonst kann er Krankheiten nicht diagnostizieren und heilen. Ein guter Arzt greift nicht willkürlich in die Prozesse des Körpers ein, sondern nur, wenn er eine Krankheit im Sinne einer Abweichung von der Norm objektiv nachweisen kann und über eine wirksame Therapie verfügt.

2. Ökologie versus Ökonomie

Ein besonders wichtiges Beispiel für Marktversagen liegt im Umweltbereich. Effizient sind Märkte in der Regel, wenn die Einnahmen der Firmen alle Vorteile und die Kosten alle Nachteile Dritter korrekt abbilden. Ist dies der Fall, führt die Gewinnmaximierung zur Maximierung der gesellschaftlichen Wohlfahrt. Wenn freilich ein Teil der Nachteile der Produktion aus Umweltschäden besteht, für die ein Unternehmen nichts bezahlen muss, werden die Anreize verzerrt, und die Firmen entwickeln sich zu Dreckschleudern, die zwar Gewinne machen, doch volkswirtschaftlich ineffizient arbeiten. Eine Gebühr für den Umweltschaden oder ein Verbot kann den Missstand beseitigen.

Die volkswirtschaftliche Theorie hat sich seit Arthur Cecil Pigou (1920) intensiv mit der Umwelt beschäftigt und sah hier schon lange vor der Gründung grüner Parteien eines ihrer wichtigen Anwendungsfelder. Sie ist eben nicht nur die Lehre vom Geld, sondern genauso davon, wie wirtschaftliche Austausch- und Entscheidungsprozesse ohne Geld ablaufen. Es sträuben sich die Nackenhaare des Ökonomen, wenn in der Öffentlichkeit ein Widerspruch zwischen Ökologie und Ökonomie beschworen wird. Wie kann man unser Fach nur so grundlegend missverstehen!

3. Keynesianismus versus Neoklassik

Zu den möglichen Defekten, die Volkswirte bisweilen diagnostizieren, gehört die keynesianische Krankheit. Wenn die Nachfrage zu gering ist, kann dies - weil Löhne und Preise kurzfristig starr sind - zu einem abrupten Einbruch der Beschäftigung führen. So hat es einst John Maynard Keynes beschrieben. Die keynesianische Krankheit kann man mithilfe staatlicher, schuldenfinanzierter Konjunkturprogramme beheben. Das ist ähnlich wie bei einem Herzpatienten, dessen spontane Schwäche durch das Kauen einer Nitroglyzerinkapsel überwunden werden kann.

Anders als viele glauben, gibt es im Mainstream der Volkswirtschaftslehre heute keine grundlegende Abneigung gegen Keynes und dessen Medizin - nur wird die Medizin nicht als Allheilmittel angesehen. Viele andere Krankheiten, unter denen die Wirtschaft leidet, sind nämlich langfristiger, struktureller Natur und bedürfen daher anderer Therapien. Dafür liefert die neoklassische Theorie den umfassenden Analyserahmen. Ein Beispiel bieten die strukturellen Probleme der südeuropäischen Länder. Solche Probleme mit keynesianischer Rezeptur bekämpfen zu wollen, ist genauso unsinnig wie der Versuch, einen Knochenbruch mit einem Herzmedikament heilen zu wollen.

Nur wenn es einen Kreislaufkollaps gibt wie 2008, als die Konjunktur abrupt einbrach, bedarf es mal einer Nitrokapsel. Aber Vorsicht: Der Dauergebrauch kann tödlich enden.