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Ökonom Norbert Walter im Interview:"Man muss die Klugheit des Marktes bezweifeln"

Die Sozialleistungen werden infolge der Krise gekürzt werden, erklärt Norbert Walter. Der langjährige Chefvolkswirt der Deutschen Bank rechnet im SZ-Gespräch mit den Verursachern der Misere ab - und denkt über einen neuen Job für Kanzlerin Merkel nach.

Immer wieder hat Norbert Walter, 67, die Wirtschaft erklärt. Als langjähriger Chefvolkswirt der Deutschen Bank ist er eine Autorität. Dem promovierten Ökonomen half dabei seine Erfahrung in großen Forschungsinstituten. 2009 hat Walter eine Beratungsfirma gestartet.

Norbert Walter  Chefvolkswirt Deutsche Bank

Arbeitete viele Jahre als Chefvolkswirt der Deutschen Bank: Norbert Walter

(Foto: picture alliance / dpa)

Süddeutsche Zeitung: Herr Walter, in Ihrem Buch zur Finanzkrise fragen Sie: "Wer soll das alles bezahlen?" Die Bürger auf der Straße, auch die "Occupy Wall Street"-Bewegung, glauben die Antwort schon zu kennen: "Wir natürlich, die Steuerzahler!"

Walter: Steuern zahlt in Deutschland weniger als die Hälfte der Bevölkerung. Der andere große Teil der Bevölkerung besteht aus Transferempfängern. Die Lasten der Krise treffen gemäß der Äußerungen der Kritiker also diejenigen, die gemäß unserer Staatsdefinition leistungsstark sind. Das erwähne ich vorweg - weil alle die, die munter Sozialleistungen empfangen, sich auch unter diejenigen mischen, die beleidigt feststellen: Wir Steuerzahler zahlen die Zeche.

SZ: Und wird es am Ende so sein: Die Steuerzahler blechen?

Walter: Ja, aber nicht nur die: Am Ende wird es natürlich so sein, dass die heutigen Transferempfänger durch das Geld, mit dem jetzt Griechenland, die Banken und weitere Opfer der Krise gerettet werden, auch betroffen sein werden.

SZ: Sie prophezeien, dass Sozialleistungen gekürzt werden?

Walter: Darauf läuft es hinaus. Staatliche Transfers werden infolge der Krise eingeschränkt werden. Nicht nur die Steuern zahlenden Leistungsträger wird es treffen. Viele vermuten ja zudem, dass alle über den Verlust des Geldwertes bezahlen, über die Inflation. Dies ist in meinem Urteil denkbar, aber nicht wahrscheinlich. Die Frage "Wer soll das bezahlen?" insinuiert übrigens noch etwas: Die Schuldigen zahlen nicht. Das wäre das eigentlich Schmerzhafte.

SZ: Sehen Sie das auch so: Dass die Schuldigen außen vor bleiben?

Walter: Ja, zum Teil ist das leider zutreffend, auch deshalb, weil diese auch ihre eigenen Vermögen verwirtschaftet haben.

SZ: Wer trägt Schuld an der Krise?

Walter: All jene, die Risiken eingegangen sind, die sie nicht überblickt haben und die für die Risiken nicht vorgesorgt haben. All jene, die die Haftung für ihre Verschuldung nicht leisten konnten - obwohl dies selbstverständlich sein sollte.

SZ: Meinen Sie die Regierungsverantwortlichen in Griechenland und Italien oder Bankmanager?

Walter: Es sind beide: Diejenigen, die in Finanzinstituten solche kaum bedienbaren Staatsanleihen in ihre Bilanz genommen haben - aber auch jene, die statt solide zu finanzieren staatliche Ausgaben mit Schulden ermöglichten. Natürlich gibt es auch eine Mitverursachung durch die staatlichen Aufsichtsbehörden. Es kam in Deutschland auch nicht unerwartet, dass staatliche Finanzinstitute in besonderer Weise solche jetzt entwertenden Papiere in ihren Bilanzen haben. Ich will die Mitverschuldung der Zentralbanken und Aufsichtsbehörden nicht kleinschreiben. Am Ende aber würde ich sagen: In den Finanzinstituten - auch in den staatlich geführten - waren Leute mit Hochschulabschlüssen, mit qualifizierter Ausbildung tätig. Sie nahmen ihre Verantwortung nicht wahr.

SZ: Auf der anderen Seite wurden Griechenlandanleihen bis vor kurzem auf den Märkten ähnlich bewertet wie deutsche Staatsanleihen. Das Risiko wurde nicht abgebildet.

Walter: Hier haben die Risikomanager in den Finanzinstituten versagt. Denn die müssen solche Risiken unabhängig beurteilen - und hätten dabei kritischer sein sollen.