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Nobelvarieté Crazy Horse:Wo Hüllen fallen und Kurse steigen

Die Wirtschaftskrise auf der Bühne: Im Pariser Nobelvarieté Crazy Horse strippen die Tänzerinnen jetzt vor Aktienkursen.

Das Crazy Horse ist ein Etablissement, das - elegant formuliert - die "Art du Nu", die Kunst des Nackten, zelebriert. Erstmals seit dem Selbstmord des Gründers Alain Bernadin vor 15 Jahren hat nun wieder ein Mann die Choreographie dieser "ästhetischen Erotik-Schau" in Paris übernommen: Philippe Decouflé. Der 48 Jahre alte Franzose ist einer der bekanntesten Choreographen Frankreichs, selbst Tänzer und Leiter eines Modern-Dance-Theaters, das in einer umgebauten Industriehalle nördlich von Paris in Seine-Denis beheimatet ist. Er soll der Marke Crazy Horse, die in den vergangenen Jahren verblasste, neuen Glanz verleihen.

Crazy Horse, Foto: AFP

Die Wirtschaftskrise auf der Bühne: Im Pariser Nobelvarieté strippen die Tänzerinnen vor Aktienkursen.

(Foto: Foto: AFP)

Zwar zählt das Crazy Horse in der Pariser Tourismusindustrie seit mehr als einem halben Jahrhundert weiterhin zu einem festen Anlaufpunkt für Paris-Reisende, zumindest für den männlichen Teil der ausländischen Besucher. Aber vom einstigen Ruf des Varieté-Theaters im vornehmen achten Stadtbezirk, der das Image der Stadt prägte, ist nicht viel geblieben. Gründer Bernadin hatte mit dem Crazy Horse neben den Pariser Varieté-Theatern Lido oder Moulin Rouge eine Nische gefunden.

Das Programm richtet sich anders als im Lido oder Moulin Rouge an ein männliches Publikum und gleicht eher einem Striplokal, allerdings ohne anrüchig zu sein - auch wenn die Grenzen, das eine oder andere Mal, fließend sein mögen. Decouflé soll den künstlerischen Aspekt des Crazy Horse, so wie es in früheren Zeiten gewesen sein soll, nun wieder belegen und der Marke einen edleren Anstrich geben.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Inhaber dies versuchen. Vor vier Jahren verkauften die drei Kinder des Gründers das Familienunternehmen an zwei belgi-sche Geschäftsleute, die die Leitung Andrée Deissenberg übertrugen. Deissenberg ist seither bemüht, das Crazy Horse aufzuwerten und neues Publikum anzulocken. Zu diesem Zweck heuerte sie zum Beispiel die Silikon-Schönheit Pamela Anderson und deren strippende Kollegin Dita von Teese für Gastauftritte an. Auch Arielle Dombasle, die in Frankreich bekannte Frau des auch im Ausland bekannten Philosophen Bernard-Henri Lévy, durfte sich im Saloon schon enthüllen.

Durchbruch in Albertville

Doch so richtig zündete die Idee nicht. Auch Versuche, das Varieté-Theater in anderen Ländern zu etablieren scheiterten. Nur in Las Vegas konnte es sich durchsetzen. In Singapur musste der Betrieb wieder eingestellt werden: Im kopierfreudigen Asien fanden sich alsbald zu viele Nachahmer.

Decouflé soll es nun richten. 2006 wäre der Franzose beinahe in Deutschland groß herausgekommen: Seine Firma DCA sollte damals einen Teil der Eröffnungsfeier der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland inszenieren. Am Ende bliesen die Veranstalter das geplante Spektakel aber aus Kostengründen ab. Dafür inszenierte Decouflé im Jahr darauf die Feierlichkeiten vor und nach der Rugby-Weltmeisterschaft in Frankreich. Seit 1992 hat er sich mit der Choreografie von aufwendigen Inszenierungen bei großen Sport-Wettkämpfen einen Namen gemacht. Damals organisierte er die Eröffnungs- und Abschlussfeiern bei den Olympischen Spielen in Albertville und schaffte international den Durchbruch.

Im Crazy Horse Saloon verbindet er Nacktheit nun mit der Wirtschaftskrise, wie die Pariser Presse bemerkte. Zu sehen ist eine Tänzerin, die die Chefin eines internationalen Großkonzerns darstellt und sich am Rande des Nervenzusammenbruchs befindet. Der Börsenkurs, der auf ihren Körper projiziert ist, bricht ein. Nur in dem Maße, wie sie sich Stück für Stück entkleidet, erholt sich der Kurs wieder. Feministinnen reagierten verstört. Decouflé beteuerte: "Ich stelle ausschließlich Frauen dar, die sich mit den Waffen der Verführung ihrer eigenen Stärke versichern." Die Kunst des Nackten, sie ist wohl auch eine Kunst des verbalen Verpackens.