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Börse in New York:Wie die Wall Street ums Überleben kämpft

Ein Straßenschild vor der New Yorker Börse.

(Foto: AP)

Früher wurden 80 Prozent der US-Aktien an der New Yorker Börse gehandelt. Heute ist es nur noch ein Bruchteil davon. Das Symbol des Kapitalismus wankt.

Auch heute noch können große Unternehmen ihre Spitze fast unbemerkt auswechseln. Vorigen Freitag verließ Duncan Niederauer, 54, Chief Executive Officer der New York Stock Exchange, sein Büro an der berühmten Adresse 11 Wall Street, ohne dass davon jemand Notiz genommen hätte.

Verantwortlich für das Geschäft ist jetzt Thomas Farley, mit 38 Jahren der zweitjüngste Chef, den die Börse in ihrer 222-jährigen Geschichte je hatte. Farley, ein früherer Star im Baseball-Team der Georgetown University, hatte sich zuvor einen Namen als Experte für Finanzderivate gemacht. Von ihm wird es abhängen, ob die NYSE eine Zukunft hat.

Bis heute gilt die Börse als das Symbol für Amerikas Wirtschaft. Deren neoklassizistische Säulenfront, meist in eine riesige US-Flagge gehüllt, ist eines der beliebtesten Foto-Motive für New-York-Touristen. Fernsehzuschauer auf der ganzen Welt kennen das Börsenparkett mit seinen gigantischen Bildschirm- und Computer-Paketen. Wer Kapitalismus meint, denkt an die Wall Street und wer an die Wall Street denkt, dem fällt die NYSE ein. Mit der Realität hat diese Gleichsetzung nicht mehr viel zu tun.

Von der breiteren Öffentlich kaum bemerkt, hat die NYSE in den vergangenen Jahren dramatisch an Bedeutung verloren. So sehr, dass manche Kritiker sogar zweifeln, ob die Institution überhaupt noch eine Zukunft hat. Computer und Internet stellen nicht nur das Taxigewerbe, Telefongesellschaften und Zeitungen in Frage, sondern auch Institutionen, die scheinbar im Zentrum des Kapitalismus stehen, wie eben Börsen.

Vor zehn Jahren noch fanden 80 Prozent des Handels mit amerikanischen Aktien an der NYSE statt. Heute sind es noch 20 Prozent. Der Rest ist auf elf konkurrierende Börsen und auf über 50 privat betriebene Plattformen, so genannte "dark pools", abgewandert.

Bezeichnend auch die Eigentumsverhältnisse. 2013 erwarb die Intercontinental Exchange (ICE), eine zuvor jenseits von Fachzirkeln unbekannte Handelsplattform für komplexe Finanzprodukte aus Atlanta, die NYSE. Deren Gründer und Chef Jeffrey Sprecher, 59, ein gelernter Chemieingenieur, ist heute der starke Mann an der NYSE. Er war es, der Thomas Farley installierte.

Sprechers Ziel bei dem Acht-Milliarden-Dollar-Deal war nicht die NYSE selbst sondern deren Tochter Liffe, eine Börse für Finanzderivate, die in London arbeitet. Die NYSE kam als "problematischer Bonus" oben drauf, wie das Wall Street Journal schrieb. Im Jahr zuvor noch hatte die Europäische Kommission die Fusion von NYSE und Deutscher Börse wegen der Sorge um den Wettbewerb untersagt. Heute steuert die NYSE gerade einmal sechs Prozent zum Gewinn von ICE bei.

Manche Börsianer befürchteten, Jeffrey Sprecher wolle die NYSE schließen oder an jemand anders verkaufen. Tatsächlich jedoch versucht er das Gegenteil: Er will die Börse wieder relevant machen. In einem Interview des Wall Street Journal erklärten Sprecher und Farley jetzt, wie sie sich das vorstellen: Sie wollen den immer komplexer gewordenen Handel vereinfachen, sie wollen die Börsenaufsicht SEC drängen, "dark pools" schärfer zu regulieren, so dass mehr Handelsvolumen zu den normalen Börsen zurückkehrt.

Die Legende von Buttonwood

Und sie wollen börsennotierten Unternehmen mehr Dienstleistungen anbieten. Zu dem Zweck wird das Gebäude an der Wall Street von oben bis unten umgebaut. "Einen großen Erfolg konnte Sprecher immerhin verbuchen: Die chinesische Suchmaschine Alibaba entschied sich für einen Börsengang bei der NYSE; der Handel wird voraussichtlich kommende Woche beginnen.

Weltwirtschaftsausblick

Die New Yorker Börse im Finanzdistrikt von Manhattan.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Das gegenwärtige Drama markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der Nyse. Diese Geschichte begann kurz nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg mit einem Finanzskandal. William Duer, Stellvertreter des ersten Finanzministers Alexander Hamilton, hatte Insiderhandel betrieben: Er kaufte in Frankreich billig US-Staatsanleihen in der berechtigten Annahme, dass die Franzosen noch nicht wussten, dass Hamilton sich verpflichtet hatte, alle Kriegsschulden der jungen USA zu bedienen. Die Sache flog auf und im April 1792 kam es zum ersten Börsenkrach Amerikas. Als Konsequenz vereinbarten New Yorks Wertpapierhändler eine Reihe von Regeln, die Ähnliches in Zukunft verhindern sollten. Das Treffen fand der Legende nach unter einer Platane (englisch: Buttonwood) statt, die in der Nähe der heutigen Wall Street stand, weshalb die Vereinbarung als "Buttonwood Agreement" in die Geschichte eingegangen ist. Sie gilt als Gründungsdokument der Nyse. Seit ihren Anfängen war die Börse ein nicht gewinnorientierter Verein, das änderte sich erst 2006, als die Börse selbst an die Börse ging. Die Mitglieder machten dabei viel Geld, aber sie verloren Einfluss und einige nette Privilegien. Dazu gehörte der "Luncheon Club", ein exklusiver Ort, an dem die Händler zu Mittag essen konnten. Und die Dienste von Jerry, dem Börsenfriseur, der nach 43 Jahren sein Geschäft im Keller der Nyse schließen musste.

Viel früher schon hatte das Computer-Zeitalter an der Börse begonnen. Am 19. Oktober 1987 brach der Dow Jones um 22,6 Prozent ein, der größte Rückgang in der Geschichte. Ursache dafür waren Computerprogramme, mit denen Händler sich vor Kursverlusten schützen wollten. Ein Einschnitt war der 11. September 2001. Nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center musste die Börse für vier Handelstage schließen.

Der Anschlag hatte gezeigt, wie verletzbar die Infrastruktur des Finanzsystems war. Regierung und SEC drängten Banken und Börsen daher, massiv in neue Technik zu investieren. So entstanden die Voraussetzungen für den Betrieb der "dark pools". Auch die NYSE ließ sich auf das Geschäft mit diesen Plattformen ein und gründete die Tochter Arca. Hochfrequenzhändler, die binnen Millisekunden für Millionenbeträge Aktien kaufen und verkaufen, wurden zu einer neuen Macht im Markt.

Ein Faktor, der die Zukunft der NYSE sichert, könnte, so hoffen einige Händler, ausgerechnet deren altmodischste Einrichtung sein: das Börsenparkett. Die NYSE ist, neben der Börse in Frankfurt, eine der wenigen Handelsplätze, in denen sich echte Menschen überhaupt noch von Angesicht zu Angesicht treffen. "Wenn man neue Unternehmen anlocken will, dann ist es von großem Vorteil, einen menschen-basierten Marktplatz zu haben", sagt Kenneth Polcari, Direktor bei der Finanzfirma O'Neil Securities.

Für den Handel selbst ist der Börsensaal heute fast ohne Bedeutung. Vor zehn Jahren waren dort noch 5500 Händler zugelassen, heute sind es noch knapp 500. "Früher ging es auf dem Parkett um Handel, heute um Information und Kontrolle", sagt Polcari. "Es ist gut zu wissen, dass jemand da ist, der den Stecker zieht, wenn die Computer verrücktspielen."

Ob das eine Zukunftsstrategie ist, muss man sehen. Für die Beteiligten ist der Umbau brutal. Die Zahl der Mitarbeiter wurde halbiert, fast alle Manager mussten gehen. Und Sprecher macht jedem Zweifler klar, wer der Boss in 11 Wall Street ist: "Viele Leute haben gesagt: Ich mag diesen Stil nicht", erzählte er. "Ich respektiere das. Wenn du gehen willst, dann helfen wir dir, dies auf leichte und zivilisierte Weise zu tun."