Pläne für Ratingagentur:Sehnsucht nach Unabhängigkeit

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Die Kritik an Ratingagenturen geht zurück bis ins Jahr 2002, damals platzte die Internetblase, was die Notengeber nicht rechtzeitig erkannt haben. In der Finanzkrise 2008 verschärfte sich das Problem zusehends. Die Ratingagenturen räumen mittlerweile selbst ein, dass sie bei der Bewertung amerikanischer Immobilienrisiken zum Teil völlig danebenlagen.

Private Stiftung

An diesen Mängeln wollen die Initiatoren einer neuen europäischen Ratingagentur ansetzen. "Ein Hauptproblem liegt darin, dass bislang die bewerteten Unternehmen und die Banken selbst die Ratings bezahlen. Wir wollen stattdessen die Investoren bezahlen lassen, die diese Ratings auch nutzen", sagte Krall. "Um die Schwächen bestehender Ratingagenturen abzustellen, ist mehr Transparenz notwendig - mit Blick auf die Daten, die in den Ratingprozess einfließen, auf die Modelle, das Ratingverfahren und die Organisation der Agenturen."

Die europäische Ratingagentur soll als private Stiftung organisiert sein, die vor allem von Investoren und Börsen getragen wird. Diese Gruppen liefen am wenigsten Gefahr, sich als Betreiber einer Ratingagentur in Interessenkonflikte zu begeben. Nach der Finanzkrise von 2008 hatte es Forderungen aus der Politik gegeben, eine staatliche Ratingagentur zu bilden. Allerdings sind die Staaten zugleich die größten Emittenten von Anleihen, die von Ratingagenturen bewertet werden. Deshalb droht ein Interessenkonflikt, wenn beispielsweise eine von der Bundesregierung oder auch von der Europäischen Zentralbank betriebene Ratingagentur über die Werthaltigkeit von Staatsanleihen zu entscheiden hätte.

Der FDP-Finanzexperte Florian Toncar sagte der SZ, er unterstütze die Initiative. "Es ist höchste Zeit, dass die Pläne für eine europäische Ratingagentur konkret werden." Wichtig sei jedoch auch, dass sich Investoren und staatliche Einrichtungen wie die EZB unabhängiger von den Ratings machten. "Wir sprechen mit allen Beteiligten: Regierungen, Aufsichtsbehörden und Investoren. Das Feedback ist meist sehr positiv", sagt Berger-Partner Krall.

Die Zeit scheint reif, denn auch die neue europäische Wertpapieraufsicht ESMA nimmt eine harte Haltung gegenüber US-Ratingagenturen ein. Ihre Zulassung in den USA bedeute nicht, dass sie künftig auch in Europa automatisch weiterarbeiten könnten, sagte ESMA-Chef Steven Maijoor der Financial Times Deutschland am Freitag. Den Amerikanern droht hier das geschäftliche Ende.

Die Angegriffenen spüren den Gegenwind und reagieren. "Die Ratingagenturen sollen bei der Regulierung der Banken weniger Gewicht erhalten. Wir wollten gar keine so große Rolle spielen", sagte der Deutschland-Geschäftsführer der Ratingagentur Fitch, Jens Schmidt-Bürgel, kürzlich in einem SZ-Interview.

Bisher sind zahlreiche Versuche gescheitert, ein europäisches Gegengewicht zu den drei großen US-Agenturen zu etablieren. Einzelne Finanzunternehmen erklärten am Freitag jedoch ihr grundsätzliches Interesse an einer europäischen Agentur.

Laut Berger-Partner Krall könnte der Aufbau der Agentur in sechs bis zwölf Monaten beginnen, "wenn wir die notwendige politische und regulatorische Unterstützung bekommen." Weitere zwei bis drei Jahre dürfte es dann dauern, bis die Agentur voll am Markt etabliert ist. "Es geht nicht um Europa gegen Amerika, sondern darum, mehr Wettbewerb und mehr Transparenz im Ratingbereich zu schaffen", betonte Krall.

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