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Nahaufnahme:L'adulte terrible

„Irgendwann wirst du vom Eigentümer und Gründer zum Angestellten in deiner eigenen Firma.“ Sebastian Diemer.

Sebastian Diemer ist Mitgründer von Kreditech, einem erfolgreichen Finanz-Start-up. Jetzt ist er mit 30 Jahren Multimillionär. Seine Anteile hat er verkauft. Und was nun?

Etikette war nie sein Ding. Sebastian Diemer erscheint in knallroten Shorts und weißem Polohemd, eine Mischung aus "Baywatch" und Tennislehrer. Er bestellt den großen Sushi-Teller, lacht freundlich und fragt: "Wo wollen wir anfangen?"

Diemer ist gerade mal 30 Jahre alt. Aber bereits Multimillionär. Und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern auf dem Konto. Vor wenigen Wochen hat ein südafrikanischer Medienkonzern für 110 Millionen Euro einen "bedeutenden Minderheitsanteil" an Kreditech gekauft, dem größten deutschen Finanz-Start-up, das Diemer 2012 gemeinsam mit einem Kumpel gegründet hatte. Was im Wirbel um den Deal unterging: Diemer nutzte die Transaktion, um seinen eigenen Anteil zu verkaufen. 2,5 Prozent hielt er zuletzt. Gemessen an den knapp 300 Millionen Euro, die Kreditech wert sein soll, hätte er rund 7,5 Millionen Euro kassiert - eine Zahl, die laut Diemer zumindest "ganz grob" stimmen dürfte. Was macht jemand, der den größten Teil seines Lebens noch vor sich hat, nun mit so viel Geld?

Sebastian Diemer galt immer als Enfant terrible der deutschen Start-up-Szene. Er war ein bisschen zu laut. Und vielleicht auch ein bisschen zu jung. Kaum hatte er Kreditech gestartet, gab es Ärger mit der Bafin. Die Finanzaufseher störten sich am Geschäftsmodell, das darauf hinauslief, hochverzinste Kurzkredite über das Internet zu vergeben - ohne Banklizenz. Diemer gab auf.

Dafür versuchte er es in Polen und Spanien, wo die Regularien weniger streng sind. Der Plan ging auf. Kreditech wuchs rasch, namhafte Investoren steckten immer höhere Beträge in die Firma. Vom "nächste Amazon" redete Diemer in einem Interview. Ganz so kam es dann doch nicht, 2015 gab er die Geschäftsführung auf, angeblich unfreiwillig, was er selbst aber bestreitet. Ein paar Geschichten wurden gestreut. Wie die von der E-Mail, in der sich Diemer eher unflätig gegenüber einer Mitarbeiterin äußerte.

Nach seinem Ausscheiden bei Kreditech begab er sich auf große Reise. Allerdings nur, um sich auf der ersten Station - nämlich in Kalifornien - beim Motocross den Fuß zu brechen. Im Krankenhaus besann er sich auf das, was er am besten konnte. Er begann wieder zu gründen. Gleich der erste Versuch läuft sehr verheißungsvoll an. Finiata (Markenname: "Bezahlt.de") nennt sich die Firma, die Selbständigen ausstehende Rechnungen vorfinanziert. Anfang des Jahres investierten Risikokapitalgeber 5,5 Millionen Euro. Die nächste große Wette auf die Zukunft.

Gleichwohl: Das Spiel mit den Venture-Millionen, die dazu da sind, hochdefizitären Start-ups rasches Wachstum zu ermöglichen, sieht Diemer inzwischen viel skeptischer als zu Kreditech-Zeiten. Damals freute er sich über die immer höheren Finanzierungen - auch wenn seine persönlichen Anteile dadurch immer weiter verwässert wurden. Heute meint er: "Irgendwann wirst du vom Eigentümer und Gründer zum Angestellten in deiner eigenen Firma." Hinzu komme, "dass die Wette mit jeder Funding-Runde immer binärer wird". Soll heißen: Entweder kommt das Unternehmen ganz groß raus. Oder die nächste Finanzierung bleibt aus - und im schlimmsten Fall droht sogar die Pleite.

Diemer will sich darum in Zukunft auf eine andere Art von Start-up konzentrieren - einfacher, bescheidener, solider. So hat er kürzlich Digitalkasten gegründet, einen Dienst, der private Briefpost einscannt und dem Empfänger - wenn der zum Beispiel im Urlaub ist - per App aufs Handy schickt. Statt Geld zu verbrennen, sei die Firma "seit der Gründung profitabel", sagt Diemer. Klingt fast, als wäre das Enfant terrible erwachsen geworden. Trotz roter Shorts.