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Nahaufnahme:Die Transparente

"Ich glaube, dass viele Kunden inzwischen der Meinung sind, dass sie der Industrie nicht mehr vertrauen können", sagt Fredrika Klarén.

(Foto: Per Norberg/oh)

Fredrika Klarén leitet bei dem chinesisch-schwedischen Elektroautohersteller Polestar den Bereich Nachhaltigkeit. Eigentlich aber geht es ihr gar nicht nur um ihren Arbeitgeber. Sie will, dass jetzt alle Autohersteller Ökobilanzen auf den Tisch legen.

Von Thomas Fromm

Die Autoindustrie, sagt Fredrika Klarén, ist in keiner besonders guten Verfassung. Und das hat ausnahmsweise jetzt mal nichts mit Corona, der Konjunktur oder Handelsstreitereien zwischen den USA und China zu tun. Die Autoindustrie, findet die 41-jährige Schwedin, ist nämlich selbst das Problem. "Wir haben eine Menge Fehler in der Industrie gesehen", sagt sie. "Dieselgate und auch irreführende Angaben, die die Käufer verwirrt haben. Ich glaube, dass viele Kunden inzwischen der Meinung sind, dass sie der Industrie nicht mehr vertrauen können."

Für Klarén aber ist Vertrauen wichtig, nicht zuletzt, weil sie selbst in der Autoindustrie arbeitet. Sie war bei Ikea und der schwedischen Modehauskette Kappahl unter Vertrag, seit April kümmert sie sich bei der schwedischen Elektroauto-Marke Polestar um Nachhaltigkeitsthemen. Von Möbeln und Klamotten zu einem Autohersteller, der angetreten ist, den Elektroautomarkt aufzurollen - besonders der kalifornische Hersteller Tesla gehört zu den Hauptkonkurrenten. Das aktuelle Modell der Schweden, der "Polestar 2", ist eine rein batteriebetriebene Limousine, die vor allem gegen das Model 3 von Tesla zielt. Für einen neuen Anbieter, der von sich selbst sagt, dass er beim Absatz irgendwo zwischen 10 000 und 30 000 Autos im ersten Jahr liegen wird, ist das also eine ziemlich gewagte Ansage: "Wir appellieren an alle Unternehmen aus der Autoindustrie, transparenter zu sein und die Daten zur eigenen Ökobilanz nicht irgendwo in ihren Berichten zu verstecken", sagt Fredrika Klarén. Polestar will nun offenlegen, nach welcher Methodik man seine Ökobilanz berechnet - und hofft, dass die anderen mitziehen.

Raus damit, denn nur, wenn auch die anderen ihren CO₂-Fußabdruck zeigen, könne der Kunde vergleichen. Polestar-Zahlen alleine bringen eben nicht viel: Dass Polestar für den Kunststoff im Innenraum Dinge wie recycelte PET-Flaschen, Fischernetze und Kork verwendet, wird erst im Branchenvergleich zu etwas Besonderem. Eine Zahl, die der Hersteller jetzt veröffentlichte: Ein Polestar 2, der die Fabrik verlässt, hat bereits eine CO₂-Bilanz von 26 Tonnen, mehr als ein vergleichbarer Verbrenner - was vor allem an der energieintensiven Batterieproduktion liegt. Wenn das Auto dann aber mit grüner Energie aufgeladen wird, wird die Ökobilanz immer besser, ab Kilometerstand 50 000, rechnet die Managerin vor, hat das E-Auto den Verbrenner dann überholt. "Autohersteller müssen gemeinsam transparenter werden", sagt Fredrika Klarén. Ein Appell an den weltgrößten Hersteller VW genauso wie an die Rivalen von Tesla. Aber würde denn auch einer wie Tesla-Chef Elon Musk bei ihrer Transparenzoffensive mitmachen? "Ich hoffe ja. Er und auch alle anderen." Polestar will dafür sorgen, dass auch die Zulieferer nachhaltig arbeiten, fordert gemeinsame Nachhaltigkeitsstandards und arbeitet an neuen Recycling-Prozessen. "Wir müssen uns beeilen, denn wir sind noch weit entfernt von den Klimazielen", sagt sie.

Polestar ist ein Joint-Venture des schwedischen Autoherstellers Volvo und des chinesischen Anbieters Geely. Geely hatte Volvo 2010 vom US-Konzern Ford übernommen und saniert, gleichzeitig ist der Autobauer des chinesischen Unternehmers Li Shufu Großaktionär bei Daimler. Es wird seit Längerem spekuliert, dass Geely heimlich an einer Übernahme der Stuttgarter arbeiten könnte. Es hat also durchaus noch einmal eine sehr besondere Bedeutung, wenn die Geely- und Volvo-Tochter Polestar mehr Transparenz einfordert. Allerdings, so macht eine Sprecherin klar: Man verstehe sich nicht als chinesisches Unternehmen, sondern sehe sich ganz in skandinavischer Tradition.

© SZ/cbu
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